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14.08.06

Stefan Schrahe

Pofalla und das Sommerloch

Die Radiosendung dauerte mehr als eine Stunde. Doch obwohl die Rufnummer, unter der man an der Diskussion teilnehmen konnte, ständig wiederholt wurde, gelang es mir nicht, ins Studio vorzudringen. Um Verpflichtungen gegenüber den eigenen Eltern ging es. Oder besser: Ronald Pofallas Versuch, das mediale Sommerloch zur Profilierung zu nutzen.

Der CDU-Generalsekretär hatte nämlich angeregt, bei Langzeitarbeitslosen über fünfzig künftig die – hoffentlich – in Lohn und Brot stehenden Kinder zur Finanzierung heranzuziehen. Wäre ja noch schöner, wenn die alten Faulenzer der Gesellschaft als Hartz IV-Empfänger zur Last fallen würden, während deren gut verdienende Sprösslinge zum Urlaub in die Karibik düsen und Geld fürs Cabrio beiseite legen.

Das könne ja ganz schön teuer werden, meinten die ersten Anrufer – um von der engagierten Moderatorin prompt, ganz im Sinne Pofallas, gefragt zu werden, ob sie denn nicht dazu bereit wären, die eigenen Eltern zu unterstützen. Eben jene Eltern, die sie, die Anrufer, schließlich großgezogen und deren Ausbildung sie finanziert hätten. Betreten und von schlechtem Gewissen angesichts öffentlich aufgedeckter Undankbarkeit geplagt, gaben die meisten Anrufer klein bei. Wenn es so wäre, dann könne man wohl nichts machen. Als Familie müsse man schließlich zusammenhalten. Denn wenn die Familie schon nicht mehr zusammen halte, wie soll das dann erst die Gesellschaft tun. Aber zusammen halten wolle man doch jetzt – gerade nach der Fußballweltmeisterschaft.

Der Grund, weswegen ich versuchte, ins Studio durchzukommen, war mein Freund aus Schweinfurt, dessen Vater seit Jahrzehnten bei der Kugellagerfabrik dort arbeitet, die jetzt über 1.000 Stellen abbaut. Nicht etwa, wie sich der Vorstandsvorsitzende vor der Presse bemühte zu erklären, weil man in einer akuten Krisensituation sei (das wäre schlecht für den Aktienkurs). Aber man wolle lieber reagieren, bevor man in eine solche komme. Und weil man in Deutschland zwar gutes Geld, in Osteuropa aber noch besseres Geld verdienen könne, müsse man jetzt – zudem wo es EU-Subventionen und in Slowenien Steuerfreiheit gäbe – entschlossen den notwendigen Schritt tun. Der Vater meines Freundes ist übrigens vor zwei Monaten fünfundfünfzig geworden und versucht jetzt, in einem von weniger als 50% der Betriebe in Deutschland einen Job zu finden, die überhaupt noch Arbeitnehmer über fünfundfünfzig beschäftigen.

Seine Abfindung hat er in spätestens vier Jahren verbraten – dann ist er neunundfünfzig und zwei Jahre später wahrscheinlich Hartz IV-Empfänger. Mein Freund ist dann vierunddreißig, seine Kinder fünf und sieben und er kann sich jetzt schon mal überlegen, was er wohl einer Journalistin sagen würde, die nicht etwa die ungebremste Gier nach Profit oder die Verletzung des Grundgesetzparagraphen 14 (»Eigentum verpflichtet«) kritisiert, sondern den unverschämten und dreisten Versuch eines Politikers unterstützt, den gesellschaftlichen Missstand der Arbeitslosigkeit in eine individuelle und moralische Fragestellung umzumünzen.

Das hätte ich gern mal im Radio gesagt. Ich bin aber nicht durchgekommen. Und hab's deswegen hier aufgeschrieben.



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Stefan Schrahe

Wurde 1962 in Waldbröl geboren und lebt heute in Bonn und Mainz. Mit dem Schreiben hat er 1988 angefangen. Bis 1991 erschienen drei Automobil-Monographien im Heel-Verlag/Königswinter. Wegen [..]

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