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19.06.10

Stefan Schrahe

Vaterleiden

Ich verlangsame meine Fahrt. Denn ich muss plötzlich daran denken, dass er – wenn ich gleich zu Hause ankomme – noch da sein könnte. Und plötzlich habe ich es nicht mehr eilig.

Meine Tochter hat ihren ersten Freund. Mir war klar, dass das irgendwann passieren musste. Zumindest theoretisch. Aber warum so früh? Warum gerade jetzt? Sie ist doch erst achtzehn.

Ich fühle mich unvorbereitet. Geburtsvorbereitungskurse hatte ich damals besucht. Kindergärten besichtigt, Schulinformationsabende – das ganze Programm. Aber wer bereitet einen auf den ersten Freund vor? Wie soll man sich verhalten? Ich soll bloß nicht versuchen, komisch zu sein, hatte sie mich gebeten. Aber ich weiß nicht mal, welche Bedeutung des Wortes sie dabei gemeint hatte.

Der Schwiegervater in spe meines Zwanzigjährigen hatte seinerzeit offenbar klarere Vorstellungen. An den ersten drei Besuchen meines Sohnes bei seiner Tochter hatte er ihn komplett ignoriert. Danach musste er sich jedoch mit der Unausweichlichkeit weiterer Besuche abgefunden haben. Es drängte ihn nach Klarstellung. So nahm er, der versierte Hobbykoch osteuropäischer Abstammung, meinen Sohn an dessen viertem Besuch beiseite, führte ihn in die Küche, öffnete eine Schublade, zeigte ihm sein prachtvolles asiatisches Küchenbeil und richtete den allerersten Satz an ihn: »Wenn du sie schwängerst, hacke ich dir damit die Eier ab«, erklärte er in ebenso feierlichem wie unmissverständlichem Ton. Mittlerweile verbindet beide eine herzliche Freundschaft.

Ein Freund erzählte mir dagegen unlängst von seiner Reise nach Dänemark als Dreizehnjähriger zu Freunden der Familie, die ihn schwer beeindruckt hatte. Die inmitten des weitläufigen Grundstückes idyllisch gelegene Holzhütte habe seit Generationen als Deflorationsstätte gedient und so sei es auch gewesen, als damals der sechzehnte Geburtstag der Tochter des Hauses gefeiert wurde. Mit den besten Wünschen von Oma, Tante und dem Rest der Sippschaft war die Maid samt Freund des Nachts in dem traditionsreichen Gebäude entschwunden, um die Familientradition fortzusetzen, während die Verwandtschaft draußen bei Lagerfeuer und Faxe-Bier fröhlich weiterfeierte.

Seitdem ist mir klar, dass ich mich irgendwo in der Mitte ansiedeln würde. Und auch nicht zu den Eltern gehöre, die ihren Kindern lustig bunte Kondome in die Kulturtasche für die Kursfahrt packen. Ich weiß, dass das ab einem gewissen Alter vernünftig ist. Aber manchmal ist das Vernünftige auch entsetzlich peinlich.

Ich steuere auf einen Parkplatz und rufe meine Lebensberaterin an, um ihr die neue Situation zu schildern.

»Hast Du was gegen ihn?« fragt sie mich.

»Nein«, antworte ich. Wie sollte ich auch. Hatte ihn ja erst zweimal gesehen, aber immerhin schon einmal nach Hause gefahren, was uns Gelegenheit zu einer längeren Konversation gegeben hatte.

Küchenbeil und Holzhütte waren darin nicht vorgekommen. Über die Vorzüge eines gut ausgebauten Nahverkehrsnetzes hatten wir stattdessen gesprochen. Dass jener Stadtteil zwar eine Straßenbahnanbindung habe, man die Fahrzeit in die Innenstadt aber nicht unterschätzen dürfe. Und Orte mit Stadtbusanbindung entscheidende Vorteile böten. Schließlich priesen wir die Vorzüge von Kleinstädten mit guter Infrastruktur und Schulen, die im Ranking des Bundeslandes auf den vorderen Plätzen zu finden seien. Wahrscheinlich hält er mich jetzt für bescheuert.

»Wo ist das Problem?« fragt die Lebensberaterin.

»Wenn wir wenigstens in einem großen Haus mit vielen Zimmern, Etagen und Badezimmern leben würden,« antworte ich. »Aber unsere Zimmer liegen nebeneinander. Und es gibt Dinge, von denen ich zwar weiß, dass sie irgendwann passieren. Von denen ich aber nichts mitbekommen will. Und wenn ich jetzt nach Hause komme und aus ihrem Zimmer Musik höre, kann ich nicht mehr unbefangen durch die Wohnung laufen. Nicht mal mehr ins Wohnzimmer. Weil das eine Verbindungstür zu ihrem Zimmer hat.«

»Du könntest spazieren gehen,« schlägt die Lebensberaterin vor.

»Ich fühle mich aus meiner Wohnung vertrieben«, erwidere ich bitter. »Ich kann doch nicht jedes Mal spazieren gehen, wenn er da ist. Was ist zum Beispiel, wenn es regnet?«

Das Problem leuchtet der Lebensberaterin ein. Sie schweigt.

»Dann musst du deiner Tochter klar machen, dass eure Wohnung nicht nur atomwaffenfreie Zone ist, sondern auch – na ja – du weißt schon ...«

»Ja, aber ...« Ich denke einen Moment nach und an den Besuch von Claudia am letzten Wochenende. »Das gilt dann aber doch auch für mich.«

Wieder leuchtet das Problem der Lebensberaterin ein. Sie überlegt.

»Dann musst du ihr klar machen, dass diese Wohnung dein Revier ist,« sagt sie schließlich. »Oder besser noch: ihm.«

Da ist was dran, denke ich. Das Bild gefällt mir. Bedanke mich und lege auf. Fahre weiter und überlege, wie ich beim nächsten Gespräch über den öffentlichen Nahverkehr eine geschickte Überleitung finden könne. Dass meine Wohnung ein Tarifgebiet sei, zu dem er keinen gültigen Fahrschein besäße. Und ob ich zur Einleitung Küchenbeil und Holzhütte als abschreckende Beispiele erwähnen soll, um mir eine gute Ausgangsposition zu verschaffen.

Mit flauem Gefühl im Magen komme ich zu Hause an, parke den Wagen direkt unter ihrem Fenster und lasse den Motor ein paar mal aufheulen. Klingele dreimal, bevor ich die Haustür aufschließe und noch ein weiteres Mal, als ich vor der Wohnungstür stehe. Rufe laut: »Bin dahaaa«, als ich diese aufgeschlossen habe und in der Diele stehe.

Meine Tochter kommt mir aus ihrem Zimmer entgegen.

»Bist du alleine?« frage ich so unbefangen wie es mir mein Gemütszustand erlaubt.

»Klar«, antwortet sie, als sei dies das Selbstverständlichste der Welt. »Ist was?«

»Nein nein,« antworte ich. Erleichterung macht sich in mir breit. Ich habe ihn also diesmal noch in die Flucht geschlagen. Scheinbar hat er was gespürt und für besser gehalten, dem alten Wolf sein Revier diesmal noch zu lassen.

Ein Aufschub nur. Ich weiß. Aber besser als nichts.



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Stefan Schrahe

Wurde 1962 in Waldbröl geboren und lebt heute in Bonn und Mainz. Mit dem Schreiben hat er 1988 angefangen. Bis 1991 erschienen drei Automobil-Monographien im Heel-Verlag/Königswinter. Wegen [..]

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