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12.12.09

Elke Schröder

Briefe vom kleinen Inder (1)

Lieber Vater,

auch wenn ich anfangs nicht damit einverstanden war, unsere kleine Fischerhütte zu verlassen – du hast gut daran getan, mich in dieses große fremde Land zu schicken. Hier ist alles sehr bunt und laut und der Himmel ist größer als 100 schlafende Kühe an den Ufern des Ganges. Das Wetter ist so verrückt wie unsere Dorfziege Devendra. Du kannst mit der rechten Hand Hagelkörner auffangen, während dir die Sonne auf den linken Arm brennt und auf deiner Stirn ein Schneesturm niedergeht. Am besten aber gefallen mir die Schilder, die überall festgemacht sind und dir sagen, wann du wie schnell in welche Richtung gehen musst.

Nach dem Flug war mein Kopf so leer wie Anupams Netze nach dem letzten Sturm und mein Herz schlug so ängstlich gegen meine Brust, dass ich zitternd niedersank. Du kannst dir ja nicht vorstellen, wie viele Menschen dort in der großen Halle zusammengedrängt standen. Aber dann sah ich diesen verschlafenen Mann mit dem freundlichen Gesicht und der breiten Stirn, der ein Schild hochhielt, auf dem »Welcome Friends!!!« stand. Er winkte so heftig in meine Richtung, dass ich auf ihn zulief und mich an sein Bein klammerte. Er muss sich gefreut haben, denn er zuckte gleich mit der Hüfte, so als wolle er tanzen und schleuderte mich dreimal in alle vier Himmelsrichtungen. Dabei fielen zwei Käsestücke aus seiner Schirmmütze, die ich mir dankbar einverleibte. Welch eine Ehre! Etwas später gesellte sich noch ein Ehepaar zu uns. Sehr blass aber freundlich. »Wie originell, ein kleiner Inder!«, riefen sie aus, als sie mich sahen, worauf Sahib Meyn etwas brummte und wieder mit der Hüfte zuckte. Ich war so glücklich wie damals, als mich die Ältesten auf dem Rücken meines ersten erlegten Schwertfisches ins Dorf trugen.

Das Leben bei meinen neuen Freunden ist sehr spannend. Ich war an Orten, so gewaltig, dass ein Sechsäugiger siebenmal hinschauen muss, um auch nur ein Achtel zu überblicken. Zu essen gibt es nichts und oft vermisse ich Oma Indulalas guten Milchtee, aber ich will dankbar sein und mich nicht beklagen, auch wenn ich einen Knoten in meine Hose machen muss, damit sie hält. Ein wenig Sorge macht mir Sahib Meyns Weib, die einen Namen wie von Knochen trägt. Manchmal, wenn alle schlafen, kriecht sie zu mir hinunter und fragt, ob ich eigentlich wisse, wie man mit Zecken verfährt. Dabei lächelt sie sehr fein und verdreht mir die Glieder, bis der neue Tag anbricht.

Gestern ist etwas Wundervolles passiert! Wir fuhren zu einer Schlucht, die so groß und zerklüftet war, als hätte Shiva dort genächtigt und nach dem Aufstehen vergessen, die Kanten glatt zu ziehen. Ich fiel ehrfürchtig auf die Knie, schloss die Augen und sprach ein Gebet. Im nächsten Augenblick – O Vater! – wurde ich emporgehoben. Meine Pluderhose blähte sich wie ein Segel und eine Zeitlang schwebte ich fast reglos in der Luft. Erst als etwas »Klick« machte, wagte ich, die Augen zu öffnen. Aber da ging es schon sehr schnell sehr weit bergab. Ich wüsste nicht, was geschehen wäre, hätte sich meine Hose nicht an einer knorrigen Wurzel verfangen. Schnell kämpfte ich mich nach oben und dankte Gott Ganesha, Herr und Besieger der Hindernisse für meine große Wendigkeit und dir, verehrter Vater, für deine Weitsicht, mir von enger westlicher Kleidung abzuraten.

