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16.08.06

Joachim Schott

Krass: Grass in SS!

Sicher, es mag derzeit wichtigere Themen geben, über die sich aufzuregen angemessen erscheint: Die von dem sogenannten »investigative reporter« Seymour Hersh geäußerten Vermutungen, daß Israels Bombardements des Süd-Libanons nicht nur von langer Hand geplant, sondern womöglich von der US-Regierung auch positiv sanktioniert waren, sollte vielleicht mehr als ein stillschweigendes Stirnrunzeln erzeugen. Die anstehende Mehrwertsteuererhöhung ist vielleicht für viele das Ärgerlichste, über das sich zu echauffieren lohnte.

Mir schwillt der Kamm über die »Grass-Debatte«.

Kurz zur Sache. Nobelpreisträger und Chef-Humanist G.G. bekennt, mit siebzehn der Waffen-SS beigetreten zu sein. Weiteres, vielleicht Genaueres, Erklärendes können wir vielleicht seinem neuen Buch »Beim Häuten der Zwiebel« entblättern.

Bevor das aber geschehen kann, schlägt die Feuilleton-Intelligenzia mit aller Macht zu. Und nicht nur die. Jeder kleine Wichtigtuer hat plötzlich am Wams der Humanisten-Lichtgestalt zu flicken. Selbstverständlich mischt sich auch der unsägliche Kleinling Pofalla ein, sich nicht scheuend, als ein profaner Mit(an)faller daherzukommen. Und das Schweineblatt beredt vorweg! Nicht, daß das nun wirklich der genannten Intelligenzia angehörte. Aber es geriert sich demgemäß.

Was ist denn in den letzten 60 Jahren geschehen? Ein Siebzehnjähriger (!) ist in die Waffen-SS eingetreten. Er schwieg über diesen Vorgang. Danach fing er an zu schreiben. Mindestens ein Werk ist von außerordentlicher, literarischer Bedeutung: »Die Blechtrommel«.

Er schwieg weiter über sein »Vergehen«. Danach begann er, sich einzumischen. Meistens moralisch. Und meistens auch moralisch eher kontrovers. Immer noch schwieg er. Dann setzte er seine kontroverse Einmischung fort. Gleichwohl schwieg er weiter. Er wurde, ob gewollt oder ungewollt bleibt mal dahingestellt, zur »Moralischen Instanz«. Er schwieg beharrlich weiter. Dann bekam er den Nobelpreis. Sein Schweigen blieb ungebrochen.

Er äußerte sich nicht ungerne zu politischen Tagesgeschehnissen. Nicht selten wirr, aber immer zum Verdruß jener, denen kritische Äußerungen prinzipiell nicht so recht geheuer erscheinen, aber auch jenen, die sich eine etwas differenziertere Auseinandersetzung mit Fragen des Zeitgeschehens wünschten. Dennoch blieb er über seinen Beitritt zur Waffen-SS wortlos.

Plötzlich dann, in den letzten Tagen, schoß ein Wortblitz über das deutsche Kulturland: Ich habe es getan!

All die Keile, die von Ewiggestrigen, Erz- und Wertkonservativen unter diesen Moral-Granolit eingestemmt worden waren, damit jene nicht von diesem überrollt würden, wurden mit dieser enormen Bekenntnisdüse weggespült. Es scheint, als ob die Kleingeister, die jahrzehntelang nichts fanden, an diesem Moral-Monolithen zu kratzen, nun endlich die Gelegenheit wahrnehmen, ihn zu Staub zu zermahlen.

Einen armseligeren Versuch, eine (für mich höchst zweifelhafte!) Institution der Moral zu demontieren, habe ich noch nicht erlebt!

Ich bin kein bekennender Fan von Grass. Warum erkenne ich eher Größe in der Tatsache, daß er seinen Beitritt nach 60 Jahren bekennt, als Verfehlung, es nicht bekannt zu haben? Ich bin doch auch Deutscher!

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