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15.10.07

Stefan Schrahe

Herbstgedanken

Endlich ist es Herbst! Endlich nicht nur deswegen, weil mir nun nicht mehr jeder verregnete und mit Temperaturen von weit unter 20 Grad versehene Tag als Verrat an der Jahreszeit vorkommt wie noch im Juli oder August. Und auch nicht nur deswegen, weil die Natur statt sommerlichem Einheitsgrün nun etwas gewagtere und phantasievollere Farbkombinationen aufträgt – als letztes Aufbäumen gewissermaßen, bevor sie mit dem ersten Wintereinbruch in dreimonatige, graue Leblosigkeit verfällt.

Das alles wäre zweifellos schon mehr als genug, den Herbst zu schätzen. Vor allem aber liebe ich diese Jahreszeit, weil endlich der Geist zur Ruhe kommt – und nicht mehr nach Antworten auf Fragen des täglichen Lebens suchen muss, für die unsere Zivilisation in mehr als zweitausend Jahren keine befriedigenden Antworten gefunden hat. Jedenfalls nicht für männliche Wesen.

Ich meine dabei keineswegs philosophische Fragestellungen. Und ebenso wenig den angenehmen Umstand, dass allfällige Reizüberflutungen durch nabelfreie T-Shirts oder tief ausgeschnittene Dekolletees jetzt spürbar nachlassen und gelassener Ruhe weichen. An Tagen mit Temperaturen im einstelligen Bereich lösen sichtbare Hautstreifen oberhalb hüfthoher Hosenbünde bei mir höchstens noch ein leichtes Frösteln, die Vorstellung qualvoller Nierenbeckenentzündungen oder den Wunsch nach medizinischer Angora-Unterwäsche aus.

Viel entscheidender aber ist etwas anderes. Denn im Herbst beginnt für mich die Innen- und Außentaschen-Saison. Die Zeit, in der für alles, was man so braucht, endlich wieder ein angestammter Platz vorhanden ist. Wo Portemonnaie, Autoschlüssel, Handy, Etui für die Sonnenbrille – und bei manchen auch Zigaretten – nach langem, sommerlichen Warten endlich wieder wissen, wo sie hingehören.

Wer hat nicht schon als Mann ratlos im Hausflur gestanden, bei Außentemperaturen, die selbst das Tragen eines leichten Sommer-Sakkos unmöglich erscheinen lassen, und verzweifelt versucht, die lebensnotwendigen Utensilien in die viel zu kleinen Taschen der Jeans zu stopfen – und zwar, ohne dass dies erstens scheiße aussieht und zweitens nicht bei jedem Schritt unangenehm lebenswichtige Organe abdrückt.

Frauen können gut und gerne achtzig oder neunzig Jahre alt werden, ohne mit diesem Problem auch nur ein einziges Mal konfrontiert worden zu sein. Denn sie werden bereits ab Kindergartenalter mit einer zivilisatorischen Errungenschaft versehen, deren Benutzung sich Männern auf eigentümliche, wahrscheinlich genetisch bedingte Weise verbietet: einer Handtasche. Es hat Versuche gegeben, auch Männer mit diesem an sich nützlichen und vermeintlich problemlösenden Accessoire auszustatten. Basierend auf einem Selbstversuch kann ich jedoch bestätigen, dass das Tragen so genannter Herren-Handtaschen schwerste traumatische Erlebnisse verursacht. Selbst an Tagen mit gesundem Selbstwertgefühl entstehen schon beim Einfädeln der rechten Hand durch die Lederschlaufe ernsthafte Identitätsstörungen, die sich beim festen Zugriff verstärken. Man ist einfach mit Tasche nicht mehr derselbe wie ohne Tasche und sollte dies keinesfalls zu oft ausprobieren, da sich entsprechende Persönlichkeitsstörungen schnell manifestieren können. Vielleicht wäre das anders gewesen, wenn die augenblickliche mediale Präsenz der Herren-Handtasche durch George Clooney und nicht ausgerechnet durch Horst Schlämmer erzeugt worden wäre. Aber diese historische Chance ist nun vertan.

Und die Alternativen? Die Expeditions-Shorts mit den aufgesetzten Taschen erweisen sich schnell als unzulänglich, da die Gummizüge dem Gewicht der notwendigen Utensilien schon bald nichts mehr entgegen zu setzen haben und man alle hundert Schritt die Hose hochziehen muss. Shorts mit Hosenträgern aber gehen gar nicht.

Gürteltaschen sind auch keine Lösung, da sie historisch bedingt ausschließlich an in südlichen Ländern urlaubenden Männern akzeptiert werden, damit diese sich besser vor den dort tätigen Taschendieben schützen können. In hiesigen Gefilden kann es eine Gürteltasche zwar nicht mit dem Lächerlichkeitspotenzial einer Herren-Handtasche aufnehmen – aber gehen Sie mal im Juli oder August bei 35 Grad mit einer Gürteltasche zu einem Blind-Date. Ich nehme jede Wette an, dass aus dem Blind-Date nichts wird und die unkomplizierte, natürliche und weltoffene Sie sich in zwanzig Jahren zwar nicht mehr an ihr Gesicht, dafür aber an ihre Gürteltasche wird erinnern können. Die Begegnung mit ihnen wird zu einer gern und oft erzählten Anekdote avanciert sein.

Aber all das ist jetzt erst einmal wieder für ein paar Monate vorbei und ich kann mich dem Genuss meiner Lederjacke mit den insgesamt fünf Außentaschen – davon zwei mit Reissverschluss – und den drei Innentaschen – eine mit Reissverschluss – hingeben. Ich habe Stauraum ohne Ende und berührende Erlebnisse, als ich beim ersten Anziehen in den Innentaschen noch Kinokarten und Bewirtungsbelege aus dem letzten Jahr finde und auf diese Weise mit meiner eigenen Geschichte in Kontakt trete – so als habe es diesen Sommer mit all seinen Peinlichkeiten nie gegeben.

Ihr kreativen Couturiers dieser Welt, ihr Gebrauchsartikel-Designer, ihr Stil-Berater: Ihr habt jetzt wieder sechs Monate Zeit. Lasst Euch endlich etwas einfallen. Erlöst uns!

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Stefan Schrahe

Wurde 1962 in Waldbröl geboren und lebt heute in Bonn und Mainz. Mit dem Schreiben hat er 1988 angefangen. Bis 1991 erschienen drei Automobil-Monographien im Heel-Verlag/Königswinter. Wegen [..]

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