Meine Freunde waren verschwunden, aber ich folgte den Reifenspuren und erreichte kurz vor Sonnenaufgang unsere Hütte. Aus Sahib Meyns Lager drangen Geräusche wie von 20 Klöppeln auf einem Tempelgong. Ich wollte gerade nachsehen, als mich jemand aus der Dunkelheit ansprach: »Sieh an, der kleine Inder!«

Es war Sahib Krafzik, der überrascht von einer Dose mit rundem Fleisch aufblickte.

»Warst ja gestern ganz schön schnell verschwunden!« Er leckte sich über das linke Ohr und verbarg etwas hinter seinem Rücken.

»Heute mich haben die Götter geprüft, Sahib!«

»Ach?«

»Aber Rishi große Prüfung bestanden.«

»So?«

»Rishi heute sehr glücklich.«

»Hm, weißt du Rishi, die Götter scheinen dich zu mögen. Sie haben dich sogar bei deiner Prüfung gemalt. Hier.«

Sahib Krafzik zog ein Papier hinter seinem Rücken hervor, auf dem mein Gesicht zu sehen ist, wie es gerade hinter einem Felsen verschwindet. Dankbar nahm ich die Zeichnung an mich, drückte sie gegen meine Brust und verbeugte mich tief. Tränen liefen über meine Wangen.

»Nun mach' mal nicht solche Wellen, kleiner Inder!«

Aus dem Nebenzimmer hörte ich die Stimme der Knochenfrau:

»Wenn du das Bein weiterhin so anwinkelst, als hinge der kleine Scheißer noch dran, raste ich aus!«

»Vielleicht drehe ich mich doch besser auf die Seite, Schnuckie.«

»Mach, wie du willst!«

Jemand ächzte. Dann ertönte ein Zischen wie von fünf großen Nattern.

»Na fein, und wer bläst das Ding jetzt wieder auf?«

Ich war etwas besorgt. »Sahib Meyn vielleicht krank?«

»Nicht krank, aber spitz wie ein Pflock in Vlad Tepes Brust.«

»Sahib Tepes?«

»Ein kleiner Walache. Und jetzt ab in die Falle!«

Heute besuchen wir ein Badehaus unter freiem Himmel. Sahib Krafzik meinte, mit ein bisschen Glück würden mich die Götter dort vielleicht ein zweites Mal prüfen. Später geht es zurück in die große Stadt. Wenn ich einen Job finde, werde ich in ein paar Wochen sicher das Geld für deine Brille zusammenhaben, die dir der Tsunami geraubt hat und glücklich nach Devaneri in die Arme meiner Lieben zurückkehren.

Ich lege dem Brief die Zeichnung bei, damit du und Oma Indulala stolz auf mich sein könnt.

Dein Sohn Rishi

Lesen Sie die gesamte Reihe »Besuch aus Germanyland / Briefe vom kleinen Inder« von Michael Meyn und Elke Schröder:

  1. Michael Meyn: Die Ankunft
  2. Michael Meyn: Die Luft ist raus
  3. Michael Meyn: Klasse Wetter
  4. Michael Meyn: Grand Canyon
  5. Elke Schröder: Briefe vom kleinen Inder (1)
  6. Michael Meyn: Friss oder stirb!
  7. Michael Meyn: Explosionsgefahr beim Doppelkopf
  8. Elke Schröder: Briefe vom kleinen Inder (2)
  9. Michael Meyn: In der Stille der Nacht
  10. Elke Schröder: Briefe vom kleinen Inder (3)
  11. Michael Meyn: Da waren's nur noch zwei
  12. Elke Schröder: Briefe vom kleinen Inder (4)


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Elke Schröder

Geboren 1967 in Köln. Nach langjähriger Gehirnwäsche auf einem erzbischöflichen Gymnasium für Mädchen folgte kein Studium der Literatur- und Sprachwissenschaften, Linguistik oder Theologie [..]

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