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01.09.06

Stefan Schrahe

Mein Nachbar, der Heimwerker

Mein Nachbar ist Rentner und Heimwerker. Heimwerker ist er schon, seit er mein Nachbar ist. Rentner aber erst seit letztem Jahr. Er hat seine Garage selbst gebaut, die Auffahrt planiert, einen Kamingrill errichtet, einen Teich angelegt und den Dachstuhl ausgebaut. Mit Gäste-WC, Bidet und Urinal. Er hat sogar einen Anhänger, um im Baumarkt Material zu holen.

Seine Frau ist Hausfrau. Eine nette ältere Dame, die gerne auf der Terrasse in der frischen Luft sitzt und dort Kartoffeln schält, Kirschen entkernt oder Gemüse putzt. Die Terrasse ist eine Nordwest-Terrasse. Da kommt zwar keine Sonne hin, aber im Sommer ist das sowieso angenehmer. Auch wenn sie die Nachbarinnen zum Kaffee einlädt. Nur musste irgendwann im letzten Jahr die Kaffeetafel ins Haus flüchten, weil es plötzlich zu regnen begonnen hatte.

Für einen Heimwerker sind solche Unbilden der Natur eine ultimative Aufforderung zur Tat. Nach ausgiebigen Vermessungen, dem Anfertigen von Zeichnungen und reiflichen Überlegungen war klar: Eine feste Abdeckung musste über die Terrasse, um fortan den Schutz vor Regen zu gewährleisten. Die Konstruktion war respektabel. Eine Plexiglasscheibe auf fünf mal drei Metern stützte sich auf eine stabilen Rahmen aus Vierkantrohren – natürlich rostfreies VA – die mittels Fundament im Boden fest verankert waren. Zur Einweihung waren wir eingeladen. Weil es partout nicht regnen wollte, konnten wir die neu hinzugewonnene Lebensqualität nur in der Theorie bewundern.

Leider regnet es nicht immer genau von oben. Das Mikroklima mit unberechenbaren Luftbewegungen – neben ausgewachsenen Böen – führt dazu, dass Regen manchmal schräg zu Boden fällt. Auch mein Nachbar musste sich dieser Erkenntnis beugen, nachdem es mehrere Male vorgekommen war, dass sich trotz ausladenden Verdecks bei starkem Regen nur wenig mehr als ein Meter der Terrasse – von der Hauswand aus gesehen – wirklich trocken halten ließ. Missmut kam in ihm auf und der Wille, das Bauwerk so zu perfektionieren, dass es seinem Zwecke ohne Einschränkung dienen könne.

Die an den Seiten offene Konstruktion der Abdeckung musste nun in alle Richtungen abgedichtet werden. Wiederum hörten wir mehrere Tage lang die unverkennbaren Geräusche von Bohrhammer, Trennschleifer und Akkuschrauber herüberwehen. Ihr Gemüse putzte unsere Nachbarin unterdessen in der Küche. Dann war das Werk vollbracht: Der vorher nur als Abstützung dienende Rahmen war nun fachwerkartig ausgebaut worden. Große Scheiben aus Plexiglas schützten – oben, unten und an den Seiten mit Silikon abgedichtet – die Kaffeetafel oder das sommerliche Kirschen-Entkernen nun auch bei Starkregen.

Während des nächsten Sommergewitters klingelte unser Telefon. Wir sollten mal rüberkommen und uns von der Qualität des Bauwerks überzeugen. Mit Regenschirmen bewaffnet sprangen wir über Sturzbäche, die sich bereits auf dem Gehweg gebildet hatten, um sodann unsere Nachbarin zu bestaunen, die – von laut prasselnden Regentropfen und dem stolzen Lächeln ihres Gatten begleitet – Kartoffeln für das Abendessen schälte.

Uns kam die Temperatur auf der nun wettergeschützten Terrasse – nach heißem Tag – allerdings recht hoch vor. Auch hatte ich bemerkt, dass die Scheiben von innen beschlagen waren, was während des Gewitters natürlich nicht weiter tragisch war. Wie wir ein paar Tage später erfuhren, hatte sich hier jedoch ein echtes Problem angedeutet. Der Beschlag nach entsprechenden Regenfällen hielt sich hartnäckig und machte – um der Schimmelbildung vorzubeugen – stets ein sofortiges Abwischen mit einem Fenster-Abzieher notwendig. Mein Nachbar hatte auch schon erwogen, eine Klimaanlage einzubauen, um beide Nachteile – hohe Temperatur und Beschlagneigung – endgültig ausmerzen zu können.

Dazu kam es aber erst im Frühjahr. Vorher wurde es Herbst und einmal die Woche musste das Plexiglaskabinett von heruntergefallenen Blättern gereinigt werden, was für meinen Nachbarn die Anschaffung einer Spezialleiter notwendig machte. Verschmutzungen durch Vogelkot ließen sich nur mit dem Dampfstrahler nachhaltig entfernen, was aber zuweilen das Silikon aus den Fugen löste. Aufwändige Ausbesserungsarbeiten wurden notwendig.

Im letzten strengen Winter schließlich musste mein Nachbar so manche Nacht wach bleiben, um den Schnee alle paar Stunden vom Plexiglasdach herunter zu fegen. Es reifte der Plan, nach dem Winter einen Austausch gegen richtiges Glas mit eingearbeiteten Heizfäden in Angriff zu nehmen. Computergesteuert mit einer die Schneehöhe messenden Sensorik. Damit man auch mal für ein paar Tage wegfahren kann.

Die Klimaanlage kam im Frühjahr. Die anvisierten Probleme waren – wie sich nach den ersten warmen Tagen zeigte – tatsächlich behoben. Wenig später litt unsere Nachbarin jedoch an einer Lungenentzündung. Vorher hatte sie schon über trockene Schleimhäute und das Geräusch des Gebläses geklagt, woraufhin unser Nachbar über eine schalldichte Isolierung des Klimakompressors sowie eine automatische Raumbefeuchtung bei weniger als 33 Prozent Luftfeuchte grübelte.

Dann muss es aber zu einer ernsthaften Krise zwischen den Beiden gekommen sein. Ihn habe ich schon länger nicht gesehen. Sie hat sich dafür Tisch und Stühle aus der Glasbox in den Garten gestellt – da sieht man sie jetzt bei schönem Wetter Kartoffeln schälen, Kirsche entkernen oder Kaffee trinken. Wenn´s regnet, geht sie einfach ins Haus.



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Stefan Schrahe

Wurde 1962 in Waldbröl geboren und lebt heute in Bonn und Mainz. Mit dem Schreiben hat er 1988 angefangen. Bis 1991 erschienen drei Automobil-Monographien im Heel-Verlag/Königswinter. Wegen [..]

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