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09.10.06

Stefan Schrahe

Die Vogel-Rochade

An die Wohnung waren wir günstig gekommen: Wir hatten einfach per Internet die unsrige am Rhein für eine Woche gegen die in Berlin getauscht. Nur eine Bitte hatten unsere Tauschpartner: dass wir Hansi, den Wellensittich, regelmäßig füttern und tränken mögen. Insbesondere Klara, der achtjährigen Tochter des Hauses, schien der Abschied von ihrem Liebling besonders schwer zu fallen.

Der gelb-grüne Vogel strahlte eine gewisse Lethargie aus. Im Gegensatz zu Kanarienvögeln, deren Nervosität und innere Unruhe sie zu ganztägigem Gehopse von Stange zu Stange und hektischen Pfeif-Arien animiert, saß unser gefiederter Freund in den ersten zwei Tagen stets ruhig auf seinem Lieblingsplatz – mit halb geschlossenen Augen – und schien über den Lauf der Welt zu philosophieren.

Ich bin ungeübt mit Haustieren, ebenso wie mit dem entsprechenden Zubehör. Um die Tränke zu entfernen und neu aufzufüllen, glaubte ich fälschlich, die Käfigtüre öffnen zu müssen. Kaum aber war sie geöffnet und durch das Wegziehen meiner Hand für einen Moment die Öffnung frei geworden, schien Hansis Lethargie mit einem Schlag vergessen. Noch ehe ich zu irgend einer Reaktion fähig war, war der Sittich pfeilschnell durch die Klappe entkommen und flatterte jetzt aufgeregt im Zimmer herum.

»Mach das Fenster zu«, schrie ich zu meiner Tochter, die sich gerade die Haare föhnte. Ehe sie mein Anliegen verstanden oder ich selbst zum offen stehenden Fenster eilen konnte, war Hansi verschwunden. Am Fenster angekommen, sah ich ihn auf dem Giebel des gegenüberliegenden Hauses sitzen.

Auf unser Rufen reagierte er nicht, stieg stattdessen nach wenigen Minuten wieder in die Lüfte und war dann hinter dem Giebel verschwunden.

Entsetzt schauten wir uns an.

»Was machen wir jetzt?« fragte meine Tochter.

»Ruhe bewahren«, antwortete ich. Ich hatte mal an einer Katastrophenschutzübung teilgenommen und wusste daher, dass dies das Wichtigste war.

Es war aber nicht hinreichend, denn schon nach wenigen Minuten intensiven Nachdenkens war uns klar, dass wir irgend etwas tun mussten.

Angenommen, uns wäre ein Teller heruntergefallen, dachte ich. Dann würden wir versuchen, einen identischen Teller zu besorgen – die meisten sind eh von IKEA – und niemand würde den Vorfall bemerken. Warum nicht auch einen Vogel? Es würde doch kein Problem sein, in einer der zahlreichen Berliner Tierhandlungen einen gelb-grünen Wellensittich zu erstehen mit ausgeprägt lethargischem Charakter?

Meine Tochter war skeptisch, aber ich griff sogleich zu den Gelben Seiten. Nach vier Stunden Telefonaten und intensivem Studium des Stadtplans sowie der BVG-Fahrpläne hatten wir eine Route ausgearbeitet, die uns in den verbleibenden drei Tagen zu mehr als dreißig einschlägigen Fachgeschäften und Discountern führen sollte – im schlimmsten Fall. Am selben Nachmittag machten wir uns auf den Weg.

Ich habe heute noch den typischen Duft einer Tierhandlung nach Futter und Kleintierstreu in der Nase. Nach dem dritten Geschäft wurde uns klar, dass die Suche nicht leicht sein würde. Mal stimmte die Farbe nicht, dann die Zeichnung oder zu guter Letzt die Größe. Im Tiergarten fanden wir einen Sittich, der unserem Hansi zum Verwechseln ähnlich sah, ihn aber vom Temperament her unmöglich ersetzen konnte – es sei denn, man hätte Valium in die Jod S 11-Körnchen gemixt.

