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10.11.05

Stefan Schrahe

Das Unwort

Ich liebe Italienisch. Ich spreche zwar selbst kein italienisch – bestenfalls die paar Worte, die man als Tourist versucht anzuwenden, bevor einen der Kellner in fließendem Deutsch unterbricht – aber der Klang ist Musik in meinen Ohren. Musik, der ich auch dann gerne zuhöre, wenn ich sie nicht verstehe.

Bei Sprachen bin ich empfindlich. Stets achte ich darauf, genug CDs im Auto zu haben, wenn ich Richtung Holland fahre. Dem Französischen stehe ich neutral gegenüber. Spanisch finde ich zu hart im Klang und bei slawischen Sprachen muss ich immer an blondierte Frauen mit pinkfarbenen Lippenstift denken.

Aber italienisch! Wie viel eleganter hört sich »Vino Rosso« gegenüber »Rotwein« an. Spricht nicht die Rasse des Weines bereits aus diesem Wort und meint man nicht, den Genuss bereits auf dem Gaumen zu spüren, bevor der erste Schluck probiert ist? Von »Rotwein« muss man erst mal überzeugt werden. Oder »Zuppa di verdura«. Wie spießig klingt »Gemüsesuppe« dagegen. Und auch den »Fettucine« oder den »Tagliatelle« hört man ihre lukullische Klasse bereits an, bevor man weiß, dass es um Bandnudeln geht.

Aber auch Lebensbereiche abseits von Tisch und Küche weiß der Italiener durch die Melodiosität seiner Sprache mit Klasse zu bereichern. »Ciao bella« klingt ungleich kultivierter als etwa »Tschüss, mein Schatz«. Große Filmkunst lässt sich bestimmt leichter in »Cinecitta« als in »Babelsberg« produzieren. Und hätte Heidi Klum sich von einem Sechzigjährigen ein Kind andrehen lassen, wenn der nicht Flavio Briatore, sondern Norbert Haug geheißen hätte? Italiener bringen ihre unvergleichliche Grandezza sogar dann ein, wenn sie sich in der deutschen Sprache versuchen. Schließlich macht Giovanni Trappatoni auch dann noch »bella figura«, wenn man überhaupt nicht mehr versteht, wovon er eigentlich redet.

Kein Zweifel: wenn Kultur sich je in sprachlichem Klang manifestiert hat, dann im Italienischen. Und um diesem Genuss möglichst oft auch hierzulande zu frönen, suche ich bevorzugt italienische Restaurants auf – um in Rigatoni, Farfalle, Bruschette oder Scaloppine Valdostana zu schwelgen.

Dann darf ich allerdings keine Muscheln – oder genauer: Miesmuscheln – bestellen.

Denn so wie der Sündenfall im Paradies, wie der Regentag im Sommer, wie das Haar in der Suppe, der Fleck auf der blütenreinen Weste oder der Pickel auf dem Gesicht einer wunderschönen Frau, so trägt die italienische Sprache – und die italienische Küche – das Kainsmal eines Wortes mit sich, das in anderen Sprachen auf annehmbare Wortschöpfungen wie »Muscheln«, »moules«, »Mosselen« oder »Shells« hört, im Italienischen jedoch mit einem vollkommen unakzeptablen Namen belegt ist, den auszusprechen mir fast peinlich ist.

Dabei mag ich gerne Muscheln. In Weißwein gekocht, mit leckerem Knoblauchweißbrot gehören sie im Herbst zu den Delikatessen, auf die ich nur ungerne verzichte. Als ich aber soeben bei meinem Stamm-Italiener das Schild »Frische Muscheln« auf dem Tisch sah und die Bestellung bei der Kellnerin aufgegeben habe, da muss ich das Wort für einen kurzen Moment vergessen haben. Und schon höre ich die Kellnerin laut durch den Gastraum rufen: »Papa, abbiamo ancora cozze?« Von einem auf den anderen Moment habe ich keinen Appetit mehr.

Cozze! Welch tolldreiste Marotte des Schicksals muss das Volk südlich der Alpen dazu bewegt haben, eine so köstliche Spezialität mit einem so fürchterlichen Namen zu belegen? Wie soll man auf ein Gericht, das als »Spaghetti alle Cozze« in der Speisekarte steht, Appetit haben?

Aber jetzt kann ich nicht mehr zurück. Der Chef ist schon längst an meinem Tisch: »Cozze ganze frische«, schwärmt er, bildet mit Daumen und Zeigefinger vor seinen Lippen einen Kreis und schmatzt laut.

Meine Frau registriert aufmerksam die Veränderung in meinem Gesicht. Sie isst keine Muscheln, aber dass jemandem schon vorher davon schlecht geworden sei, sagt sie, habe sie noch nie gehört. Auf meine Erklärung hin gibt sie mir den Ratschlag, einfach nicht daran zu denken und auf das »Heute frische Muscheln«-Schild zu gucken.

Dann kommt die dampfende Portion. Mit strahlendem Lächeln stellt der Wirt die Muscheln auf den Tisch, mühsam öffne ich eine nach der anderen, jeden Genusses beraubt und fixiere das Schild.

»Isse Cozze gut?« fragt der Padrone laut im Vorbeigehen und ich nicke nur schwach und bringe ein »Mhhmm« über meine Lippen.

»Was isst der Mann da?« fragt ein kleines Mädchen vom Nebentisch die Kellnerin und zeigt auf mich. »Cozze« antwortet sie mit einem Augenaufschlag in meine Richtung.

Vor mir türmen sich jetzt die Schalen, an meinen Fingern klebt der Sud und ich habe genug. Brauche jetzt einen Grappa und einen Espresso. Die Kellnerin räumt ab und wir zahlen. Auf dem Heimweg wird mir schlecht. Zu Hause erweisen die Cozze ihrem Namen die Ehre.

Am nächsten Morgen rufe ich in der Firma an, entschuldige mich mit einer akuten Magenverstimmung.

»Haben Sie was schlechtes gegessen?«, fragt die Abteilungssekretärin.

»Nein«, antworte ich. »Nur Cozze.«

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Foto: Stefan Schrahe

Stefan Schrahe

Wurde 1962 in Waldbröl geboren und lebt heute in Bonn und Mainz. Mit dem Schreiben hat er 1988 angefangen. Bis 1991 erschienen drei Automobil-Monographien im Heel-Verlag/Königswinter. Wegen [..]

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