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09.03.07

Stefan Schrahe

Starthilfe

»Klar kannst Du mein Starthilfekabel haben«, hatte ich zu Eva gesagt. »Ich bringe es Dir morgen mit ins Büro.« Ihr Auto war nicht angesprungen. Sie hatte den Bus nehmen müssen und war zu spät gekommen. Erzählt hatte sie uns das in der Mittagspause. Die Symptome schienen mir klar auf eine entleerte Batterie hinzudeuten, so wie sie von dem immer schwächer werdenden Orgeln erzählte, auf das schließlich nur noch ein leises Anlasser-Rattern gefolgt war. Außerdem war die Temperatur erstmals deutlich unter Null Grad gesunken. Das Starthilfekabel würde die Energie einer gesunden Batterie auf Evas Kleinwagen übertragen und ihn wieder zum Leben erwecken.

Ich machte mir also eine Notiz auf einen gelben Zettel und klebte ihn in mein Portemonnaie. So würde ich das Starthilfekabel am nächsten Tag garantiert nicht vergessen. Und tatsächlich: Am übernächsten Tag war Evas Kleinwagen dank meines Kabels mit fremder Hilfe gestartet und konnte aus eigener Kraft den Weg ins Büro zurücklegen.

In der Mittagspause erzählte sie von dem geglückten Startversuch – ohne allerdings zu erwähnen, von wem sie das Starthilfekabel geliehen hatte. Nicht, dass mir das etwas ausgemacht hätte. Der Verleih dieses nützlichen Zubehörs war für mich wirklich keine große Sache gewesen. Ich hatte zwar im Keller etwas danach suchen müssen, war aber letztlich froh zu wissen, dass ich das Kabel noch hatte und mich davon überzeugen zu können, in welch gutem Zustand es sich befand. Vielleicht würde ich es ja bald selbst brauchen. Und dann hätte ich mir die lange Sucherei gespart – in der morgendlichen Hektik, wenn man eigentlich dringend los muss. Insofern konnte ich Eva also fast dankbar sein.

Für den frühen Nachmittag hatte sie einen Termin in einer Werkstatt ausgemacht, um sich eine nagelneue Batterie einbauen zu lassen und somit neuerlichen Startversuchen gelassen entgegensehen zu können. Meine Frage, ob sie das Starthilfekabel denn dabei habe und mir wiedergeben könne, schien sie im Genuss ihrer gerade demonstrierten Problemlösefähigkeit zu stören.

Leider habe sie das Starthilfekabel in ihrem Wagen auf dem Parkplatz gelassen, werde es mir aber morgen mitbringen. Da meine Batterie nicht die geringsten Ermüdungserscheinungen zeigte und Eva den Werkstatt-Termin knapp an ihren Dienstschluss gelegt hatte, wäre es kleinlich und unnötig gewesen, auf einer sofortigen Aushändigung zu bestehen. Schließlich hatte das Kabel jahrelang unbenutzt in meinem Keller gelegen. Am nächsten Tag war ich allerdings auf Dienstreise. So traf ich Eva erst einen Tag später in strahlender Laune an unserem Mittagstisch. Die neue Batterie habe den morgendlichen Startvorgang mit solch frischem Schwung erledigt, dass sie sich von dieser Energie angesteckt noch am selben Tag entschlossen habe, ihren Kleinwagen in den Genuss einer umfassenden Grundreinigung kommen zu lassen. Alle Spuren beginnender Vernachlässigung habe sie konsequent entfernt: Pistazienschalen auf dem Beifahrerfußboden, alte Zeitungen auf den Rücksitzen, Reste von dem Blumentopf, der ihr neulich im Auto umgefallen sei. Sogar die Teppiche habe sie gesaugt, nachdem sie an einer Waschanlage das Komfortprogramm gebucht hatte – mit Unterbodenwäsche!

