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09.01.09

Stefan Schrahe

Abschied von Balea

Die Leute gucken immer noch ein bisschen, wenn sie mich so sehen: vor dem Supermarktregal mit meinem iPhone in der Hand, auf dessen Tastatur ich heftig herum klimpere. Aber das hat einen guten Grund.

Ich hatte immer geglaubt, dass man mit »Balea« keinen Fehler machen kann. Ob Shampoo, Seife oder Deo – »Balea« war zu meiner Stamm-Marke und ich zum »dm«-Stammkunden geworden. Bei »dm« trafen sich die guten Menschen dieser Welt um gute Produkte zu kaufen. Ein warmes, ockerfarbenes Gefühl durchströmte mich, wann immer ich eine Filiale betrat. Angenehme Düfte umgaben mich und die unaufdringliche Präsentation von Drogerieartikeln konnte nur einen Sinn haben: es mir und anderen besser gehen zu lassen. Und nicht zuletzt: Gepflegte, gut gelaunte Verkäuferinnen, denen ihre Freude und tiefe innere Zufriedenheit, hier angestellt sein zu dürfen, stets anzusehen war. Standen sie doch außerdem unter dem Patronat Götz Werners, der unermüdlich in Talkshows für ein gesetzlich garantiertes, von der Arbeit unabhängiges Grundeinkommen kämpft.

Schlecker dagegen!

Dort war die Ausbeutung schon Programm, bevor man bei Lidl die ersten Videokameras installiert hatte. Bei Schlecker empfing einen Kälte – nicht nur der blauen Farbe wegen. Wo ich mich bei »dm« fühlte wie im Shop-Bereich eines Wellness-Tempels, kam bei Schlecker Lager-Atmosphäre auf. Schlecht angezogene, schlecht frisierte Verkäuferinnen, von denen auch nicht eine so aussah, als ob sie je von der Vielzahl der Beauty- und Pflege-Produkte, die in schmucklosen, mattweiß lackierten Metallregalen platziert waren, selbst schon welche ausprobiert hätte.

Nie, so hatte ich mir geschworen, würde ich zum Schlecker-Kunden werden. Und weil es so wenige Dinge gibt, auf die man sich verlassen kann, stand eines für mich fest: Ich würde immer bei »dm«, immer bei »Balea« bleiben.

Bis ich an der Zeitschriftenauslage des Supermarktes die »öko-Test« durchblätterte. Nur zufällig schweifte mein Blick über den Test mit den Anti-Falten-Augencremes. Aus noch faltenfreien Augenwinkeln heraus entdeckte ich in der Ergebnistabelle auf Seite 90, dass »Balea Beauty Effect Eye Lift Serum« rot unterlegt und mit dem vernichtenden Testurteil »Ungenügend« versehen war. Im Fließtext erfuhr ich, dass die »dm«-Creme nicht nur Konservierungsmittel aus der Gruppe der halogen-organischen Verbindungen, sondern darüber hinaus noch Formaldehyd und -abspalter enthielt. Fassungslos hielt ich die Zeitung in der Hand und das Entsetzen steigerte sich, als ich eine Seite weiterblätterte. Denn dort, wo die unbedenklichen, grün unterlegten Produkte aufgeführt waren, musste ich unter stolz prangendem »Sehr gut« die »Rilanja Vital Intensiv Augencreme« von Schlecker finden.

Ich hatte mich daran gewöhnt, dass Öko-Produkte regelmäßig durchfallen und auch die noch teureren Apotheken-Produkte keineswegs immer gut abschnitten. Aber jetzt war sogar »Iseree Sensitive Augenkonturencreme« von Lidl »Sehr gut« getestet. Und »Balea« »Ungenügend«.

Eine Art kosmischer Gleichung war für mich in jenem Moment aus den Fugen geraten. Wem jetzt noch vertrauen? Nicht mal Götz Werner. Wie sollte ich jetzt weiter bedenkenlos »Balea« kaufen – mit dem sicheren Gefühl, das Richtige zu tun?

Es tröstete mich nicht, dass dieser Sündenfall ausgerechnet bei Anti-Falten-Augencremes eingetreten war. Denn wer könnte mir jetzt noch glaubhaft versichern, dass dies nicht ebenso bei Deo-Rollern, Rasierwasser oder Shampoo hätte passieren können?

Was aber tun? Sollte ich dem Ratschlag der »ökotest«-Redaktion folgen, die aktuellen Testergebnisse auszuschneiden und stets griffbereit zu halten? Männer tragen keine Handtaschen bei sich und Portemonnaies sind zu klein.

Ich entschied mich dafür, den Herausforderungen dieser immer gefährlicheren und unübersichtlicheren Welt mit ihren eigenen Waffen zu begegnen. So ist das iPhone beim Einkaufen jetzt mein ständiger Begleiter und ich gebe den Namen jedes Artikels bei Google ein, um zu überprüfen, ob gegen Babytücher, Sonnenmilch oder Müsli-Riegel verheerende Schadstoff-Tests oder negative Konsumenten-Erfahrungen vorliegen.

Meine »dm«-Zeiten sind allerdings vorbei. Ich suche gezielt Einkaufscenter auf, die bis 22:00 Uhr aufhaben. Die Zeit brauche ich. Denn es kommt vor, dass sich der Kauf eines Rasierschaums schon mal eine halbe Stunde oder länger hinzieht. Wenn der Server überlastet ist oder bei ciao.de 57 sich teils widersprechende Kundentests gespeichert sind, die ich auf Plausibilität überprüfen muss. Aber das ist mir egal. Denn:

Ich werde nie mehr etwas glauben. Nur noch wissen.

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Stefan Schrahe

Wurde 1962 in Waldbröl geboren und lebt heute in Bonn und Mainz. Mit dem Schreiben hat er 1988 angefangen. Bis 1991 erschienen drei Automobil-Monographien im Heel-Verlag/Königswinter. Wegen [..]

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