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18.03.08

Stefan Schrahe

Alles frisch

Auf den Kampf des Single-Daseins gegen die Stille einer leeren Wohnung, die Einsamkeit langer Nächte in einem viel zu großen Bett und Wochenenden, an denen man schon Samstagmorgens wünschte, sie mögen endlich vorbei sein, hatte ich mich eingestellt. Aber nicht darauf, dass der wahre Kampf des Single-Daseins ein ganz anderer sein würde: der Kampf gegen das Haltbarkeitsdatum.

Zielsicher hatte ich mich in der ersten Woche bei meinem Lieblings-Discounter mit dem Nötigsten eingedeckt. Frischkäse, Leberwurst und die Packung mit den verschiedenen Käsesorten. Brot ganz frisch vom Bäcker, 750 Gramm. Es ist unglaublich, wie lange so ein Brot hält, wenn man alleine frühstückt und zu Abend isst. Aus dem einstmals weichen, duftenden Laib wird binnen weniger Tage ein unansehnlicher alter Kanten, der an den Rändern eintrocknet und dessen Kruste beim Schneiden in tausende kleiner Krümel zerspringt, die sich überall auf Tisch und Fußboden verteilen. Noch frisch waren mir die Zeiten in Erinnerung, wo ein solches Brot bei einem einzigen Abendessen verzehrt wurde – stattdessen musste ich jetzt nach fünf Tagen einen noch gut zehn Zentimeter dicken Rest der Biotonne übergeben.

Aber auch der Frischkäse zeigte sich nur bedingt single-tauglich. Nicht mal halb aufgebraucht, entdeckte ich an den Rändern des kleinen Papp-Fässchens kleine, bläuliche Schimmelteppiche. Der Frischkäse folgte umgehend dem Brot auf dem Weg ins Lebensmittel-Nirvana und ich wusste, dass ich etwas ändern musste.

Als erstes meine Einkaufsstrategie. Geschmack und Vorlieben wurden sekundär, primäres Kaufkriterium wurde das Haltbarkeitsdatum. Erleichtert registrierte ich, dass es Joghurts gab, die noch eine Woche Restzeit hatten, gekühlte Lasagne, die mir über zwei Wochen Spielraum für den Verzehr geben würde und abgepackte Wurst, deren zwanzig Scheiben sich erst in vier Wochen der Verderblichkeit nähern würden. Beim Angesicht von H-Milch mit einer Haltedauer von mehreren Monaten beschlich mich eine Ahnung von Freiheit.

Ich würde nur noch Lebensmittel einkaufen, die sich irgendwann nach Lust und Laune öffnen, aufbacken, auftauen und dann verzehren ließen. Schließlich müsste unsere Lebensmittelindustrie ja inzwischen perfekt auf den Bedarf von Singlehaushalten eingestellt sein. Dachte ich.

Aber ich hatte mich geirrt. Haltbarkeitsdaten gelten nur für ungeöffnete Lebensmittel. Kaum ist die Packung geöffnet, schreitet die Verderbnis ungebremst voran. Da werden zwanzig Scheiben Salami im Kühlschrank zur ultimativen Herausforderung – bei den letzten zeigen sich meist schon deutliche Fettaugen, die Scheiben liegen auch nicht mehr flach in der Hülle, sondern erheben sich an den Rändern und beulen die Klarsichtverpackung aus.

Wieso Klarsichtverpackung? Ich stelle mich nicht zwischen lauter Hausfrauen an eine Wursttheke und verlange 25 Gramm Leberwurst oder drei Scheiben Salami. Eine Metzgerei ist schließlich keine Ü40-Party.

Wenn ich an einem Montag die Folienverpackung einer Leberwurst öffne, Dienstags auswärts speise und Mittwochs wieder von der Leberwurst naschen will, sehe ich den Anschnitt verdunkelt und vertrocknet. Wenn ich die Leberwurst an die Nase führe, kann ich nicht mit letztendlicher Sicherheit sagen, ob mir da ein besonders intensiver Leberwurstgeruch oder der Geruch siechen Fleisches entgegensteigt. Wegen der Öffnung vor zwei Tagen hat das Haltbarkeitsdatum jede Aussagekraft verloren und mir bleibt nichts übrig, als mich widerwillig durch die dunklen, trockenen Krusten zu der rosa, weichen Fleischmasse durchzukämpfen – in der Hoffnung, krankheitsbringende Keime haben diesen Weg nichts schon vor mir genommen.

Einen Liter Apfelsaft soll man nach dem Öffnen innerhalb eines Tages verbrauchen – das steht auf jeder Packung. In den wenigen Stunden des Tages, die ich zu Hause verbringe, bedeutet das eine nahezu permanente Penetration mit Apfelsaft. Mindestens einen halben Liter schütte ich daher jedes Mal in den Ausguss – und frage mich, ob dieses glitschig-grünliche Zeug, das als letztes aus dem Tetra-Pack rutscht, schon drin war, als ich das letzte Mal von dem Saft getrunken habe. 1,5- oder sogar 2-Liter-Packungen empfinde ich als gezielte Provokation. Sogar H-Milch kann schlecht werden, wenn man sie einmal geöffnet hat. Ich habe das selbst ausprobiert. Und für zweihundertfünfzig Gramm Butter brauche ich mindestens drei Wochen – die beiden letzten mit unappetitlicher Gelbfärbung, die an den Rändern leicht ins Durchsichtige geht.

Ich musste mein Sozialleben komplett umstellen. Wenn ich Wurst oder Käse im Anbruch hatte, schlug ich Einladungen oder Verabredungen aus. Der Gedanke an den fortschreitenden Verfall in meinem Kühlschrank ließ mich kein Gespräch, keinen Flirt, keine Pasta und keinen Rotwein mehr genießen. Kein Wunder, dass Singles vereinsamen: ich saß so manchen Abend allein an meinem Tisch, vor mir noch fünfzig Gramm Putenbrust, die am nächsten Tag ablaufen würden, 200 Milliliter Milch, die schon am Morgen komisch geschmeckt hatten und Heringssalat, der zwar noch eine Woche haltbar, aber – so stand es jedenfalls auf der Liste, die ich mir an den Kühlschrank geheftet hatte – schon seit drei Tagen geöffnet war.

Bis ich Claudia traf. Wir mochten uns gleich von Beginn an, doch meine ständigen Absagen ließen sie an meinem Interesse zweifeln. Wie hätte ich auch einen Abend mit ihr verbringen oder gar spontan ein Wochenende wegfahren sollen, wenn ich bei der Rückkehr gleich den Weg zur Abfalltonne hätte antreten müssen? Irgendwann habe ich ihr das gebeichtet. Und ihr ist – wie Frauen eben sind – auch gleich eine Lösung eingefallen. Eine Kühltasche mit leistungsfähigem Akku hat sie mir geschenkt – ich wette, in ein paar Jahren ist das für jeden Single so selbstverständlich wie ein Handy.

Wenn ich heute zu ihr fahre, habe ich meine Wurst immer dabei. Mein mobiler Käse bereichert auch ihren Speiseplan und die Erfindung verschließbarer und damit transportabler Milch- und Saftverpackungen lässt die Schreckgespenster verquarkter Milch im Ausguss und vergorenen Apfelsafts endgültig verschwinden.

Freiheit ist ein Leben ohne Haltbarkeitsdatum.



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Stefan Schrahe

Wurde 1962 in Waldbröl geboren und lebt heute in Bonn und Mainz. Mit dem Schreiben hat er 1988 angefangen. Bis 1991 erschienen drei Automobil-Monographien im Heel-Verlag/Königswinter. Wegen [..]

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