Ob sie an das Starthilfekabel gedacht habe, wollte ich von ihr wissen. Sie blickte mich an wie jemanden, der von den wirklich wichtigen Dingen im Leben nichts versteht. Vor der Fahrt zur Waschanlage habe sie alle losen Gegenstände im Auto – inklusive des Starthilfekabels – in einen Karton geräumt, um ungestört mit dem Staubsauger hantieren zu können, erklärte sie mir. Nur stehe der jetzt in ihrem Keller. Ob das etwa ein Problem wäre. Ich beeilte mich, ihr zu versichern, dass das kein Problem sei. Schließlich bin ich nicht kleinlich oder gar geizig. Allerdings schien es mir in diesem Moment, in den Blicken unserer Kollegen zumindest einen Verdacht in genau dieser Richtung lesen zu können.

Deswegen sprach ich Eva in den nächsten Tagen auch nicht mehr auf das Thema an. Wegen eines Starthilfekabels sollte man nun wirklich keinen Aufstand machen und Unfrieden im Kollegenkreis riskieren. Sie würde schon irgendwann von selbst dran denken. Und ich konnte nun wirklich nicht behaupten, das Starthilfekabel dringend zu benötigen.

Ich versuchte es ein paar Tage etwas subtiler. »Du, Eva«, fragte ich beim Mittagessen. »Was macht eigentlich Deine neue Batterie?« Verwunderte Blicke trafen mich. »Was soll die schon machen«, antwortete Eva. Das Thema hatte in ihrem Leben spürbar an Brisanz verloren und anlassertechnisch gesehen war sie zum Alltag zurückgekehrt. Die nahe liegende Frage, wie es meinem Starthilfekabel ginge, hätte ich mir wohl verkniffen – aber Eva legte mein wahres Anliegen gnadenlos offen: »Keine Sorge, ich denk' schon noch an dein Starthilfekabel.« Amüsierte Blicke der Kollegen – hochgezogene Augenbrauen.

An den folgenden Tagen tat sich jedoch nichts und auch neuerliche Versuche mit Bemerkungen über sinkende Außentemperaturen, isolierte Zangengriffe oder Kabelquerschnitte lösten keine weiteren Reaktionen aus. Zwei Wochen später sprach ich mit Dr. Bösenberg darüber. »Sie hat mein Starthilfekabel und ich fühle mich schuldig«, klagte ich. Dr. Bösenberg interessierte sich allerdings ausschließlich für den seiner Meinung nach offensichtlichen Symbolgehalt und wies mich auf Parallelen zwischen Starthilfevorgang und Zeugungsakt hin. Meinen Einwand, in Bezug auf Eva noch nie an den Zeugungsakt gedacht zu haben, quittierte er mit der Bemerkung, dass wir beide noch viel Arbeit vor uns hätten.

So konnte es nicht weitergehen. Ich wartete auf einen günstigen Moment und sprach Eva unter vier Augen an.
»Wir müssen reden«, sagte ich.
»Was gibt's denn?« fragte sie.
»Das Starthilfekabel«, antwortete ich, fast verzweifelt.
»Oh ja, sorry«, sagte sie. »Scheinst es ja dringend zu brauchen. Mich nervt die Sache auch schon total. Morgen bring ich's Dir mit. Versprochen.«

Am nächsten Tag – vier Wochen nach dem plötzlichen Kälteeinbruch – hatte Eva in der Mittagspause eine graue Plastiktüte dabei. »Ich hoffe, jetzt bist du beruhigt«, sagte sie mit großer Geste und legte das Corpus delicti direkt vor mir auf den Tisch. Vorwurfsvolle Blicke trafen mich, ich wurde rot, nahm das Starthilfekabel an mich und konnte nur mühsam der Versuchung widerstehen, mich zu entschuldigen.



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Stefan Schrahe

Wurde 1962 in Waldbröl geboren und lebt heute in Bonn und Mainz. Mit dem Schreiben hat er 1988 angefangen. Bis 1991 erschienen drei Automobil-Monographien im Heel-Verlag/Königswinter. Wegen [..]

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