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This column's translation: »A Sandwich, please«

15.02.06

Stefan Schrahe

Ein Sandwich, bitte

Der Kinofilm fängt zwar erst in knapp einer Stunde an, aber es lohnt nicht mehr, nach Hause zu fahren. Ein Restaurantbesuch dauert zu lange, also ist Fast-Food angesagt.
Wohin ist schnell entschieden. Vor dem Hauptbahnhof fällt mir die neu eröffnete Filiale einer Kette auf, die ich bisher nur vom Hörensagen kannte. Und das Schild mit der Aufschrift »Leckere, frische Sandwiches« trifft genau meine Bedürfnislage.
Bei Imbissbuden stehe ich nie lange überlegend vor der Angebotstafel. Abwägen und Überlegen sind mir ein Graus und ich bin froh, mich diesem mühsamen Prozess mit einem einfachen »eine Currywurst, eine Cola« entziehen zu können. Auch Frühstücksbüfetts sind ein Alptraum für mich. Wenn ich zu früher Stunde schon Entscheidungen von solcher Tragweite fällen muss wie, wie: ob Räucherlachs zu Croissants passt, ob ich diese kleinen, roten Würstchen zum Rührei nehme oder besser doch die gebratenen Speckstreifen, ist der Tag für mich so gut wie gelaufen.

Auch in der Subway-Filiale will ich mögliche Entscheidungskonflikte mit meinem entschlossen vorgetragenen Wunsch - »Ein Sandwich, bitte« - gar nicht erst aufkommen lassen. Natürlich habe ich von außen bemerkt, dass eine gewisse Angebotsvielfalt besteht und mir dementsprechend eine Antwort für die mögliche Frage nach »Käse oder Schinken« zurecht gelegt. Kann also eigentlich nichts schief gehen.
Eigentlich. Denn die freundliche Bedienung hinter dem Tresen lächelt mich erst an, überrascht mich dann aber mit einer vollen Breitseite: »White, Wheat, Honey Oat, Parmesan Oregano oder Vollkorn?«
Ich bin einen Moment verwirrt. »Ist das wichtig?« frage ich.
»Ich muss ja wissen, welche Sorte Sie wollen«, antwortet sie, immer noch lächelnd.
Was soll ich machen? Fragen, ob sie mir »Honey Oat« übersetzt oder den Unterschied zwischen »White« und »Wheat« erklärt? Überhaupt: Wieso sagt einem niemand, dass man sich zwischen fünf verschiedenen Brotsorten entscheiden muss? Wieso gibt es nicht eine Standard-Sandwichsorte von der man abweichen kann? Aber nur, wenn man unbedingt will!
»Vollkorn«, antworte ich nach kurzem Überlegen. Vollkorn kenne ich. »Honey Oat« nicht. Die Verkäuferin nickt zufrieden. »Und welches Sub?«, fragt sie.
»Ein Sandwich«, antworte ich. »Kein Sub. Ich möchte ein Sandwich.« Ich drehe den Kopf kurz zur Seite. Ein Mädchen hinter mir lässt eine Kaugummiblase platzen.
»Sie müssen mir sagen, welches Sub-Sandwich Sie wollen«, sagt die Verkäuferin - immer noch gut gelaunt. »Italian B.M.T., Tuna, Subway Melt, Chicken Teriyaki oder irgendetwas anderes. Wir haben 13 verschiedene. Die Klassiker, die Fettarmen oder die Favoriten.«

