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17.06.01

Enrico Schiratti

Salvatore trifft Picachu

Fernsehbild (Zeichentrick: Pikachu)

Pikachu

Foto: Guido Grigat

Die beiden Figuren stehen sich gegenüber. Ein Schwall Latein, Griechisch, Holländisch und Uzbekisch geht über dieses kleine gelbe süße kapitalistische Eichhörnchen (vermute ich mal) hernieder. Es blinkt einmal mit den Äuglein und antwortet in einem mit Worten nicht vermittelbaren Tonfall... »Pikachu!«. Salvatore nickt und erbricht. Am liebsten würde ich Salvatore umarmen und das zotteleckige gelbe Ding in den Bottich, mit dem Kopf nach unten sinken lassen, aber Ornella lässt mich nicht. Sie hatte es viel lieber, wenn Salvatore Wasser atmen würde. Du sollst vorm Einschlafen NICHT Umberto Eco lesen UND gleichzeitig über Ornellas Lieblingszeichentricktier nachdenken. Vor allem nicht, wenn es hier in Athen heiß ist.

Die Unterhaltung gestern Abend war recht mühsam. Meine 7-jährige Tochter wollte die Notwendigkeit zur Schule zu gehen pauschal wegdiskutieren. Es reiche vollkommen aus, das zu können was sie bereits kann; das war die Hauptargumentation der Verteidigung. Die Anklage klagte gar nicht an, sondern stellte nur fest, dass ihr Horoskop morgen Schule voraussagt und sich Horoskope nun mal nicht irren. Wir müssen absurde Gründe benutzen, weil das durch-Logik-Haarwurzeln-quälen eine von Ornellas Lieblingsbeschäftigungen ist. »Könntest Du bitte Deine Aprikosenkerne mitnehmen und wegwerfen wenn Du aufstehst?« »Warum? Du hast mir gestern Vormittag oder am Samstag die Zunge gezeigt!« Die kleine Russin ist zur Zeit so etwas wie eine Kreuzung zwischen der Oktoberrevolution und dem heutigen Stand der Technik in Sachen Künstlicher Intelligenz.

Es ist schlicht zuviel für sie. In den letzten 10 Monaten wurde sie mit zwei verschiedenen Alphabeten zugeschüttet, die eine Sprache mit unerklärlichen Akzenten verziert, die andere wird nicht so ausgesprochen wie man sie schreibt. Ihr Lieblingsfach Mathematik verkommt zu »citirie sin dekaefta einai twenty-one... Da?«. Hinzu kommt, dass sie von Natur aus eigentlich faul ist. Nicht im schlechten und modernen Sinne... sie hat dieses südländische Siesta-Gen irgendwo auf einem der beiden X plaziert. So als Beispiel, ihr Lieblingsessen ist »nothing«... weil man egal was man isst immer kauen und/oder schlucken muss. Und dieses laisez-someone-else-faire beisst sich tückickerweise mit einem anderen Teil ihres Erbgutes, sie besitzt den Ehrgeiz von 10 Physik-Leistungsfächlern. Sie will in der Lage sein, metaphorisch gesehen, jeden einzelnen Ball der ihr egal wie angeschnitten entgegenkommt mit dreifachen Drall wieder übers Netz zu rächen.

Wie die meisten Kinder die in den ersten sechs Lebensjahren eher schüchtern und zurückgezogen sind, blüht bei Ornella heuer der Kommunikationsdrang. Und sie leidet darunter. Es ist eine schreckliche Situation für sie in ein Land teleportiert worden zu sein, in dem sie die Früchte dieses Dranges in fremden Sprachen reifen lassen muss. Dazu musste sie erst in müheloser Kleinarbeit ihre eigene Sprache entwickeln. Brunduk. Brunduk bedeutet auf russich Waschbär oder so etwas ähnliches... genauer wurde es nicht eruiert. Es hört sich ein wenig wie ein ins Kisuaheli abdriftende Arabisch an, »Wachanda! Dolnischi inaga lachandu nigola noi? <kopfschütteln>« Und ich mache wie angewiesen die Zigarette aus. Beim nächsten Male werden völlig andere Worte nach dem »Wachanda!« eingesetzt, ich mache aber trotzdem, wie mir befohlen, die Zigarette aus.

Fernsehbild (Zeichentrick: Pikachu und Freunde)

Pikachu (Mitte) und Freunde

Foto: Guido Grigat

Das ist aber alles viel zu umständlich. In der Schule traf sie auf dieses Kommerz-Monster Picachu... ein zentrales Teil des Pokemon-Universums. Ich bilde mir natürlich ein, dass meine hochintelligente Tochter diesen Zirkus nur aus Höflichkeit gegenüber ihren Klassenkameraden mitmacht, und vielleicht ist sogar etwas dran. Was nach ein wenig Kratzen an der japanischen Cartoon-Theologie herauskommt ist blanker Atheismus, eins bleibt aber... das gelbe Eichhörnchen braucht ein einziges Wort um nach Hilfe zu rufen, Ungehaltenheit zu projizieren, Warnrufe auszustossen oder schlicht Süssstoff pur zu verbreiten. »Picachu!«... den eigenen Namen also. Satoshi Tajiri is God! Welch wunderbare Welt! Keine Grammatik, keine Verständnissprobleme. Ein utopisches Babel 2K erreicht Nirvana. Salvatore is wegrationalisiert, zusammen mit Esperanto und Volapük.

Fünfsprachig (Russisch, Neugriechisch, Englisch, Brunduk und Pikachu) zieht sie jetzt durch die Lande, mal Salvatore, mal Pikachu. Ich bin stolz auf sie, und auf dem Wege zurück von der Schule werde ich ihr ein Chupa Chup (was ist eigentlich singular von Chupa Chups?) mit »Gotta Catch 'em all!« kaufen und leicht versteckt auf ihren Schreibtisch legen. Später wird sie uns beseelt die Ihr dargebrachte Opfergabe zeigen, und ich habe mir vorgenommen ein herzliches »Picachu!« auszustossen. Ihre Antwort wird vermutlich lauten »You are a very crazy Brunduk, Papi«.

So, und jetzt muss ich uninformierter Spießer mal nachbrowsen, wie »Pi(c/k)achu(!/?)« eigentlich geschrieben wird, und auf welchen etymologischen Fundamenten es basiert. Vielleicht lernt man in der Schule doch nicht das wesentliche.

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Foto: Enrico Schiratti

Enrico Schiratti

Enrico Schiratti, seit 1967 unterwegs. Nun am Lago Maggiore; nach mehrjährigen Aufenthalten in Weltstädten wie Athen, Mailand, Arosa, Nairobi, Wiesbaden, Aix-En-Provence und Krefeld. Erstes [..]

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