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06.01.05

Stefan Schrahe

Rente 2010

Eigentlich braucht man nur die richtige Idee zur richtigen Zeit. Und die besten Ideen erkennt man daran, dass andere damit reich geworden sind und man sich fragt, wieso man nicht selbst darauf gekommen ist. So auch im Fall von Jürgen Gelsbach, der vor fünf Jahren unter dem Namen »Child Exchange« die bundesweit erste Kinderagentur gegründet hat und mittlerweile über fünfundzwanzig Filialen sein eigen nennt.

»Das neue Rentengesetz hat uns natürlich sehr geholfen«, erzählt der smarte Geschäftsmann, als wir ihn in seiner Zentrale in Königstein am Taunus besuchen. »Als die Individualrente kam, wusste ich, dass jetzt der Run auf Kinder losgeht. Schließlich war jedermann nach dem Zusammenbruch des Aktienmarktes im September 2006 und dem Scheitern der gesetzlichen Rentenvorsorge auf der Suche nach der absolut sicheren Anlagemöglichkeit.«

Gelsbach hatte erkannt, dass die neue Regelung, nach der jeder seine Rente direkt von den Kindern bezieht, für die er selbst die Erziehungsverantwortung übernommen hatte – gestaffelt nach Jahren und in der Höhe abhängig von dem, was die Kinder später mal verdienen – die Bevölkerungsentwicklung dramatisch verändern würde: »Im Grunde machen wir doch jetzt nichts anderes als vor der Einführung der gesetzlichen Altersversorgung im Neunzehnten Jahrhundert. Wie damals sind Kinder jetzt wieder die eigentliche Altersversorgung – und je mehr Kinder man hat, um so abgesicherter ist man im Alter.«

Die besondere Idee des 39-jährigen: es müssen nicht die eigenen Kinder sein. So befinden sich in seiner Kartei momentan weit über 12.000 Kinder, die vermittelt werden sollen. Denn die Anforderungen an eine flexible Lebensgestaltung sind mit den neuen Rentengesetzen nicht geringer geworden.

So wie bei Sonja und Jochen H. aus Paderborn, die wir im Empfangsraum treffen. »Unsere drei Kinder sind jetzt fünfzehn, zwölf und acht Jahre alt«, erzählt Sonja. »Bisher war das auch alles kein Problem. In Paderborn hatten wir ein Reihenhaus mit genug Platz. Aber wenn mein Mann jetzt nach Stuttgart versetzt wird, müssen wir uns von einem Kind trennen, weil in Stuttgart die Lebenshaltungskosten einfach viel höher sind.«

Ein klarer Fall für »Child Exchange«. In einem individuellen Beratungsgespräch wird die beste Lösung für Sonja und Jochen H. gefunden. Aufgrund der Vielzahl der Möglichkeiten ist dabei eine fachliche Betreuung unumgänglich. »Für Sven werden uns fünfzehn Jahre Betreuung gutgeschrieben, die er uns später mal zurückzahlen muss. Für Anja dagegen nur acht Jahre. Allerdings erzielt Anja einen höheren Preis, weil ein anderes Paar mit ihr noch mindestens zehn Jahre Rentengutschriften sammeln kann.« erläutert Jochen das Prinzip.

Aber das ist noch nicht alles. »Unser Expertenteam aus Psychologen und Medizinern erstellt in einem zweitägigen Verfahren eine Entwicklungsprognose für jedes einzelne Kind. Dabei ist die Prognose natürlich umso genauer, je älter das Kind ist«, weist Jürgen Gelsbach auf einen besonderen Vorzug seiner Agentur hin. Und erklärt im Nachsatz: »Das unterscheidet uns auch von den Internet-Agenturen, die jetzt wie die Pilze aus dem Boden schießen. Von einer fachlichen und persönlichen Betreuung kann da keine Rede sein.«

Der Entwicklungsprognose kommt jedoch entscheidende Bedeutung zu. Denn der Rentenanspruch errechnet sich aus einem festen Prozentsatz des späteren Bruttoeinkommens multipliziert mit den Jahren der Erziehungsverantwortung. »Wenn Sie ein Kind, das später mal Einkommensmillionär wird, nur ein Jahr gehabt haben, ist Ihnen ein sorgenfreier Ruhestand sicher«, so Gelsbach.

