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12.07.07

Stefan Schrahe

Klimaschutz im Jenseits

Seit frühester Jugend habe ich mich – katholisch erzogen – vor dem Fegefeuer gefürchtet. Unser Religionslehrer hatte den Zweck dieses ungemütlichen Ortes damit erklärt, mäßig versündigte Seelen durch Zuführung von Hitze in gereinigten Zustand zu versetzen und somit tauglich für den Himmel zu machen. Obwohl ich Hitze schlecht vertrage und davon immer kleine Pickelchen auf der Haut bekomme, hatte ich mich schon früh darauf eingestellt, nach meinem Ableben eine unbestimmte Zeit dort verbringen zu müssen: Die Aussicht auf ein Leben völlig frei von Sünde schien mir weder umsetzbar noch erstrebenswert. Immerhin bestand aber – offizieller Kirchenlehre seit dem 6. Jahrhundert zur Folge – die Aussicht auf vorzeitige Entlassung durch engagierte Bußfertigkeit.

Das wäre auch bitter nötig gewesen. Denn vor mehr als 700 Jahren hat das Purgatorium Dante zu seiner »Göttlichen Komödie« inspiriert und er hat nicht nur die Örtlichkeiten beschrieben – von den neun Höllenkreisen ist es der zweitinnerste, der direkt um die Hölle angeordnet ist – sondern auch gewusst, dass der Aufenthalt dort bis zu 500 Jahren dauern kann. Wenn man bedenkt, dass die Hölle wie die meisten Altbauten nicht besonders gut isoliert sein dürfte, würden 500 Jahre Fegefeuer also kein Spaziergang sein – selbst dann nicht, wenn man im Diesseits gerne seinen Sommerurlaub regelmäßig in Südosteuropa verbracht hatte. Meine Gefühle bezüglich des Fegefeuers ließen sich folglich am besten als irgend etwas zwischen Hoffen und Bangen beschreiben.

Dante und ich sind im Übrigen nicht die einzigen mit Respekt vor dem Fegefeuer: Wer letztes Jahr im Kino »Wer früher stirbt ist länger tot« gesehen hat weiß, dass kleine Jungs auch heute noch große Angst vor dem Fegefeuer haben können.

Inzwischen kann aber Entwarnung gegeben werden. Denn offenbar hat man sich in der katholischen Kirche schon lange die Frage gestellt, ob man sich das Fegefeuer überhaupt noch leisten kann. Die Zahl der Kirchensteuerzahler hat in den wohlhabenden Ländern während der letzten Jahre ständig abgenommen. Viele Kirchen mussten schließen, entweiht und verkauft werden – Aufwändungen für Personal und Betrieb, insbesondere Heizung, konnten kaum noch geleistet werden. Gleichzeitig stiegen die Energiekosten, und wer je eine Sauna im Keller hatte, kann sich in Ansätzen vorstellen, welche Unsummen erst der Betrieb eines Fegefeuers verschlingen muss. Von der Umweltbelastung ganz zu schweigen.

Kein Wunder also, dass Papst Benedikt XVI. Mitte April diesen Jahres in einer 41-seitigen Schrift kurzerhand die Abschaffung des Fegefeuers verkündete. Offizielle Begründung: Das Fegefeuer stelle eine »unzulässig eingeschränkte Sicht der Erlösung« dar. Man wollte sich wohl nicht die Blöße geben, nur mit der profanen Steigerung der Kosten für Kohle, Öl oder Gas zu argumentieren und sich womöglich auf die Expertise einer Unternehmensberatung berufen. Oder hatte wohl Angst, angesichts knapper werdender fossiler Rohstoffe, für frisch Eingelieferte die Restlaufzeit von 500 Jahren zu garantieren.

Bei aller Erleichterung im Hinblick auf mein persönliches Schicksal stellt sich mir aber nun die Frage, wer die Kirche eigentlich in PR-Fragen berät. Denn erstens hätte man ja auch mal untersuchen können, ob ein Betrieb des Purgatoriums nicht auch mit nachwachsenden Rohstoffen möglich gewesen wäre. Mit Biogas aus organischen Abfällen beispielsweise. Und zweitens: Wenn die Schließung schon unabdingbar war, wäre es dann nicht geschickter gewesen, drei Monate zu warten und im Rahmen der »Live Earth«-Konzerte am 07.07. auf dem Petersplatz feierlich die Abschaltung des Fegefeuers – und damit die Reduzierung der CO2 -Emissionen um etliche Tonnen pro Jahr – verkünden zu können? Die katholische Kirche hätte plötzlich als die Institution dagestanden, die bei der Umsetzung der Klimaschutz-Ziele ganz vorne gewesen wäre.

Stattdessen wird das Fegefeuer jetzt – von der Öffentlichkeit weitgehend unbeobachtet – langsam erkalten, steht irgendwann leer wie eine Fabrik oder ein Möbelhaus in Ostdeutschland und früher oder später kommt eine abgefahrene Disco oder teure Erlebnisgastronomie rein.

Was hätte man stattdessen aus dieser Story machen können. Aber mich fragt ja keiner.



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Stefan Schrahe

Wurde 1962 in Waldbröl geboren und lebt heute in Bonn und Mainz. Mit dem Schreiben hat er 1988 angefangen. Bis 1991 erschienen drei Automobil-Monographien im Heel-Verlag/Königswinter. Wegen [..]

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