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08.02.06

Stefan Schrahe

Loch Ness

Das Mittagessen war in vollem Gange. Meine Schwester reichte mir die Vollkorn-Fettucine, von denen ich ein paar neben das gedünstete Gemüse auf meinen Teller legte.
»Und wohin fahrt ihr dieses Jahr in Urlaub?« fragte mein Schwager, der mir gegenüber saß und selbstzufrieden auf einem Stück seines Sojaschnitzels herumkaute.
»Schottland«, antwortete ich.
»Aha, Schottland also...«, antwortete mein Schwager geistesabwesend, während er meinem Neffen gedünstetes Gemüse auf den Teller legte.
»An den Loch Ness«, warf meine Tochter ein, die mit wenig Appetit auf ihrem Teller herumstocherte. »Da gibt es ein Seeungeheuer. Das heißt Nessie.«
»Angeblich«, sagte ich zu ihr. »Aber gibt es keinen Beweis dafür und niemand hat bisher ein glaubwürdiges Foto von Nessie machen können.«
Meine Tochter schien einen Moment nachzudenken, während weiter Schüsseln und Teller hin- und hergereicht wurden. Aber plötzlich kam ihr ein Gedanke: »Man könnte doch einfach das Wasser aus dem See rauslassen. Dann wüsste man ja ob da die Nessie drin ist.« sagte sie mit sichtlichem Erfinderstolz.
»Das ist vollkommen unmöglich«, entgegnete ich. Augenblicklich wurde es still am Tisch. Meine Schwester und ihr Mann sahen sich an, als hätten sie gleichzeitig eine furchtbare Entdeckung gemacht und hielten in ihren Bewegungen inne. Ebenso mein Neffe. Nur meine Frau kaute noch einige Zehntelsekunden weiter, bis das peinliche Einfrieren aller Bewegungen auch von ihr Besitz ergriff.

Endlose Sekunden saßen wir so, bis ich mich schließlich wagte, zu fragen: »Was ist denn los?« Mein Schwager sah erst mich an, dann seine Schwester und schließlich wieder mich. »Wir wollten so etwas nie wieder hier am Tisch sagen«, murmelte er schließlich. »Was denn?« fragte ich. »Na ja, so etwas wie diese Killerphrase, die du eben benutzt hast«, schaltete sich jetzt meine Schwester ein. »Wie soll ein Kind denn lernen, positiv zu denken, wenn es immer nur hört: das geht nicht, oder: das ist vollkommen unmöglich?«
»Aber Ursula«, versuchte ich mich zu rechtfertigen. »Julia hat eben vorgeschlagen, dass wir während unseres vierzehntägigen Campingurlaubs den Loch Ness trockenlegen sollen.«
»Das ist kein Grund, sofort nur das Negative in ihren Ideen zu suchen«, warf mein Schwager ein, der sich inzwischen mit seiner Serviette den Mund abgewischt und das Besteck zur Seite gelegt hatte. »Das Kind hat eben eine rege Phantasie und die solltest du fördern.«

