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31.05.08

Axel Scherm

Licht am Ende

Angefangen hat alles gestern, als unser Systemadministrator folgende E-Mail herumgeschickt hat:
In 10 Minuten wird der Tunnel zum Kunden XY neu gestartet. Bitte offene Verbindungen zu diesem Kunden beenden.
Ich konnte mir natürlich nicht verkneifen zu erwidern, dass Tunnel nicht gestartet, sondern allenfalls gegraben, im Extremfall gar gesprengt werden, um ihn, den Herrn Systemadministrator daraufhin abfällig einen Nerd zu nennen und genüsslich seine Antwort abzuwarten.
Die ließ tatsächlich nicht lange auf sich warten, fiel aber insgesamt eher mau aus. Das sonst übliche und meist äußerst amüsante Hin und Her zwischen ihm und mir blieb aus und das Thema Tunnel war vorerst gegessen ...

... bis – ja bis heute morgen eine groß angelegte Teeküchendiskussion in Gang kam zum Thema »Meine Fresse, gestern war der Dieselpreis erstmalig höher als der Benzinpreis, wo soll das alles bitteschön noch enden«.
In dem Zusammenhang wurde natürlich ausführlich über alternative Antriebs- und Fortbewegungsmethoden diskutiert, was in der Erkenntnis gipfelte: Beamen ist wohl die einzig wahre und akzeptable Alternative für diese, unsere - will heißen der Menschheit - Zukunft.
Weil einer unserer Geschäftsführer, Dr. H., Physiker ist und wir die Frage sofort und auf der Stelle klären wollten, wie die Menschheit in naher Zukunft von A nach B sich würde fortbewegen, haben wir ihn kurzerhand befragt.
Die Antwort konnte nicht wirklich befriedigen, lief sie doch auf die Gegenfrage hinaus, ob wir nichts besseres zu tun hätten und überhaupt würde beamen niemals funktionieren – niemals, also allerhöchstens theoretisch.
»Allerhöchstens theoretisch« schrie er uns nach, als wir sein Büro verließen und wir wussten natürlich, dass das übersetzt hieß: »Schaut, dass Ihr wieder an Eure Arbeit kommt – aber dalli!«

Doch unser Doc wäre nicht unser Doc, hätte er sich nicht insgeheim ein paar kleine Doc-Gedanken gemacht und so wartete er in der Mittagspause mit Erläuterungen auf, die sich aus Wikipedia-Erkenntnissen und Wissensgrundlagen seines aus dem vergangenen Jahrhundert stammenden Physikstudiums zusammensetzten.

Also – begann er geheimnisvoll – da gibt es zunächst die so genannte Schrödingergleichung, eine Differentialgleichung für die Wellenfunktion, nach der der Aufenthalt von Teilchen abgeleitet werden kann. Nach der Logik dieser Wellenfunktion kann es sein, dass durch den exponentiellen Abfall einer Welle in den so genannten verbotenen Bereich – nur die Pfarrer werden wohl wissen, wo dieser Bereich genau zu suchen ist, aber ich nehme an, es ist die Hölle – bleibt am Ende noch ein Rest der ursprünglichen Welle übrig.
Da nach den Regeln der Quantenmechanik das Betrags-Quadrat der Wellenfunktion – bei diesen Worten malte Doc eine Art Blumenvase mit einer hochgestellten »2« auf ein Flipchart – eine Wahrscheinlichkeitsdichte darstellt, gibt es eine kleine Wahrscheinlichkeit – jetzt zog Herr Doktor die Augenbrauen hoch und unterstrich noch einmal nachhaltig – gibt es eine kleine Wahrscheinlichkeit, dass das Teilchen am anderen Ende einer Barriere auftaucht.
Wir machten erstaunte Gesichter und fanden bewundernde Worte, hatten aber nix, um nicht zu sagen überhaupt nix verstanden.

Herr Doktor fuhr unbeirrt fort: Man nennt dieses Phänomen auch den Tunneleffekt, weil die Teilchen die Barriere klassisch nicht überwinden können, sondern man sich diese Raumverschiebung eher als »Durchtunnelung« vorstellen muss.
Aha! Der Systemadministrator und ich blickten uns vielsagend an.
Dann verstieg sich Doc in eine Vielzahl kryptischer Formeln, zu denen er erklärende Satzfragmente wie: dies ist eine Superposition einer einlaufenden und einer auslaufenden ebenen Welle ... Im Bereich (i) ist anschaulich klar, dass A=1 und B=R sein muss ... man erhält den Transmissionskoeffizient T für E < V0 ...

Uns schwirrte der Kopf und wir waren längst wieder dahingehend missioniert, dass ein Dieselfahrzeug dann wohl doch das wesentlich bessere, weil nachvollziehbarere Transportmittel sei, sich von A nach B zu bewegen, als Doc, der sich inzwischen in Rage geredet hatte, mit den Worten endete:
Um die Transmissionsformel noch etwas anschaulicher zu machen, betrachtet man beispielsweise den Grenzfall (V0 -> 0). Hier geht die Transmissionswahrscheinlichkeit gegen 1, was auch anschaulich klar ist: keine Barriere, keine Reflexion.
... und plötzlich hatte ich auch die Transrapid-Rede von Edi Stoiber verstanden.

Hach, manchmal fügt sich alles so herrlich. Man muss nur drüber sprechen.

Diese Kolumne finden Sie auch in Axel Scherms Ende 2010 erschienenem Buch »AxeAge – Das Printlog zum Weblog«.

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Axel Scherm

Geboren 1961 in Bayreuth – Festspielstadt, Beamtenstadt, Universitätsstadt. Richard Wagner lag ihm nicht und Beamtentum schon gar nicht. Zur Uni hat's wegen Abi (sprich kein Abi) nicht [..]

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