.


Zur Druckversion

06.08.08

Stefan Schrahe

Felali

»Fe-la-li«

Sehr ernsthaft mustert mein 20-monatiger Sohn sein rotes Spielzeugauto. Und ich verzweifle.

Mit konzentrierter Aussprache lässt er es noch mal hören: »Fe-La-Li«. Dieses Mal ein bisschen lauter.

Schon der Spaziergang in die Innenstadt hat mir die Ausmaße meines pädagogischen Problems deutlich werden lassen. Dass er mit seinem Zeigefinger auf jedes Auto zeigt, das wir passieren und dies mit einem lauten »Auto« kommentiert, sind wir bereits gewöhnt. Aber seit kurzem insistiert er mit Zeigen und Quengeln so lange, bis wir ihm auch noch die Marke verraten. Nicht bei jedem Auto. Nur bei Premiummarken. Und so quälen wir uns Richtung Wochenmarkt – mit »BMW«, »Mercedes« und »Audi« auf den Lippen.

Großzügig ist Max bei Nebensächlichkeiten wie der Unterscheidung zwischen dem Fluss, an dem wir wohnen und einer Pfütze. Für ihn ist beides »Rhein«. Aber bei seinen Spielzeugautos ist er genau: Ferrari ist »Fe-la-li«, Porsche ist »Poasche« und BMW nur deswegen »Ba-U-Ma«, weil seine Mutter Chinesin und dies die richtige Aussprache der bayrischen Edelmarke in der mir fremden Sprache ist.

Aber warum nur teure Edelmarken? Warum weigert er sich, den Namen unseres Kleinwagens auszusprechen? Ist »Panda« für ein Kleinkind schwieriger auszusprechen als »Lamborghini«? Das kleine, hässlich-gelbe Spielzeugmodell, dem schon lange die Vorderräder fehlen, wird mit Liebe »Lambogigi« genannt. »Panda« war ihm bisher nicht mal einen Versuch wert.

Man bekommt ein völlig falsches Bild von uns. Ich, einer der ersten im Ort mit einem Erdgasauto. Und serienmäßig ökologischem Gewissen. Und meine Frau, die überzeugte Reformhauskundin. Aber wenn sie ihn vom Montessori-Kindergarten abholt, geht er zielstrebig an ihrem roten Fiat vorbei auf die schwarze M-Klasse zu, die in der Parklücke nebenan steht.

»Me-Ce-Den«, heißt es dann voller Inbrunst nach prüfendem Blick und Fingerzeig auf den Stern im Zentrum der Leichtmetallfelge.

Wie oft habe ich die viel befahrene Straße unter unserem Balkon verflucht. Und wie versonnen blickt er durch die Gitterstäbe auf den schneeweißen Q7 mit abgedunkelten Seitenscheiben, der da unten darauf wartet, dass die Ampel grün wird. »A-di«, sagt er – immer wieder, bis ich endlich nicke und »Audi« sage.

Ich habe versucht, ihn auf unsere Seite zu ziehen. Habe bei Ebay das 1:57-Modell eines Toyota Prius in Schwarz ersteigert. Aus den USA. Allein 7 Dollar Versandkosten. Sting fährt so ein Fahrzeug. Und George Clooney.

»Schau Dir den mal an«, sage ich mit einschmeichelnder Stimme, als wir die Verpackung öffnen. »Der ist ganz sauber, hat super-wenig CO2-Ausstoß und schont unsere natürlichen Ressourcen.«

Nur wenige Sekunden dauert die kritische Musterung.
Dann fliegt der Toyota in die Ecke.

»Fe-la-li«

Auf allen Vieren wird die Wohnung nach dem roten, italienischen Boliden abgesucht.

Das Öko-Auto wird wohl ebenso ein Schattendasein fristen wie das Holzauto mit den abgerundeten Ecken aus dem Spielzeugladen in der Altstadt. Dort, wo Eltern häufig Probleme mit ungeduldigen, in der Tür quengelnden Kindern haben, die endlich weiter wollen.

Der BMW Z4, den er von Opa und Oma zu Weihnachten bekommen hat, besitzt weder Türen noch Sitze, keine Scheibe und keine Außenspiegel mehr. Dafür aber die ungebrochene Zuneigung unseres Sprösslings. Ebenso wie der 911er Porsche in 1:43, den meine Frau aus der Stadt mitgebracht hatte. »Er hat ihn gesehen und wollte ihn nicht mehr loslassen«, hatte sie damals entschuldigend gesagt. Zwar fehlt inzwischen ein Scheinwerfer, aber der Blick, mit dem er den halbblinden Mini-Sportwagen jetzt ansieht, als er ihn auf den Wohnzimmertisch stellt, aus mehreren Perspektiven begutachtet und immer wieder umpositioniert, bis er schließlich ein anderes Auto holt, das er dazu stellt, sagt mir, dass nur verlieren kann, wer versucht, sich zwischen die beiden zu stellen.

»Wir müssen den Urlaub auf der autofreien Nordseeinsel streichen«, habe ich zu meiner Frau in diesem Moment gesagt. »Wir müssen uns irgendetwas mit einem großen Parkplatz in der Nähe suchen.«



Wie finden Sie die Kolumne » Felali «?

Ihre Bewertung: wahnsinnig gut
sehr gut
gut
nicht gut




Dieses Feld bitte nicht ausfüllen:

Ihr Kommentar wird an Stefan Schrahe und den Herausgeber von kolumnen.de geschickt. Nutzen Sie dies Formular nicht für vertrauliche Informationen an unsere Autoren. Mit Nutzung dieses Formulars stimmen Sie einer etwaigen Veröffentlichung Ihrer Zuschriften (auch auszugweise) auf kolumnen.de, in unserem Newsletter oder auf unserer Facebookseite zu.

Kontakt

Schreiben Sie einen Leserbrief an Stefan Schrahe.

Foto: Stefan Schrahe

Stefan Schrahe

Wurde 1962 in Waldbröl geboren und lebt heute in Bonn und Mainz. Mit dem Schreiben hat er 1988 angefangen. Bis 1991 erschienen drei Automobil-Monographien im Heel-Verlag/Königswinter. Wegen [..]

Ausgewählte Kolumnen von Stefan Schrahe

Zur vollständigen Vita und allen Kolumnen von Stefan Schrahe