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28.09.16

Manfred Prescher

Miststück des Monats September – Nick Cave & The Bad Seeds: »Jesus Alone«

Man könnte echt den Glauben an die Menschheit verlieren, wenn man meinem Mentalcoach so zuhört. Denn so, wie ein Vorwerk-Fifi Dreck einsaugt, macht er es mit Sätzen, die er dank medialer Wiederholung in der Denkmurmel verankert hat. Sie drücken mit Vehemenz in sein Sprachzentrum. Augenblicklich kann er nicht mal zwei »Tannenzäpfle«-Flaschen aus dem Kühlschrank holen, ohne die Distanz zwischen Sessel und Haushaltsgerät mit den aufmunternden Worten »Wir schaffen das« zu überbrücken. Wobei er mit dem »Wir« mich mit einschließt, obwohl ich überhaupt nichts zur Bierbeschaffung beitrage. Denn ich stehe am CD-Player und lege Nick Caves neue Platte ein. Irgendwie überkommt mich schon beim Hören der ersten Takte von »Jesus Alone« das Gefühl, dass man eben doch nicht alles schafft. Denn auch, wenn die Songs der CD »Skeleton Tree« vor dem Tod seines Sohnes entstanden sind, so scheinen sie doch ins zutiefst Unglückliche hineinzudeuten. Quasi als Vorboten des bevorstehenden, noch namenlosen Unheils. »Aber der Cave war doch schon immer sehr düster«, höre ich mein Gegenüber konstatieren. Da ist natürlich etwas dran. Aber vergleicht man »Skeleton Tree« etwa mit dem Vorgänger »Push The Sky Away« fällt das Unfertige der Produktion des neuen Werks sofort auf. Der Künstler hat einfach da aufgehört zu arbeiten, wo die mollig düstere Welt endgültig und ziemlich jäh aus den mühselig zusammengekitteten Fugen geriet. Weil wir eben nicht alles schaffen.

Mein Mentalcoach ist da anderer Meinung, er geht davon aus, dass Cave auch als Künstler weiterleben wird. Im Film zur CD »One More Time With Feeling« wird aber deutlich, dass dieser Weg zumindest kein leichter sein wird, um einen Satz vom Hl. Xaverle zu kolportieren, der vor Jahr und Tag auch andauernd und bei jeder sich bietenden Gelegenheit ins sprachliche Gewebe einbracht wurde. »Du hast doch gesehen, wie sehr der Tod des Sohnes und die Umstände nebst Drogensucht sich auf die Beziehung von Cave und seiner Frau auswirkten. Man konnte den tiefen Graben der Sprachlosigkeit zwischen den Eheleuten sich ausbreiten und sogar den Kinosaal spalten sehen. Fast so, wie in dem alten Hollywood-Schinken mit Clark Gable, der das Erdbeben zeigte, das im April 1906 San Franzisko mit einem tiefen Krustenriss in zwei Teile trennte.

Und, so stelle ich fest, singt Cave über Jesus, der alleine es entweder richtet oder auch ein Sinnbild für das maximale Alleinsein ist: »Der hängt da oben am Kreuz, verlassen von seinem Erzeuger, von der Menschheit und von allen guten Geistern. Tatsächlich geht es Meister Cave doch in ›Jesus Alone‹ um diese Einsamkeit. Wenn wir nach dem Ebenbild des Herrn ›da oben‹ geschaffen sind, dann verbindet uns, dass wir – wie er einst – in den schlimmsten Situationen doch allein sind. Die Menschen, die Nick da aufzählt, hängen nicht am Kreuz, aber sie tragen die Last ihrer Schmerzen und niemand hilft ihnen dabei.« Aber das ist meinem Mentalcoach dann doch zu defätistisch. »Weißt du«, sagt er, »ein großer Philosoph – ich bin mir grad nicht sicher, ob es Gilles Deleuze oder Sepp Herberger war – stellte einst fest, dass wir das Erdenleben genießen sollten, so lange es inklusive Nachspielzeit dauert. Denn wir wissen nicht, ob wir als Feuersalamander, Mario Götze oder überhaupt nicht wiedergeboren werden. Oder ob es einen Himmel gibt, in dem dann alles Friede, Freude, Eierkuchen ist undsoweiter.«

Das ist für ihn auch der Grund, warum er keine schlimmen Tarantino-Filme anschaut und sich der Düsternis von Cave immerhin mindestens so lange entzieht, bis der Gerstensaft aus dem Hochschwarzwald seine melancholischen Nebelschwaden im Dachgebälk freisetzt: »Ich bin doch mehr für positive Grundgedanken. Und da passt der Satz ›Wir schaffen das‹ als Affirmation doch ganz gut. Weil: Macht es Sinn, wenn wir pessimistisch ›Wir schaffen das nicht‹ postulieren?«, fragt er ausgerechnet mich. Wo bei mir doch die Tannenzäpfle-Flasche schon nach dem ersten Schluck eher halbleer als halb voll ist. »Aber doch nur, weil du anziehst wie ein Vorwerk-Fifi und dir den halben Liter praktisch tutto completto aufs Zäpfchen gießt. Ansonsten glaubst du doch auch an das Gute, daran, dass man an sich arbeiten kann, dass man Beziehungen retten kann, dass aus einem Frosch ein schöner Prinz wird, wenn man ihn nur lang genug aufbläst.« Ich unterbreche ihn, weil ich dringend die CD wechseln muss und mich auf die schwere Auswahl eines Kontrastprogramms zu Nick Cave konzentrieren muss. Das ist nun wirklich nicht einfach. Denn wenn einen die Schwermut schon tief in die Erdspalte, die sich im Zimmer auftut, gezogen hat, kommt man schwer wieder raus. »Nimm doch die letzte CD von der Angel Olsen. Die hab ich dir doch zum Geburtstag geschenkt, weil du ob der Last der Jahre meintest, du könntest gleich den Löffel abgeben. Hat dich seinerzeit sehr aufgebaut.« Er hat recht. »My Woman« ist wirklich schön, von Grund auf positiv – ohne sich freilich geschmäcklerisch an der allgemein üblichen Oberflächlichkeit anzudocken.« Mein Mentalcoach hat auch grad Lust auf Popdiskurs, denn so landen wir bei M.I.A. und kommen vorher beim Hundertsten und Tausendsten vorbei. Spätestens bei der Frage, ob Ellie Goulding gut oder bäh ist, lassen wir dann das Bierfläschen auf dem Tisch kreisen. Fast so wie beim Flaschendrehen. Bloß, dass keine Mädels da sind. Dazu singt Angel Olsen »Shut Up And Kiss Me«. Und das ist, da sind wir uns dann wieder einmal einig, so ziemlich das Beste, was man in manchen Situationen machen kann. Wir gehen also heim zu unseren Mädels und sind ganz lieb. »Das schaffen wir«, sage ich, und er gibt mir recht.



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