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22.12.06

Stefan Schrahe

Mydays

Ich wusste nicht, dass die weibliche Monatsregel jetzt kennzeichnungspflichtig ist. Aber im Weihnachtsstress hatte ich während der letzten Tage auch wenig Zeit gehabt, Zeitung zu lesen. Dafür sind mir heute in der Fußgängerzone auf dem Weg zum Weihnachtsmarkt schon mehrere Mädels mit weißen T-Shirts und der hellroten Aufschrift »www.mydays.de« aufgefallen. Vielleicht ist das ja auch nur hier in Nordrhein-Westfalen so, denke ich als erstes. Nach der Föderalismusreform müssen wir uns ja ganz allgemein auf völlig neue Verhältnisse einstellen. Dass man zum Studieren nach Rheinland-Pfalz zieht, während man Hessen fürs Night-Shopping wegen der unbegrenzten Ladenöffnungszeiten bevorzugt, ist nichts Neues. Vielleicht fährt man demnächst ja auch zum Rauchen nach Baden-Württemberg.

Überhaupt wird das Überschreiten der Landesgrenzen in Zukunft viel interessanter. Wo heute nur ein Nichts sagendes »Willkommen in...«-Schild steht, werden uns künftig Informationstafeln über die landesspezifischen Rauchergesetze (nie in Bundesbehörden und in Diskotheken nur dann, wenn der Altersschnitt nach 22 Uhr über 25 Jahren liegt und nicht mehr als 5 schwangere Frauen anwesend sind, die schon gegessen haben). Es wird große Parkplätze geben an den Landesgrenzen, wo wir aus unseren Autos aussteigen und uns kundig machen werden: Was darf man hier und was nicht? Und beim Rauchen hört's nicht auf. Bei Videospielen geht es weiter: Ist »Counterstrike« in Niedersachsen noch ab 16 freigegeben oder wird allein der Besitz schon – wie in Mecklenburg-Vorpommern – mit Vorstrafen belegt?

Wie Duty-Free-Shops werden in raucherfreundlicheren Bundesländern entlang der Landesgrenzen Raucherdiskos und -Restaurants entstehen. Oder Spielhallen für auf der anderen Seite der Grenze indizierte Videospiele. »Warum müssen in Biberach die selben Regeln gelten wie in Hannover?«, hat die SPD-Politikerin Ute Vogt neulich im Radio gefragt und die Länder ermuntert, für alles eigene Regeln zu finden: »Dafür haben wir bei der Föderalismusreform doch gekämpft!«

Als wir früher Cowboy und Indianer gespielt haben, mussten die Bösewichter immer versuchen, nach Mexiko zu fliehen. Demnächst wird es Verfolgungsjagden geben, bei denen Raucher – die sich dem in Rheinland-Pfalz gültigen Verbot des Rauchens in geschlossenen Räumen, also auch in Fahrzeugen – widersetzt haben, in halsbrecherischem Tempo versuchen werden, vor der rheinland-pfälzischen Polizei von Ludwigshafen über die Brücke nach Mannheim zu fliehen. Und der Polizist im grün-weißen Streifenwagen wird versuchen, seine Kollegen im blau-silbernen Streifenwagen zu verständigen – weil er ja mitten auf der Brücke anhalten muss. Vorausgesetzt, die haben überhaupt die gleiche Funkfrequenz und kompatible Geräte. Was aber in dem Fall egal wäre, weil die Kollegen ja aufgrund der Gesetzeslage eh' keine Handhabe hätten. Aber vielleicht verhaften die die Flüchtigen wegen Verstoßes gegen das Tagfahrlicht-Gebot – was zwar nicht in Rheinland-Pfalz, aber sehr wohl in Baden-Württemberg gelten könnte. Ein bunter Flickenteppich also – aber Pluralismus ist ja schließlich Staatsziel.

Und wahrscheinlich ist es eben so, dass Frauen in Nordrhein-Westfalen während ihrer Tage heute schon T-Shirts mit »www.mydays.de« tragen müssen, Jürgen Rüttgers ist ja in letzter Zeit auf so einiges gekommen, was man ihm gar nicht zugetraut hätte. Mir fällt aber auf, dass die Vorschrift nur für unter Zwanzigjährige zu gelten scheint und ich greife nach dem Info-Flyer, den mir das nächste »mydays«-Girl vor die Nase hält. Im selben Moment bin ich schon richtig erleichtert. Denn alles war nur ein Irrtum. »Mydays« ist ein Event-Veranstalter und die Mädels machen Werbung dafür. Auf den Namen ist wahrscheinlich der »Come-in-and-find-out«-Texter gekommen, nachdem er bei Douglas rausgeflogen war. Bei »Mydays« kann man über 400 Erlebnistage an über 700 Orten buchen: »Hot-Chocolate«-Massage, »Blind-Date-Cooking«, Fallschirmspringen, Panzer, Bagger oder Ferrari fahren sowie Kuscheln im »Romantik-Iglu«.

Na prima, denke ich. Und demnächst auch Zigarre rauchen in Bayern.

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Foto: Stefan Schrahe

Stefan Schrahe

Wurde 1962 in Waldbröl geboren und lebt heute in Bonn und Mainz. Mit dem Schreiben hat er 1988 angefangen. Bis 1991 erschienen drei Automobil-Monographien im Heel-Verlag/Königswinter. Wegen [..]

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