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13.05.10

Axel Scherm

Zu dunkel, zu hell

Seit ich vor ein paar Monaten sämtliche Glühbirnen und Leuchtstrahler im Haus durch Energiesparlampen ersetzt habe, wird es nach dem Einschalten des Lichts gefühlt dunkler, anstatt heller. Dies ist der technischen Unzulänglichkeit jener neumodischen Leuchtkörper geschuldet, eine nicht unerhebliche Weile zu benötigen, bis sie ihre vollständige Strahlkraft erreichen. Die andere Alternative energiesparender Leuchten, also solche mit Leuchtdioden, von denen ich auch einige verschraubt habe, geben zwar ein helles, fast gleißendes Licht ab, tun dies aber räumlich nur sehr eingeschränkt und der nicht direkt angestrahlte Raum verharrt eher im Dunkeln.

Die Liebste ist von diesem Umstand wenig angetan und neigt seither zum Maulen. Ich gestehe, ich fürchte den Tag, an dem sie die eingesparte Energie mit der eingebüßten Lebensqualität verrechnet, diese Bilanz nicht zugunsten der Energieersparnis ausgeht und sie mich auffordert, sämtliche Birnen, Kerzen und Strahler, die ich weiland großzügig an Nachbarn, Bekannte und Freunde verschenkt habe, zurück ins eigene Heim zu holen, um dieses wieder angemessen zu illuminieren.

Im Zusammenhang mit Leuchtdioden gibt es allerdings noch ein zweites Problemfeld in unserem Haushalt.
Die Liebste hat sich angewöhnt, nachts, bevor sie sich dem Reich der Träume überstellt, eine Folge Winnie The Pooh zu hören, gelesen vom einzigartigen, vom unnachahmlichen, vom unerreicht bärtigen Harry Rowohlt . Dazu hat sie ihren mp3-Player mit zwei kleinen Lautsprechern verbunden, auf deren Oberseite eine Leuchtdiode ihr grellblaues Licht über Nachttisch und Kopfkissen ergießt.
Zwar ist die Liebste meistens bereits eingeschlafen, kaum dass Harry den einführenden Text Geschichten von einem Bären, mit sehr geringem Verstand gesprochen hat, aber wenn sie nach der ersten Tiefschlafphase erwacht, fühlt sie sich von besagter Diode geblendet und das Abschalten der Boxen gestaltet sich als unzumutbare Fummelei. Der Vorteil des sanften Entschlummerns durch Herrn Rowohlts beruhigende Stimme wird also durch den Nachteil der Blendung und Lautsprecherabschaltung wieder wett gemacht.
Ich solle mir diesbezüglich bitteschön Abhilfemaßnahmen einfallen lassen, forderte die Liebste deshalb nachdrücklich und mir war schnell klar, dass die störende Überbeleuchtung des Nachttisches einen ähnlich hohen Stellenwert einnahm, wie die Unterbelichtung des restlichen Hauses durch fehlkonstruierte Sparlampen.

Ebay entpuppte sich schließlich wieder einmal als Retter in der Not. Für ein paar Euro wurde dort eine Zeitschaltuhr angeboten, die mit nur einem Tastendruck ein angeschlossenes Gerät nach einer vorgegebenen Zeit abschaltet. Als ich das Päckchen öffnete, traute ich allerdings meinen Augen nicht: auf der Zeitschaltuhr war eine Leuchtdiode angebracht, die grellblau leuchtend den Dauerbetrieb und grellblau blinkend den Zeitschaltbetrieb anzeigte.
Wortlos hielt mir die Liebste nach der ersten grellblau durchblinkten Rowohltnacht dieses Wunderwerk der Technik hin und in ihren von schwarzen Ringen untermalten Augen konnte ich lesen, dass niemals trefflicher ein Teufel mit einem Beelzebub ausgetrieben worden war.

Mit einem gezielten Hammerschlag hauchte ich schließlich der Leuchtdiode ihr Leben aus. Seither schläft die Liebste ein, wie ein Baby. Im Gegenzug hat sie die eingangs beschriebenen Verdunkelungsleuchten nie mehr erwähnt.

Diese Kolumne finden Sie auch in Axel Scherms Ende 2010 erschienenem Buch »AxeAge – Das Printlog zum Weblog«.



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Axel Scherm

Geboren 1961 in Bayreuth – Festspielstadt, Beamtenstadt, Universitätsstadt. Richard Wagner lag ihm nicht und Beamtentum schon gar nicht. Zur Uni hat's wegen Abi (sprich kein Abi) nicht [..]

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