Sonja und Jochen H. haben deswegen ihre drei Kinder gleich mitgebracht und für jedes ein Profil erstellen lassen. Dabei stellt sich heraus, dass Sven, der Älteste, mit seinen schlechten Schulnoten und niedrigen inneren Antriebswerten die ungünstigsten Prognosen und damit den niedrigsten Marktwert hat. Zudem kann er aufgrund seines Alters auch maximal nur noch drei bis fünf Jahre Rentenanspruch aufbauen. »Dann können wir ihn auch gleich behalten«, stellt Sonja H. fest. Die Wahl fällt daher auf den mittleren, Jens, der zum einen für die H.s schon zwölf Jahre Rentenanspruch aufgebaut, zum anderen aufgrund günstiger Entwicklungsprognosen einen hohen Marktwert hat. »Das Geld können wir jetzt ins Häuschen stecken und wenn er später wirklich mal viel verdient, haben wir wegen der zwölf Jahre auch ordentlich was davon«, freut sich Jochen H.

»Mit den neuen Rentengesetzen ist richtig Bewegung in die Familienpolitik gekommen«, meint auch Karl-Heinz Woskiel vom Familienministerium. Die Aktivitäten von Agenturen wie »Child Exchange« beurteilt er positiv und sieht weitere Vorteile: »Jeder ist doch jetzt daran interessiert, dass die Kinder, für die er Erziehungsverantwortung hat, auch später mal was werden. Schließlich geht's dabei um die eigene Rente.«

Welche unterschiedlichen Strategien dabei gefahren werden, verdeutlicht ein Blick in die umfangreiche Kartei von »Child Exchange«. Da gibt es Familien, die jedes Jahr auf natürlichem Weg ein neues Kind zeugen, dieses jedoch spätestens nach dem fünften Jahr wieder abgeben. »Bei guter Gesundheit der Mutter kommt man so auf etwa fünfzehn Kinder. Das multipliziert mit fünf Betreuungsjahren ergibt einen hübschen Anspruch – vor allem, wenn nachher auch noch ein Spitzenverdiener dabei ist«, erklärt Jürgen Gelsbach. Zudem sei Kinderkriegen immer noch umsonst, meint der Unternehmer und weist damit verschmitzt auf die Chancen hin, die die neue Regelung auch sozial Schwachen bietet.

Aber andere Modelle sind ebenso denkbar. Für kurzfristige Liquiditätsengpässe gibt es beispielsweise die Möglichkeit der Vermietung oder Abtretung des Rentenanspruchs. »Hier hat sich ein lebhafter Markt entwickelt«, weiß Corina Walter von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. »Wir warnen aber vor einer Abtretung des Anspruches und plädieren eher für eine Vermietung des Kindes – eine Abtretung sollte immer nur der äußerste Notfall sein.«

Bleibt die Frage, wie Gelsbach seine eigene Altersvorsorge regelt. Auch hier zeigt sich der zum »Manager des Jahres« nominierte Unternehmer ganz professionell: »Ich pick' mir natürlich hin und wieder die Rosinen aus der Kartei.« Für seine Schützlinge hat der Königsteiner extra ein Haus gekauft und eine Betreuung aus einem Team von Pädagogen rund um die Uhr organisiert. Die Mischung aus Sporttalenten sowie musisch oder intellektuell Hochbegabten macht ihm viel Freude: »Wir überlassen nichts dem Zufall. Und wenn alles so läuft wie geplant, mache ich das hier in zehn Jahren nur noch zum Spaß«, sagt er und springt auf, um neue Kunden zu begrüßen: »Ein Ehepaar mit fünf Kindern, insgesamt etwas über vierzig Anspruchsjahre«, verrät er uns im Hinausgehen über seine neuen Klienten. »Das reicht, meinen die jetzt. Wollen die Kinder vermitteln, von dem Erlös eine Yacht kaufen und eine Weltumsegelung machen. Toll, was?«



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Stefan Schrahe

Wurde 1962 in Waldbröl geboren und lebt heute in Bonn und Mainz. Mit dem Schreiben hat er 1988 angefangen. Bis 1991 erschienen drei Automobil-Monographien im Heel-Verlag/Königswinter. Wegen [..]

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