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20.01.12

Stefan Schrahe

Der Capitano

Nein, nicht Michael Ballack ist gemeint. Der war eigentlich schon seit kurz vor der WM 2010 kein Capitano mehr, aber an ihn dachten wir trotzdem, wenn vom Capitano die Rede war. Das hat sich seit Freitag, dem 13. Januar 2012 und der Havarie der »Costa Concordia« mit einem Felsen der Insel Giglio geändert. Seitdem ist Francesco Schettino der neue Capitano. Philipp Lahm braucht sich aber nicht zu fürchten. Denn Francesco Schettino will ihm seine Rolle nicht streitig machen – es ist noch nicht mal bekannt, ob er Fußball spielt.

Andere Dinge sind von ihm bekannt. Dass er auch einen Bus wie einen Ferrari fahren würde, hat ein ehemaliger Vorgesetzter von ihm gesagt. Dass er ein Draufgänger sei. Dass er moldawischen Damenbesuch auf der Kommandobrücke hatte, als er zeigen wollte, wie nah er ein mit 4200 Personen besetztes Schiff an der Küste vorbeifahren lassen kann. Typisch italienischer Macho eben. Die letzten Monate waren aber keine guten für die italienischen Machos. Silvio Berlusconi weiß ein Lied davon zu singen.

Bei einer Familienfeier haben wir über Schettino diskutiert. Ein weitläufig verwandter Onkel ist in einem anderen Gesellschaftssystem groß geworden, was bei Fragen zur Bemessung eines Strafmaßes häufig deutlich wird: »An die Wand stellen!« lautete sein Kommentar. Die anderen Vorschläge waren aber auch nicht besser.

Wer sich in Fragen der Erziehung zur moralischen Reife auskennt, weiß jedoch, dass für Signore Schettino ganz andere Strafen angemessen wären. Denn eine Strafe wirkt, so wissen kluge Pädagogen, am besten, wenn sie mit der Tat in Beziehung steht und den Delinquenten an seiner empfindlichsten Stelle trifft.

Was also wäre eine empfindliche Stelle bei einem italienischen Macho? Zunächst einmal ein lebenslanges Verbot des Tragens cooler Sonnenbrillen. Es existieren keine Videoaufzeichnungen, aber ich bin mir sicher, Francesco Schettino hatte in Ausführung seines Manövers um 23.30 Uhr vor der Insel Giglio im Beisein der moldawischen Schönheit seine Sonnenbrille auf der Nase. Vielleicht ist er sogar deswegen wenig später ins Rettungsboot und die Sonnenbrille beim Sprung ins Wasser gefallen. Das würde jedenfalls die Verwirrtheit erklären, von der Zeugen berichten, die ihn später in der Nacht angetroffen haben. Ein italienischer Kapitän ohne Sonnenbrille! Da wundert einen nichts mehr.

Das wäre aber der Strafe nicht genug. Zweite Maßnahme müsste ein lebenslanges Handy-Verbot in der Öffentlichkeit sein. Hart, aber vertretbar. Kein Telefonino mehr, das neben der Espresso-Tasse auf dem Bistro-Tisch liegt und dessen Display alle paar Sekunden zärtlich gestreichelt werden darf. Vielleicht würde Signore Schettino beim Erleiden dieser Strafe beginnen, sich eine Vorstellung vom Ausmaß seines Vergehens zu machen.

Dritter Schritt: Francesco Schettino dürfte nur noch Hemden tragen, deren vier oberste Knöpfe sich, inklusive des Hemdkragenknopfes, nicht öffnen lassen und das Brusthaar gänzlich verdecken. Diese Hemden könnten im Auftrag des italienischen Staates eigens hergestellt werden und würden in Macho-Kreisen innerhalb kürzester Zeit Angst und Schrecken auslösen. Sicher hat irgendein italienisches Regierungsmitglied jemanden in der Familie, der eine Näherei hat und einen solchen Auftrag kurzfristig ausführen könnte.

Reicht das aber aus, um Signore Schettino die Macho-Allüren ein für allemal auszutreiben? Wenn erkennbar wäre, dass dies nicht der Fall ist, müsste die Justiz wohl zum Äußersten greifen. Vielleicht könnte sie ja Silvio Berlusconi gleich mit einbinden und die beiden dazu verurteilen, sich auf einer LKW-Fähre zwischen Sardinien und dem Festland in der Wäscherei, der Küche und beim Reinigungsservice nützlich zu machen. Das italienische Staatsfernsehen RAI Uno könnte jeden Tag 30 Minuten Programm zeigen, wie sich die beiden schicken. Und jeden Tag müssten sie einer aus Mitgliedern einer feministischen Aktionsgruppe bestehenden Jury Rede und Antwort stehen – der natürlich freigestellt wäre, über weitere erzieherische Maßnahmen je nach Sachlage zu entscheiden.

Ich glaube, Signore Schettino würde sich künftig nicht mal mit dem Schlauchboot in die Nähe der Insel Giglio wagen.

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Foto: Stefan Schrahe

Stefan Schrahe

Wurde 1962 in Waldbröl geboren und lebt heute in Bonn und Mainz. Mit dem Schreiben hat er 1988 angefangen. Bis 1991 erschienen drei Automobil-Monographien im Heel-Verlag/Königswinter. Wegen [..]

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