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11.01.08

Stefan Schrahe

Alles glatt

Der Geruch, der eines Morgens durch unsere Wohnung zog, löste bei mir Panik aus. Überlastete Elektrogeräte riechen so, kurz bevor ihre Plastikgehäuse verschmoren und Rauch aus tritt, ging mir durch den Kopf, während ich im Bademantel durch den Flur hastete. Aber weder hatte ein Heizlüfter Wärmestau, noch waren Kaffeemaschine oder Bügeleisen vergessen worden auszuschalten – auch waren keinem Computergebläse die Lüftungsschlitze verstopft. Erst als ich die Tür zum Zimmer meiner Tochter aufriss, entdeckte ich die Ursache des brenzligen Odeurs: Meine Tochter benutzte zum ersten Mal ihr neues Glätteisen.

Zugegeben: Auch meiner Generation war haartechnisch nicht alles egal. Die Dauerwelle, die Haare vom Typ »Hängegardine« plötzlich im Afro-Look erkrausen ließ, war Mitte der Siebziger fast ein Muss. Und wer die chemische Keule scheute, hatte zumindest einen Taschenkamm in der Hosentasche, wenn er aus dem Haus ging.

Aber die Zeiten haben sich geändert: Meine Tochter ist nicht die Einzige, die ihrer wunderschönen Naturwelle plötzlich keine ästhetischen Qualitäten mehr beimessen konnte. Auf dem letzten Schul-Sommerfest flogen die Sicherungen heraus, weil nach plötzlich einsetzendem Regen alle verfügbaren Steckdosen mit Glätteisen belegt waren.

Ich war von Anfang an dagegen. Nicht erst, nachdem ich auf dem Bahnsteig vergebens nach ihr Ausschau gehalten hatte und sie dann wenig später anrief: Sie habe vor dem Aussteigen noch rasch die Haare in der Zugtoilette glätten wollen und dabei wohl die richtige Station verpasst. Verlegen, aber mit geglätteten Haaren, wartete sie dann auf dem 30 Kilometer entfernten Regionalbahnhof.

Natürlich gab es auch während meiner Schlaghosen-Jugend haarige Diskussionen, kursierten unter den Dauerwellen-Freaks Tipps, in welchem Friseur-Salon eine Auszubildende kurz vor der Prüfung stand und noch preiswerte Afro-Looks zur Übung brauchte. Aber die Welt ist offenbar komplizierter geworden.

Auf dem Weg zum Konzert irgendeiner angesagten Indie-Gruppe ging es im Auto zwischen meiner Tochter und ihren beiden Freundinnen nur um ein Thema: Welche Haarkur für coloriertes Haar geeignet ist, ob man die Haare besser Abends oder Morgens glättet, ob die Wärmeschutzcremé von L´oreal in der pinken Tube oder die von Wella besser geeignet ist, ob es ein Remington Professional Slim Straightener S 1002 mit Keramik und Teflon-Beschichtung, ein Wahl Cutex oder der Curlmaster Ceramics sein muss, ob ein Wärmeschutzspray der Teflon-Beschichtung schadet und wie viel Haarspray nach dem Glätten aufgesprüht werden muss. Vor allem aber, ob es beim Konzert eine Pause und eine Damentoilette mit genügend Steckdosen geben würde.

Plötzlich verstand ich, warum meine Tochter immer über Zeitnot klagte, seit sie ihr Glätteisen besaß. Und über Geldnot. Denn ihre Freundin Swenja erzählte, dass sie allein für die Pflegemittel schon über 70 Euro ausgegeben hatte.

Das Glätteisen verschmorte zusehends das enge Band zwischen mir und meiner Tochter. So endete die Urlaubsplanung mit einem Eklat, da Mittelmeer, Nord- oder Ostsee aus ihrer Sicht gar nicht gingen. Wegen des Salzwassers und seiner verheerenden Wirkung auf eine gerade erst geglättete Frisur. Zudem gebe es am Strand keine Steckdosen. Und über die unzureichende Absicherung der Steckdosen türkischer Ferienbungalows hatte sie im Glätteisen-Forum wahre Horror-Stories gelesen.

Auch aus dem Freizeitpark kehrten wir in gedrückter Stimmung zurück. Die Gischt der Wildwasserbahn hatte bei ihr und ihrer Freundin unliebsame Kräuselungen hervorgerufen. Das Glätteisen war aber schon im Auto. Ein kilometerweiter Weg zum Parkplatz inklusive erneuten Anstellens an der Einlass-Schlange war die Folge.

Die Situation eskalierte zusehends: Tags drauf rief sie mich in heller Aufregung auf dem Weg ins Büro an. Sie hatte ihr Glätteisen in meinem Auto liegen lassen und ich müsste sofort umdrehen, da sie mit gewelltem Haar nicht in die Schule gehen könne. Zumal sie am Nachmittag noch ein Bewerbungsgespräch für ein wichtiges Praktikum habe und da unmöglich ohne makellos geglättete Haare auftauchen könne. Natürlich weigerte ich mich und legte auf. Aber direkt danach befielen mich heftige Zweifel. In Gedanken sah ich sie Jahre später auf der Couch liegen, an ihrem Kopfende einen Psychiater mit Schreibblock, der diesen Morgen und mein Verhalten zweifelsfrei als Beginn ihrer sozialen Stigmatisierung herausdestillieren würde. Keine Lust, mich derart mit Schuld zu beladen, setzte ich – mit Wut im Bauch – an der nächsten Ausfahrt den Blinker.

Ich bestand auf einer Unterredung und beschloss, meine letzten Trümpfe auszuspielen.

»Ich habe einen signifikanten Anstieg unseres Stromverbrauchs feststellen können«, eröffnete ich ihr und bestand auf der Einführung eines Glätteisen-Pfennigs. Beispiele für eine solche Kleinkariertheit gebe es zuhauf im Glätteisen-Forum, entgegnete sie und habe – basierend auf einer Stromaufnahme von 1200 Watt, einer täglichen Betriebsdauer von einer Stunde sowie dem Preis einer Kilowattstunde von 15 Cent – bereits mit einer Reduzierung des Taschengeldes um 5 Euro im Monat gerechnet.

Ich musste alles auf meine allerletzte Karte setzen. Immerhin hatte sie sich den Al Gore-Film angesehen und danach eine Woche lang geweigert, in meinem Diesel-PKW ohne Russfilter mitzufahren.

»Deinetwegen müssen neue Kohlekraftwerke gebaut werden«, hielt ich ihr also beim Abendessen vor. »Vielleicht wird sogar der Ausstieg aus der Atomenergie wieder rückgängig gemacht.«

Ihre Antwort kam prompt: »Klimaschutz kann ja wohl nicht heißen, scheiße auszusehen«, entgegnete sie. Gleichwohl gab sie zu, meiner Argumentation im Grundsatz zuzustimmen. »Allerdings«, gab sie zu bedenken, »sind wir ja schließlich vor wenigen Wochen zu einem alternativen Stromanbieter gewechselt. Meine Haare werden also«, schloss sie ihre Replik mit einem Siegerlächeln, »nur von Sonne, Wasser, Wind oder Biomasse geglättet.«

Kennen Sie einen Stromversorger, der ausschließlich Energie aus fossilen, giftigen oder hochgefährlichen Quellen anbietet?

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Stefan Schrahe

Wurde 1962 in Waldbröl geboren und lebt heute in Bonn und Mainz. Mit dem Schreiben hat er 1988 angefangen. Bis 1991 erschienen drei Automobil-Monographien im Heel-Verlag/Königswinter. Wegen [..]

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