Ich schließe kurz die Augen. Einfach wieder rausgehen geht nicht. Die Schlange ist eine Einbahnschlange. Außerdem habe ich schon ein Tablett genommen.
»Welche können Sie denn empfehlen?«, frage ich.
»Die sind alle lecker«, antwortet sie unbarmherzig lächelnd.
Ich hatte immer schon ein Herz für Außenseiter. Also scheiden die Favoriten aus. Bleiben Klassiker oder Fettarme. »Ich glaube, ich nehme fettarm«, antworte ich endlich und öffne die Knopfleiste meiner Jacke. Ich hatte gar nicht gemerkt, wie warm es hier ist.
»Und welches Fettarme?« Mein Blick schweift verwirrt von der Auslage in der Glasvitrine über den Tresen ins Gesicht der Verkäuferin. Das Piercing unterhalb der Lippen hatte ich noch gar nicht bemerkt. Sie hebt die Augenbrauen und zeigt mit einem Finger auf die über ihr hängende Tafel mit Abbildungen von fünf verschiedenen Sandwiches. »Die Fettarmen« steht groß darüber. Ich bin erleichtert und nicke ihr dankbar zu. Immerhin hat sich die Auswahl jetzt reduziert. Ich entscheide mich für »Turkey Breast«, weil es das Bild ganz links ist. Und gegen »Veggie Delite«, »Roasted Chicken Breast«, »Subway Club« oder »Ham«. Die Verkäuferin ist mit meiner Wahl zufrieden. Sie lächelt, wölbt dabei mit ihrer Zunge das Piercing nach außen. Ich atme auf.
»Was macht das?«, frage ich. Aber ich habe mich zu früh gefreut.
»Wir sind noch nicht fertig«, höre ich sie zwar freundlich, aber bestimmt. »Wir brauchen noch was für drauf.«
»Wie denn was für drauf?«, frage ich.
»Belag«, antwortet sie. »Ein Sub-Sandwich braucht einen Belag. Sie dürfen sich was aussuchen: Schmelzkäse-Scheiben, Philadelphia-Käse, Salat, Tomaten, Paprika, Zwiebeln, Gurken, Essiggurken, Oliven oder Peperoni.«
»Was passt denn zu Turkey Breast?« wage ich zu fragen.
»Alles«, antwortet sie und ich habe das Gefühl, dass ihr Lächeln jetzt einen spöttischen Ausdruck bekommt. Ich frage mich, ob so ein Piercing nicht weh tut. Hinter mir räuspert sich jemand. Ich öffne den Reißverschluss. Es ist wirklich warm hier.
»Okay - dann nehme ich Schmelzkäse, Salat und Essiggurken.« Mein Mund fühlt sich trocken an.
»Keine Oliven?«
»Wieso?«
»Oliven passen zu Turkey Breast.« Sie guckt jetzt strenger.
»Ach so, ja. Entschuldigung. Dann auch Oliven.« Eigentlich mag ich keine Oliven.
»Also Schmelzkäse, Salat, Essiggurken und Oliven?«
Ich nicke.
»Sie müssen´s ja wissen...«

Ich drehe mich um. Der Halbwüchsige hinter mir schaut demonstrativ gleichgültig ins Leere. Das Mädel pumpt seine Kaugummiblase wieder auf. Die gepiercte Verkäuferin ist damit beschäftigt, die verschiedenen Zutaten auf mein Vollkorn-Turkey Breast zu legen. Ich kann ja schon mal zur Kasse gehen, denke ich. Aber schon beim ersten Schritt lässt mich eine schneidende Stimme zusammenfahren.
»Moment! Wir haben noch keine Soße.«
»Keine Soße?«
»Nein, wir brauchen noch Soße.«
Der Weg bis zu Kasse scheint mir plötzlich unendlich weit. »Welche Soßen gibt es denn?« Meine Stimme klingt rau. Brüchig.
»Sweet Onion, Dijon Horseradish, Red Wine Vinaigrette, Honey Mustard oder Mexican Southwest.« Die Worte sind mir ebenso unverständlich wie ein Unterlippen-Piercing.
Ich unternehme einen letzten Versuch: »Was passt denn zu Vollkorn, Turkey Breast mit Schmelzkäse, Salat, Essiggurken und Oliven?«, frage ich leise.
Sie zuckt mit den Schultern. »Ihnen muss es ja schmecken«, antwortet sie ungerührt, aber mein verzweifelter Gesichtsausdruck scheint sie milder zu stimmen.
»Wohl zum ersten Mal hier«, stellt sie in versöhnlicherem Ton fest. »Na ja, da sind sie alle noch ein bisschen nervös.« Sie beugt sich etwas über den Tresen: »Nehmen Sie Red Wine Vinaigrette«, flüstert sie. Ich nicke heftig. Selten habe ich so tiefe Dankbarkeit empfunden.
Ihre Gesichtszüge entspannen sich. »Das war's schon«, sagt sie. »Jetzt dürfen Sie schon mal vor zur Kasse und sich ein Getränk aussuchen.«
Erschöpft, mit gebeugten Schultern mache ich mich auf den Weg - und kriege gerade noch mit wie der Halbwüchsige hinter mir wie aus der Pistole geschossen »Einmal Parmesan Oregano, mit Asiago Caesar Chicken, dazu Peperoni, Zwiebeln, Salat und Mexican Southwest« ordert.
Ich werde alt.



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Stefan Schrahe

Wurde 1962 in Waldbröl geboren und lebt heute in Bonn und Mainz. Mit dem Schreiben hat er 1988 angefangen. Bis 1991 erschienen drei Automobil-Monographien im Heel-Verlag/Königswinter. Wegen [..]

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