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27.07.06

Stefan Schrahe

Winterfreuden

Es war vor etwa drei Jahren. Die Planung des verlängerten Winterwochenendes mit Jana war nicht einfach gewesen. Ich bin Alpinskifahrer, sie ist Langläuferin. Wir fanden aber einen Ort wo beides möglich war und ich versprach ihr, mich wenigstens für ein paar Stunden auch mal in der von ihr geliebten Fortbewegungsart zu versuchen. So betrat ich am zweiten Tag das an der Dorfstraße gelegene Sportgeschäft und verließ es wenig später mit einer kompletten – natürlich geliehenen – Langlaufausrüstung.

Meine schlimmsten Vorahnungen wurden bestätigt. Was aus der Ferne und bei Könnern leicht und beschwingt aussieht, gestaltete sich für mich zu einer anstrengenden Tortur. Ins Gleiten kam ich nie, schritt eher durch die Loipe mit diesen viel zu langen und schmalen Brettern an den Füßen. Auf den versprochenen Rausch der Endorphine wartete ich auch vergebens. Als wir den fünf Kilometer entfernt liegenden Nachbarort erreicht hatten, tat mir stattdessen alles weh. Muskeln schmerzten, von deren Existenz ich vorher nicht die leiseste Ahnung hatte und an den Händen hatten sich bereits Blasen gebildet. Ich brauchte dringend eine Pause.

Wir kehrten in einer Langläuferhütte ein. Zwischen all den ausgemergelten, asketischen Nordischen, die mit Begeisterung einen Energy-Drink nach dem anderen in sich hineinschütteten und zwischendurch die Daten ihrer Pulsfrequenz-Computer analysierten, kam ich mir wie ein Fremdling vor. Schon nach einer halben Stunde zog es mich wieder hinaus – in der festen Absicht, die nächsten fünf Loipenkilometer zu den letzten meines Lebens werden zu lassen. Nur: die Skier waren weg. Die Stöcke hatte ich mit in die Hütte genommen, aber von den nagelneuen Leihskiern war dort, wo ich sie abgestellt hatte, nichts mehr zu sehen.

Meine Wut kannte keine Grenzen. Laut den Tag, den Urlaub und überhaupt diesen ganzen Langlauf verfluchend, stapfte ich durch den Schnee rund um die Hütte. Zwecklos. Die Skier waren weg und ich musste ohne sie zurück. Als winziger Ausgleich für das mir entstandene Unglück stellte sich heraus, dass die Verbindungsstraße zwischen beiden Dörfern unweit der Hütte war. Da ein Spaziergang auf dem Asphalt bedeutend einfacher sein würde als sich entlang der Loipe durch den tiefen Schnee zu quälen, verabschiedete ich mich von der eigentlichen Urheberin all diesen Übels und machte mich auf den Weg.

Die Stöcke hatte ich erst geschultert. Nach den ersten hundert Metern stellte sich dies jedoch als unbequem heraus. Immer noch auf der Höhe meines Wutpegels hätte ich sie am liebsten in den Schnee geworfen, aber Gott sei Dank fiel mir noch rechtzeitig ein, dass ich sie dann auch hätte ersetzen müssen. Also nahm ich sie in die Hände und hieb sie bei jedem Schritt wütend auf den Asphalt. Etwa einen Kilometer hatte ich so zurückgelegt, mit weit ausholenden Armbewegungen, den Boden mit den Stöcken torpedierend und großen Schritten, als mir ein älteres Ehepaar entgegenkam: dick vermummt, die Arme ineinander verhakt, Fellschuhe an den Füßen. Ich bemerkte die Irritation auf ihren Gesichtern, als ich näher kam. Grußlos wollte ich an ihnen vorbeistapfen, konnte aber ihrer Frage nicht ausweichen:
»Haben Sie ihre Skier vergessen?«
»Nein, ich laufe immer so!« blaffte ich zurück. Wenige Minuten später überholte mich ein Minivan. Kaum vorbei, bremste er auch schon und hielt an und schien zu warten, bis ich ihn erreicht hatte.Als ich auf gleicher Höhe war, senkten sich die Fensterscheiben. Vier Frauen, offenbar Anfang Vierzig und bester Laune.
»Mache Sie des öfter?« Ich hasse Schwäbisch.
»Ja, das ist ein neuer Extremsport!« Meine Worte kamen wie Granatgeschosse. Auf vier überraschten Gesichtern konnte ich die Einschläge erkennen.
»Ach – un, wie heischt des?«
»Nordic Walking!« Wer so blöd fragt, kriegt auch eine entsprechende Antwort, dachte ich. Und ich fahr ab morgen nur noch alpin.

Die Seitenfenster surrten hoch und der Wagen beschleunigte. Nach einer Stunde hatte ich völlig ausgepumpt, verschwitzt und immer noch wütend das Sportgeschäft erreicht. Jana genoss auf der Bank vor dem Schaufenster bereits die Nachmittagssonne. Ich ging ins Geschäft, entledigte mich meiner nordischen Kleidung, den Schnabelschuhen sowie den Stöcken, bezahlte die gestohlenen Skier mit meinem guten Namen und verließ das Geschäft. »Nie wieder«, stieß ich hervor, während ich mich neben Jana auf die Bank fallen ließ.

»Ich fand´s herrlich«, sagte sie und erschien mir in diesem Moment unendlich fremd. »Du, aber es gibt jetzt was Neues. Haben eben ein paar Frauen erzählt. Nordic Walking. Die haben den Luggi gefragt, ob er dafür eine Ausrüstung hat.« Gestern habe ich auf meinem Balkon gesessen, den Weg durch die Weinberge beobachtet und mal gezählt: vierunddreißig Nordic Walker in einer Stunde. Man sieht auf den Wegen sogar schon überall die Eindrücklöcher. Das hat mich dann doch ein kleines bißchen stolz gemacht.

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Stefan Schrahe

Wurde 1962 in Waldbröl geboren und lebt heute in Bonn und Mainz. Mit dem Schreiben hat er 1988 angefangen. Bis 1991 erschienen drei Automobil-Monographien im Heel-Verlag/Königswinter. Wegen [..]

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