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03.01.10

Stefan Schrahe

Die Begleiterinnen

Ich kann auf vieles verzichten. Aber nicht auf mein Navigationsgerät. Auch wenn ich meist auf »Leise« stelle, ist mir unvorstellbar, ohne meine elektronische Co-Pilotin durchs Leben zu fahren. Als mein bester Freund und ich aber die Motorräder auf dem Anhänger festgezurrt hatten, fiel mir auf, dass an der Windschutzscheibe seines Kombis bereits eine elektronische Begleiterin installiert war. Dabei hatte ich meiner schon am Vortag unser Ziel verraten und sie schon mal rechnen lassen. Um aber am Anfang unseres lang geplanten Urlaubs keine Missstimmung aufkommen zu lassen, schlug ich vor, für die Fahrt aus dem kalten Deutschland in die frühherbstliche Provence die Saugnapfhalterungen beider Geräte anzubringen. In doppelter Begleitung machten wir uns auf den Weg.

Die meinige braucht immer ein bisschen, bis sie hochgefahren ist. Eine kleine Kurzstrecke zwischendurch ist nicht ihre Spezialität. Wenn sie aber einmal so weit ist, verfolgt sie ihr Ziel mit stoischer Beharrlichkeit und großer Umsicht. So war sie noch ganz mit sich selbst beschäftigt, als die Begleiterin meines besten Freundes bereits voll bei der Sache war und erste Anweisungen gab.

Das Timbre ihrer Stimme fiel mir direkt auf. Keine sachlich-nüchterne Nachrichtenstimme, sondern eine tiefere Tonlage mit rauchiger Unterfütterung, die zudem in ihrer Art Kunstpausen zu setzen, einen unverkennbar erotischen Aufforderungscharakter hatte.

»Klingt gut, oder?«, fragte mein bester Freund mich prompt.

»Schon«, antwortete ich. »Aber ich bin mal gespannt, ob sie auch den Weg nach Frankreich findet.«

Immerhin hatte sie aber schon die Ankunftszeit berechnet. Um 23:35 würden wir unser Ziel erreicht haben. Nervös registrierte ich, dass meine Navigatorin immer noch auf Satelliten-Suche war. Am Stadtausgang war sie endlich soweit und gab in ihrer nüchternen Art die Anweisung, der Autobahn Richtung Kaiserslautern zu folgen. Soweit bestand zwischen unseren Begleiterinnen bestes Einvernehmen. Die zehnminütige Differenz in der Ankunftszeit waren wir, angesichts einer Reisezeit von insgesamt elf Stunden, bereit zu ignorieren.

Der erste Konflikt stellte sich jedoch schon beim Autobahnkreuz ein. Die Dame mit der rauchigen Stimme plädierte dafür, der südlichen Autobahn zu folgen, während sich die mir vertraute Navigations-Expertin zunächst weiter westlich halten wollte.

»Sie kennt die Strecke«, warf ich ein. »Ich bin letztes Jahr mit ihr schon mal hierher gefahren.«

Aber mein bester Freund hatte den Blinker schon Richtung Süden gesetzt. Während ich noch haderte, wollte die Meinige keine schlechte Stimmung aufkommen lassen und hatte sich bereits nach wenigen hundert Metern als echte Teamplayerin erwiesen. Sie hatte die neue Situation akzeptiert und sich nur wenige Sekunden später der Empfehlung ihrer Kollegin angeschlossen. Dies aber nicht, ohne darauf hinzuweisen, dass sich unsere Ankunftszeit damit leider um sechs Minuten verzögern würde.

Stumm verbrachten beide die nächsten hundert Kilometer an der Windschutzscheibe und ich meinte, das Aufkommen einer frostigen Atmosphäre zu verspüren. An uns vorbei zog das trübe, graue Südwestdeutschland.

Kurz vor der Abzweigung Richtung Strassbourg erwachten beide aus ihrer Agonie und meine Assistentin begeisterte mich aufs Neue mit ihrer Fähigkeit, Ortsnamen in fremden Sprachen völlig fehlerfrei im jeweiligen Idiom auszusprechen. Ich wies meinen besten Freund außerdem darauf hin, dass sie – falls wir dies wünschten – in der Lage wäre, ihre Anweisungen in acht verschiedenen Sprachen, darunter auch Holländisch und Finnisch, zu geben.

