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08.09.06

Stefan Schrahe

Der Hauch der Geschichte

Der Besuch des Rolling-Stones Konzertes war nicht geplant gewesen. Weil wir aber zu Besuch in Berlin waren, am Morgen im Radio gehört hatten, dass die Stones spielen würden und das Konzert nicht ausverkauft sei, beschlossen wir, uns Abends in der Hoffnung auf den Erwerb günstiger Tickets Richtung Olympiastadion zu bewegen.

Gesagt, getan. Über den aufreibenden Nervenkrieg zwischen Schwarzhändlern, die sich ganz offenbar verzockt hatten bei der Einschätzung der Nachfrage für diese wirklich (?) letzte Stones-Tournee und Schnäppchenjägern wie mir, die befürchteten, am Ende leer auszugehen, davor aber möglicherweise günstige Offerten in den Wind geschlagen und den richtigen Zeitpunkt für den Zuschlag verpasst zu haben, könnte ich eine eigene Geschichte erzählen. Um es abzukürzen: Für einen Bruchteil des ursprünglichen Preises erwarben wir zwei Karten im Block D – direkt neben der Ehrentribüne.

Ich war zum ersten Mal in meinem Leben im Olympiastadion. Und das nur weniger als zwei Wochen nach dem legendären WM-Finale. Und wenige Meter entfernt von der Marmortreppe, die Zinedine Zidane nach seiner roten Karte mit gesenktem Kopf heruntergeschritten war; vorbei am Pokal, den er bei seinem traurigen Abgang keines Blickes gewürdigt hatte. Ein Ort großer Geschichte – fürwahr.

Und nun das vielleicht letzte Konzert der Stones in diesem Stadion. Auch ein historisches Ereignis. Um das in Ruhe zu genießen, empfahl es sich, vorher noch mal zur Toilette zu gehen. Zumal die Vorgruppe gerade erst ihre Instrumente abbaute. Direkt an der Ehrentribüne vorbei – Richtung Ausgang – hing das bekannte Piktogramm. Frauen rechts, Männer links. Vor beiden eine Schlange von etwa sechs Personen. Das hatte ich noch nie erlebt. Auf Autobahnraststätten empfinde ich stets Glück über meine Geschlechtszugehörigkeit – vor allem, wenn Reisebusse einlaufen und sich vor den Damentoiletten regelrechte Menschenketten bilden. Aber vor einer Männertoilette? Da weitere Lokalitäten nicht in Sicht waren und die Dringlichkeit meines Anliegens eine Wartezeit zu erlauben schien, stellte ich mich hinten an.

Die Klofrau ließ den Eintritt nur zu, wenn ein Anderer die Toilette verließ. Nach gut zehn Minuten war ich endlich an der Reihe. Eine übervölkerte Groß-Toilette hatte ich erwartet und war überrascht, als die Tür hinter mir zu fiel. Denn ich fand mich allein in einem Waschraum von etwa zehn Quadratmetern mit einem einzigen Waschbecken an der rechten Seite. Gegenüber führte eine schwarze Tür in einen zweiten Raum. Auch dieser war zur Gänze mit schwarzem Marmor ausgestattet, mit dreißig Quadratmetern aber viel größer als der erste Raum. Vor allem aber war auch er leer. Keine Reihe von Urinalen, keine WC-Kabinen, keine Menschen. Nur rechts an der Wand eine einzige, weiße Kloschüssel. Plötzlich fiel der Groschen: Natürlich, dachte ich: Olympia 1936, Ehrentribüne: Das hier ist das Führerklo!

Wahrlich eine historische Stätte – wenn jetzt auch beide Deckel hochgeklappt waren und Pfützen ringsherum von der mangelnden Treffsicherheit meiner Vorgänger kündeten. Und trotz des Versuches, innerlich Distanz zu wahren: Hier zu pinkeln würde sich anders anfühlen als draußen in den blauen Dixi-Plastikhäuschen. Als mir klar wurde, dass ich wahrscheinlich nie wieder hier her kommen würde, konnte ich nur mühsam den Wunsch unterdrücken, zurück zu meinem Platz zu laufen, um die Digitalkamera zu holen. Stativ hatte ich dabei und mit Selbstauslöser hätte man ein schönes Erinnerungsfoto...

Aber bevor ich den Gedanken zu Ende denken konnte, war mein Blick zur linken Seite des Raumes gewandert – und damit zur eigentlichen Attraktion. Denn auf der gegenüberliegenden Seite waren zwei mit Leder bezogene, dick gepolsterte Klappsessel an der Wand befestigt. Mit Blickrichtung auf die Kloschüssel. Während ich verwirrt der eigentlichen Absicht meines Besuchs an diesem Ort nachging, begann es in meinem Hirn zu arbeiten: Wozu diese Klappsessel? Wer hatte da vor siebzig Jahren gesessen? Vielleicht Leibwächter in SA-Uniformen. Aber hätten die nicht auch draußen warten können? Es gab schließlich keine Fenster. Oder aber Goebbels, Göring oder wer sonst gerade besonders hoch in der Führergunst stand? Die mussten sich dann hier drin womöglich sein Gezeter über die Goldmedaillen von Jesse Owens anhören. Vielleicht legte er auch während der notwendigen Verrichtungen Wert auf Begleitung, um seine berüchtigten, stundenlangen Monologe nicht unterbrechen zu müssen und nachher womöglich den Faden verloren zu haben. Göring hatte es auch nicht immer leicht, dachte ich. Was er wohl gesagt hatte, wenn der Führer fertig war? »Großartig! – mein Führer

Nachdenklich verließ ich die historische Stätte, wusch meine Hände und ging an meinen Platz zurück – in dem Bewusstsein, auf ein unerforschtes Gebiet NS-Geschichte gestoßen zu sein. Auch in »Der Untergang« hatte man nichts über diesbezügliche Gewohnheiten erfahren. Eine neue Guido Knopp-Dokumentation böte sich an: »Der Stuhlgang« vielleicht oder »Hitlers Klogenossen«. Jedenfalls besteht dringender Nachholbedarf. Denn wie sollen wir je diese Zeit verstehen, wenn selbst das Führerklo uns heute noch solche Rätsel aufgibt.



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Stefan Schrahe

Wurde 1962 in Waldbröl geboren und lebt heute in Bonn und Mainz. Mit dem Schreiben hat er 1988 angefangen. Bis 1991 erschienen drei Automobil-Monographien im Heel-Verlag/Königswinter. Wegen [..]

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