Das Kind mit der Phantasie guckte mich jetzt fragend an. Meine Frau hatte wieder langsam angefangen zu kauen, um die restlichen Fettucine herunterschlucken zu können. »Rüdiger«, sagte sie mühsam zu ihrem Bruder. »Der Loch Ness ist verdammt groß.«
Das schien für ihn kein Argument zu sein: »Auch der weiteste Weg beginnt mit dem ersten Schritt«, antwortete er wie aus der Pistole geschossen.
»Papa, können wir jetzt doch das Wasser aus dem See rauslassen?«
Meine Tochter schaute abwechselnd meinen Schwager und mich an.
»Heute nicht mehr, Liebes«, sagte ich zu ihr. Und zu Rüdiger: »Weißt du, ich habe ja nichts gegen positives Denken. Aber es gibt nun mal Dinge, die gehen rein physikalisch nicht und da macht es doch keinen Sinn, dem Kind...«
Aber darauf hatte er nur gewartet. »Die Hummel«, dozierte er, »hat 0,7 Quadratzentimeter Flügelfläche bei 1,2 Gramm Körpergewicht. Nach den Gesetzen der Aerodynamik ist es unmöglich, mit diesem Verhältnis zu fliegen. Die Hummel weiß das aber nicht und fliegt einfach trotzdem.« Triumphierend blickte er in die Runde, in der sich zunehmend Beklommenheit breit machte.
»Wir versuchen«, erklärte meine Schwester jetzt mit Augenaufschlag, »die negativen Gedanken aus unseren Köpfen zu verbannen, um unseren positiven Energien freien Raum zu geben.«
»Richtig«, ergänzte Rüdiger, »denn es sind nicht die Umstände oder Probleme, die uns zu schaffen machen, sondern immer nur unsere Einstellungen dazu.«
»Okay«, sagte ich entnervt. »Du würdest also nach Schottland fahren, dir alle Schläuche oder Pumpen zusammenkaufen, die du kriegen kannst und während deines zweiwöchigen Urlaubs eine Wasserleitung in den Atlantik bauen?«
»Eine mächtige Flamme entsteht aus einem winzigen Funken«, antwortete er. »Außerdem habe ich als Lehrer sechs Wochen Urlaub.«
»Ich will lieber mit Onkel Rüdiger nach Schottland fahren«, meldete sich meine Tochter jetzt wieder. »Ich will das Wasser aus dem Loch Ness rauslassen.«
»Das geht nicht«, fuhr ich sie an. »Onkel Rüdiger ist ein Träumer, der zwar den Loch Ness trockenlegen will, aber nicht mal ein Zelt aufgebaut kriegen würde.«
»Du bist so schrecklich pragmatisch«, mischte sich jetzt meine Schwester ein. »Nichts geschieht, ohne dass ein Traum vorausgeht.« Und mit Pathos in der Stimme: »Wenn Du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Männer zusammen, um Holz zu beschaffen, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre sie die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer.«
»Ich benutze«, antwortete ich, »im Gegensatz zu euch lediglich meinen Verstand.«
»Der Verstand gleicht dem Holzwurm,« antwortete mein Schwager mit weiser Stimme. »Je tiefer er bohrt, desto dunkler wird es um ihn herum.«
»So dunkel wie um dich kann es um mich gar nicht werden.« Es reichte mir. Ich warf die Serviette auf den Tisch.
»Papa!« Meine Tochter hatte allem Anschein nach die Seiten gewechselt.
»Dann fahr Du von mir aus mit Onkel Rüdiger sechs Wochen nach Schottland. Ich lese ja dann in der Zeitung, wie weit ihr gekommen seid.«
»Besessenheit ist der Motor – Verbissenheit die Bremse,« murmelte meine Frau leise vor sich hin.
»Jetzt fängst du auch noch an?« Ich konnte es kaum fassen.
»John F. Kennedy hat mal gesagt: ›Manche Menschen sehen die Dinge, wie sie sind, und sagen: Warum? Ich träume von Dingen, die es nie gab, und sage: Warum nicht?‹. Dass ist doch auch irgendwie wahr, oder?«
Meine Schwester nickte ihr verständnisvoll zu: »Und Walt Disney hat gesagt: ›If you can dream it, you can do it.‹«
Mein Schwager schmunzelte: »Und Nike: Just Do It.«
Die drei waren sich einig und meiner Tochter die Vorfreude auf den trockenen Loch Ness anzusehen. Ich schob den Teller von mir weg.
»Bin mal gespannt, was euch einfällt, wenn's nicht klappt.« Der Appetit war mir endgültig vergangen.
»Da bin ich nicht so verkrampft wie du«, hörte ich meinen Schwager sagen. »Sein Schicksal muss man annehmen können. Und Träume muss man auch loslassen können. Wenn's nicht klappt, dann hat es eben nicht sein sollen.«



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Stefan Schrahe

Wurde 1962 in Waldbröl geboren und lebt heute in Bonn und Mainz. Mit dem Schreiben hat er 1988 angefangen. Bis 1991 erschienen drei Automobil-Monographien im Heel-Verlag/Königswinter. Wegen [..]

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