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28.04.05

Stefan Schrahe

Luft-Maut

Wissen Sie, warum der Odenwald seit einigen Wochen an Sonntagen viel leerer ist als früher? Wieso einem zwischen Fürth und Grassellenbach manchmal kilometerweit kein Auto mehr entgegenkommt? Die neue Luft-Maut ist schuld. Denn in Odenwald und Rhein-Neckar Raum wurde in einer Pilotphase eingeführt, was später für ganz Deutschland und vielleicht sogar weltweit realisiert werden soll.

Längst wissen wir, dass nur der Wettbewerb uns fit für die Globalisierung macht und alte Zöpfe abgeschnitten gehören. Telekom, Deutsche Post und die Bahn haben es vorgemacht und sind von langsamen, behäbigen Beamtenapparaten zu dynamischen, fitten Global Playern geworden. Auch Strom, Wasser- und Gasversorgung sind längst privatisiert. Da war es nur eine Frage der Zeit, bis dies endlich auch für die letzte natürliche Ressource gilt, an der sich heute noch jeder unkontrolliert gütlich kann: die Luft. Wissenschaftler haben errechnet, dass alleine im Odenwald jedes Jahr über 600 Millionen Kubikmeter Luft eingeatmet werden. Eine gigantische Ressource, die sich bisher dem Wirtschaftskreislauf entzogen hat. Im ersten Luft-Privatisierungsgesetz wurde daher die Grundlage für ein Pooling-Verfahren geschaffen, das privaten Investoren den Erwerb von Anteilen an der eingeatmeten Luft ermöglicht. Dabei gilt ein einfaches Prinzip: Gute Luft ist teuer, schlechte Luft billig.

Pflicht ist im Pilotgebiet das Tragen von auf die Brust gehefteten Sensoren, die aus Körpergewicht und Pulsfrequenz die Menge der geatmeten Luft hochrechnen und über einen Mikrochip anhand der GPS-Koordinaten die Luftqualität bewerten. Einmal im Monat werden die gespeicherten Daten per Funksignal zu einer zentralen Erfassungsstelle gesendet und der Betrag für die eingeatmete Luft wird automatisch vom Konto abgebucht. Schon in der frühen Pilotphase sind erste Auswirkungen erkennbar. Der Umgang der Bürger mit der Atemluft ist viel bewusster geworden. »Früher sind wir jeden Sonntag in den Odenwald gefahren«, erzählt Horst K., Rentner aus Mannheim. »Aber seitdem die Luft-Maut eingeführt wurde, können wir uns das nur noch alle zwei Wochen leisten. Und wir spazieren auch langsamer, damit wir nicht so viel verbrauchen.« So werden die Bürger an den schonenden Umgang mit der natürlichen Ressource Luft gewöhnt. Und Horst K. ergänzt: »Jetzt fahren wir manchmal sonntags nach Ludwigshafen und gehen am City-Ring spazieren. Da ist die Feinstaubbelastung am höchsten und die Luft fast umsonst.«

Aber auch die Industrie profitiert von der neuen Regelung. »Endlich ist ein Anreizsystem implementiert, das unsere jahrelangen Bemühungen, die Luftqualität zu verbessern, auch finanziell belohnt«, sagt Uwe Hobesiehl vom Bundesverband der Industrie. Früher, so betont der Verbandssprecher habe die Industrie horrende Summen in Filteranlagen investiert, ohne daraus eine Steigerung ihrer Wettbewerbsfähigkeit zu erzielen. »Heute dagegen«, lobt er die neue Regelung, »hat BASF die Luft im halben Odenwald gekauft und profitiert so unmittelbar an den Erfolgen, die auf dem Gebiet der Luftreinhaltung erzielt worden sind.« Angebot und Nachfrage regelten den Preis und machten einen mehrstündigen Aufenthalt am Wochenende in den Naherholungsgebieten durchaus zu einem kleinen Luxuserlebnis. Aber in Zeiten des Wellness-Booms sei dies ja auch opportun – und immerhin genössen BASF-Mitarbeiter einen dreißigprozentigen Rabatt, was Luftreinhaltung als Bestandteil der Unternehmensleitziele für jeden Mitarbeiter erfahrbar mache. »Und außerdem«, ergänzt der Verbandsmanager, »schafft gute Luft auch Arbeitsplätze. Wir haben 30 Langzeitarbeitlose und Hartz IV-Empfänger als Luftmeister eingestellt, die im Odenwald die Touristen kontrollieren, ob die Messgeräte ordnungsgemäß eingeschaltet sind.«

Für das richtig große Geschäft mit der Luft wäre aber der freie Handel mit dem kostbaren Gut erforderlich. Der endgültige Durchbruch ist für die Fußballweltmeisterschaft 2006 geplant. Nicht nur durch verlängerte Ladenöffnungszeiten sollen die Besucher aus aller Welt ein positives Bild von Deutschland vermittelt bekommen. In gigantischen Luftabsaugern der Firma Linde wird derzeit Waldluft aus dem Odenwald auf -183 Grad abgekühlt, verflüssigt und gelagert. Riesige Verdampfer werden während der WM-Spiele dafür sorgen, dass das Waldstadion endlich auch in der Luftqualität seinem Namen alle Ehre macht. »Wer weiß«, freut sich Lars Dollköpper, Ortsbürgermeister von Rimbach, »vielleicht wird unsere gute Luft ja noch ein richtiger Exportschlager.«



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Stefan Schrahe

Wurde 1962 in Waldbröl geboren und lebt heute in Bonn und Mainz. Mit dem Schreiben hat er 1988 angefangen. Bis 1991 erschienen drei Automobil-Monographien im Heel-Verlag/Königswinter. Wegen [..]

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