Leider hatte ich nicht gewusst, dass seine Begleiterin einschlägige Redewendungen in insgesamt sechsundzwanzig Sprachen beherrschte. Darunter zwei verschiedene chinesische Dialekte sowie Thailändisch. Die nächsten zweihundert Kilometer wurde aber gar nicht geredet. Von niemandem.

Nach unserer ersten Tankpause geschah etwas Seltsames. Beim Wiedereinschalten zeigte die Begleiterin meines besten Freundes eine um 90 Minuten spätere Ankunftszeit. 1:35 Uhr lautete ihre Prognose. Meine Gefährtin – die ich in meiner Jackentasche mitgenommen hatte – hatte dagegen nur brav die Zeit unseres Stopps hinzu addiert und kam so auf eine Ankunftszeit von 0:05 Uhr.

»Ich verstehe das nicht«, murmelte mein bester Freund, während sie uns in unverändertem weich-erotischem Timbre vom Parkplatz weg und wer weiß wohin zu locken versuchte. Wie sich nach einer Kontrolle der Wegbeschreibungen herausstellte, wollte sie durch die Schweiz.

»Durch die Schweiz«, sagte ich fassungslos. »Wir haben Strasbourg hinter uns und Deine Madame will durch die Schweiz.«

»Vielleicht ist das kürzer«, startete er eine ritterliche Rettungsaktion. Aber der Blick auf die Entfernungsangabe strafte seinen Worten Lüge. 150 Kilometer Umweg zum Ziel. Anscheinend wollte sie durch die Schweiz, weil sie durch die Schweiz wollte.

»Sie mag ja Thailändisch können und Mandarin,« sagte ich. »Und ja – ihre Stimme hat was. Aber entweder ist sie jetzt eingeschnappt, weil wir sie eben im Auto gelassen haben. Oder sie kennt definitiv nicht den kürzesten Weg in die Provence.«

Mein Freund, der am Steuer saß, willigte zähneknirschend ein, der für uns angenehmeren, weil kürzeren Empfehlung meiner Begleiterin zu folgen. Womit sich die Dame mit der erotischen Stimme aber nicht abfinden wollte: Die nächsten fünfzig Kilometer lockte sie uns an jeder Ausfahrt, den eingeschlagenen Weg wieder zu verlassen.

»Sie ist außerdem stur,« stellte ich genervt fest. »Und hat einen schwierigen Charakter. Wie alle Deine Frauen.«

»Deine ist dafür langweilig«, entgegnete er. »Perfekt – aber langweilig. Ich brauche wohl nicht zu sagen, an wen mich das erinnert. Und außerdem: Das Leben wird nicht durch Gradlinigkeit interessant. Sondern durch Umwege.«

Es war dies der Moment, in dem auf dem Antlitz meiner Begleiterin ein Dialogfenster erschien, das ich sonst nur von meinem PC kannte. »Fatal Application Error« war zu lesen. Und meine Berührungen ihres Touch-Screens ließen sie vollkommen unbeeindruckt. So hatte sie noch nie reagiert.

»Schau, was Du gemacht hast.« Ich war zornig. »Deine will immer noch durch die Schweiz und meine ist jetzt beleidigt.«

»So geht es nicht«, sagte mein bester Freund und fuhr rechts ran. »Jedesmal, wenn Frauen oder Kinder dabei sind, kriegen wir Ärger.«

An der nächsten Tankstelle hielten wir an und kauften eine Frankreich-Karte.

Von da an haben wir uns prima erholt. Alle vier.



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Stefan Schrahe

Wurde 1962 in Waldbröl geboren und lebt heute in Bonn und Mainz. Mit dem Schreiben hat er 1988 angefangen. Bis 1991 erschienen drei Automobil-Monographien im Heel-Verlag/Königswinter. Wegen [..]

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