»Wird der noch ruhiger?« fragte ich den Tierhändler.

»Der ist ja noch jung«, antwortete er. »Wenn die mal vier oder fünf Jahre sind, gibt sich das.« So lange konnten wir nicht warten.

Als uns am zweiten Tag klar wurde, dass die meisten Tierhandlungs-Sittiche lebhafte Jungspunde waren, kauften wir alle verfügbaren Tageszeitungen und Anzeigenblätter, um uns auf die Suche nach gebrauchten und bereits etwas gesetzteren Sittichen zu machen. Aufwändige Terminabsprachen mit Privathaushalten folgten. Auch Tierheime wurden kontaktiert und mit immer gleichen Anfragen konfrontiert: »Gelb-grüne Zeichnung, linker Flügel überwiegend grün, rechter Flügel gelb, ruhiger Vertreter. Nein? Haben sie nicht? Dann vielen Dank.«

Auf einer Haushaltsauflösung – einen Tag vor Rückkunft unserer Tauschpartner – wurden wir schließlich fündig. Die Erben einer verstorbenen, hochbetagten Dame waren in sichtbarer Verlegenheit angesichts der Frage, was mit dem letzten Begleiter der verblichenen Oma geschehen solle. Wir kamen wie gerufen und »Freddie« war unserem Hansi nicht nur wie aus dem Gesicht geschnitten: Die Jahre an der Seite der Seniorin hatten ihn auch in Würde reifen lassen.

Trotzdem konnten wir in der letzten Nacht kaum schlafen und wechselten auch bis zur vereinbarten Wohnungsübergabe um 14:00 Uhr kaum ein Wort. In zunehmender Nervosität verbrachten wir den Tag, während Freddie – oder besser: Hansi – den ersten Tag in fremder Umgebung in kontemplativer Zurückgezogenheit verbrachte. Soweit alles okay.

Um kurz nach zwei klingelte es. Als erstes hörte ich Kinderschritte die Treppe herauf stürmen. Klara lief an uns vorbei mit einem kurzen Hallo, durch den Flur in Richtung des Wohnzimmers. Als ihre Eltern gerade vollbepackt mit Koffern auf dem Treppenabsatz zu sehen waren, hörte ich den Schrei: »Das ist nicht mein Hansi!«

In der anschließenden Diskussion beharrten wir eisenhart darauf, den Vogel nicht ausgetauscht zu haben – das hatten wir vorher so abgesprochen.

Mit pochendem Herzen, belegter Stimme und schlechtem Gewissen erzählte ich Klara von den tragischen, aber häufig vorkommenden Schlaganfällen bei Wellensittichen, mit denen stets eine leichte Veränderung des Gefieders einhergehe. Auch die leichte Benommenheit – Freddie war noch ruhiger als Hansi – sei so zu erklären. Ihre Eltern schauten mich derweil misstrauisch an, während meine Tochter unbedingt schon unser Auto packen und unten warten wollte.

Ich versuchte Klara aufzumuntern, in dem ich ihr erklärte, es sei ein Glücksfall, dass Hansi den ernsten Zwischenfall überhaupt überlebt habe und nicht plötzlich tot von der Stange gefallen sei, als sie plötzlich mit aufgerissenen Augen zum Fenster blickte.

Auf dem Sims saß Hansi – der Echte, woraufhin ich meinen Koffer in die Hand nahm, aus der Wohnung lief, die Treppe herunterstürzte und fluchtartig die Stadt verließ.



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Stefan Schrahe

Wurde 1962 in Waldbröl geboren und lebt heute in Bonn und Mainz. Mit dem Schreiben hat er 1988 angefangen. Bis 1991 erschienen drei Automobil-Monographien im Heel-Verlag/Königswinter. Wegen [..]

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