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15.05.09

Stefan Schrahe

Zahnseide

Es gibt immer wieder Dinge, an die man bisher nicht gedacht hat. Obwohl sie wichtig sind. Zahnseide zum Beispiel. Ich bin jetzt Mitte Vierzig und habe noch nie an die Verwendung von Zahnseide gedacht. Schwerer Fehler!

Mundhygiene ist wichtig. Klarer Fall. Das weiß jeder. Und natürlich putze ich mir regelmäßig die Zähne. Und musste in den letzten zwanzig Jahren auch nur wenige Zahnbehandlungen über mich ergehen lassen. Die allerdings immer mit Betäubung. Ich muss mich da nicht zum Helden machen. Habe mir allerdings, während ich bei meinem letzten Zahnarztbesuch mit offenem Mund zur Decke starrte, so meine Gedanken gemacht über die wenig ausgereifte Konstruktion des menschlichen Körpers, insbesondere die des Mundraumes. Das Herz, die Leber oder die Niere benötigen keinerlei regelmäßige Wartung oder Inspektion. Die Zähne schon. Und alle zwei Minuten hat mich mein Zahnarzt ermahnt: »Passen Sie auf ihre Zunge auf.« Die wollte immer in Richtung der sirrenden Bohrspitze – wahrscheinlich aus alter Gewohnheit, Besuchern meines Mundraumes zur Begrüßung entgegen zu eilen; nicht wissend, dass dieser hier mit seinem sich 300.000 mal in der Minute drehendem scharfen Diamanten bei der kleinsten Berührung eine ziemlich Schweinerei anrichten würde. Panisch und mit Anspannung in jedem Muskel, versuchte ich mich darauf zu konzentrieren, die Zunge im sicheren rechten Unterkieferbereich zu platzieren. Als Beispiel für das Wunder der Schöpfungsgeschichte taugt die Mundhöhle jedenfalls nicht.

Und jetzt erfahre ich, dass die Verwendung von Zahnseide statistisch gesehen zwischen einem und sechs Jahren zusätzlicher Lebenserwartung bedeuten kann. Mit Mitte Vierzig. Wieso sagt einem das keiner vorher? Bis zu sechs Jahre länger Rente beziehen nur wegen 2,50 Euro Zahnseide im Monat. Hört sich doch gut an.

Obwohl: Man muss wahrscheinlich rechtzeitig anfangen. Nicht ausreichend gereinigte Zähne – vor allem die Lücken zwischen eng beieinander stehenden Zähnen – können zu Entzündungen führen und Gifte und Bakterien freisetzen, die Ablagerungen in den Arterien und schließlich Herzbeschwerden verursachen. Auch das Schlaganfallrisiko wird größer und der Altersprozess beschleunigt. Das hört sich nicht so an, als sollte man erst mit Sechzig mal langsam über die Verwendung von Zahnseide nachdenken. Dann lassen sich allenfalls noch ein paar Stunden Lebenserwartung rausholen. Früh anfangen ist die Empfehlung – und mindestens zweimal drei bis sechs Minuten täglich.

Aber da stutze ich.

Denn wenn man 12 Minuten täglich auf der Zahngeige spielt, sind das immerhin 84 Minuten in der Woche oder fünfeinhalb Stunden im Monat und 67 Stunden im Jahr. Mal davon ausgehend, dass man von 24 Stunden im Schnitt 7 Stunden schläft und 8 Stunden arbeitet, bleiben von jedem Tag nur 9 Stunden übrig. Was wiederum bedeutet, dass man jedes Jahr 7,5 Tage seiner Freizeit komplett mit Zahnseide beschäftigt wäre.

Wenn ein Zwanzigjähriger beschließt, sein Leben der Verwendung von Zahnseide zu widmen und achtzig Jahre alt wird – und die sollten es mindestens sein, sonst hätte sich der Aufwand ja nicht gelohnt – dann kann oder muss – er an seinem achtzigsten Geburtstag, vorausgesetzt alle Empfehlungen wurden eingehalten, auf 450 Tage dieses Lebens zurückblicken, in denen er nichts anderes getan hat, als sich seine Zähne abzuschmirgeln. Bei einer zusätzlichen Lebenserwartung von zwei Jahren wäre man – netto gesehen – gerade mal 280 Tage im Plus.

Diese 280 Tage wollen wir uns aber lieber nicht genauer ansehen. Denn es geht ja nicht um eine Verlängerung des – sagen wir mal – 32. Lebensjahres, sondern ohne Zweifel um die letzten 280 Tage im Leben eines Zweiundachtzigjährigen, die, nach allem, was man weiß, sicher nicht zu den Angenehmsten zählen. Es könnte also sein, dass so mancher Zahnseide-Fetischist am Ende doch auf ein ziemlich verpfuschtes Leben zurückblicken muss. Wenn er nicht schon mit 72 von der Straßenbahn überfahren wird – dann aber immerhin mit einwandfreien Zähnen.

Das wiederum klingt für mich, der ich als Sechsundvierzigjähriger zum ersten Mal von der lebensverlängernden Wirkung von Zahnseide erfahren habe, irgendwie beruhigend.

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Foto: Stefan Schrahe

Stefan Schrahe

Wurde 1962 in Waldbröl geboren und lebt heute in Bonn und Mainz. Mit dem Schreiben hat er 1988 angefangen. Bis 1991 erschienen drei Automobil-Monographien im Heel-Verlag/Königswinter. Wegen [..]

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