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This column's translation: »Fucking Brown Bread«

17.09.06

Elke Schröder

Graubrotficken

Ich gehöre nicht zu jenen, die verschämt in einer fremden Sprache reden. Ein neu hinzugelerntes Wort teste ich sofort auf seine Wirkung. Die Bedeutung ist nebensächlich. Auf den Klang kommt es an. Eine zärtlich ins Ohr gehauchte »Zylinderkopfdichtung« kann mich schneller in die Horizontale bringen als ein profanes »Liebling«. Zwangsläufig aber wird die Bedeutung zur Hauptsache, wenn man ins Ausland reist.

Als ich das erste Mal nach Kreta kam, konnte ich nur das Wort für »Kronkorken«. Ich sagte »Kronkorken« am Flughafen, »Kronkorken« bei der Taxifahrt an die Südküste und »Kronkorken«, als ich das heruntergekommene Landhaus sah, das ich zu einem Spottpreis in einem gottverlassenen Nest namens »Guter Wille« erworben hatte. Mit der Leichtigkeit eines Kindes wollte ich Griechisch lernen, doch vorerst musste ich mich auf das beschränken, was ich hatte: »Kronkorken«. Ich wurde mit der kretischen Herzlichkeit aufgenommen und wandte mein mageres Vokabular überall an: Beim Bäcker, beim Popen und in der verkommenen Apotheke. »Ah, Kronkorken! Sie sprechen ausgezeichnet!«, logen die Leute. Drei bärtige Greisinnen zerrten mich unter euphorischem Geschrei in ihre Behausung, stießen mich auf einen vergammelten Holzschemel und boten mir Kaffee aus einer verdreckten Moccatasse an. »Kronkorken!«, rief ich den Frauen in meiner Verzweiflung zu und wies dabei aufgeregt zur Tür. Das Ablenkungsmanöver gab mir gerade genug Zeit, die schlammige Brühe aus meiner Tasse in den nächsten Blumentopf zu kippen.

Mit der Zeit lernte ich eine Handvoll Verben und das wertvolle Wörtchen »nicht«. Schon hörte sich mein Griechisch gewandter an. »Riechen wir Kronkorken?« fragte ich bei einer Taufe. Dem Schuster warf ich meine abgelatschten Sandalen mit der Weisheit entgegen, dass Kronkorken nicht fischen gehen.

Wäre mein Vokabular größer gewesen, hätte ich verstanden, was die Dorfbewohner hinter meinem Rücken über mich tuschelten. Zum Glück gab es schon einen Dorftrottel. Er sprach jedoch gar nicht, sondern schaukelte nackt auf einem ausrangierten Autoreifen, flocht Kreuze aus Olivenzweigen oder blies Volksweisen durch einen ausgehöhlten Besenstiel.

»Du lernst die Sprache am besten im Bett«, behauptete ein Ikonenmaler. Begeistert ließ ich ihn in mein Zimmer. Dort faselte er etwas von »Profillack« und »Tiko«. Dann warf er sich auf mich und grunzte. Er grunzte eindeutig griechisch, doch ich konnte außer »du geiles Stück, du!« und »ach, Muttergottes, meine!« nichts verstehen.

»Profilaktikó – Verhütung!« bedeutete mir später der Dorftrottel bei dem Versuch, seinen Kopf in einen Staubsaugerbeutel zu zwängen.

Eine Zeitlang zog ich mich zurück, um das Landhaus bewohnbar zu machen. Tagsüber kroch ich über Betonfußböden, und abends erweiterte ich meinen griechischen Wortschatz, über dessen Nutzen man streiten mag:

  • Wolfsmagen
  • Serienmörder
  • Zwölffingerdarmgeschwür
  • Rettich
  • Reifrock
  • Spucknapf
  • Inkontinenz
  • Anus
  • Siebenstriemer
  • Einhorn

Manchmal kamen Nachbarn ans Haus, um mit mir zu schwatzen. »Inkontinenz«, sagte ich zur Begrüßung und »Spucknapf« zum Abschied. Die Zeit dazwischen überbrückte ich mit einem dämlichen Grinsen oder einer spontan dazugelernten »Meeresbestie«.

Es wollte sich kein anständiges Gespräch ergeben. So nahm ich mir eine Privatlehrerin. Einmal kam sie mit blutenden Fingerkuppen, weil sie die Bustür mit bloßen Händen aufgerissen hatte, um rechtzeitig zum Unterricht zu kommen. Das Haus war ohne Strom, so dass wir bei Kerzenschein lernten. Wenn's brenzlig wurde, löschte ich die Flamme und verkroch mich in eine finstere Ecke. »Das Passiv kann doch nicht so schwer sein!«, rief Fräulein Manetákis und stocherte zornig mit ihrem Zeigestock in der Dunkelheit herum, bis sie mich aufspürte. Als sie eine Taschenlampe mitbrachte, musste ich mich dem Passiv stellen. »Die Griechen verwenden es eigentlich nicht mehr«, erklärte sie mir später. »Zu schwer, weißt du?« Ich warf sie hinaus und überschwemmte das Dorf trotzig mit der Leideform.

»Das Einhorn wird bezweifelt!«, rief ich einem schwitzenden Mann zu, der hoch oben auf einem Strommast hockte. »Kronkorken?«, schrie er zu mir herab.

Hartnäckig erweitere ich meinen Sprachschatz, bis ich in der Lage war, erste Bestellungen aufzugeben. Ich ließ mir für den Hausbau nützliche Gegenstände aus der Stadt mitbringen. Stolz, wie ich war, ließ ich nichts zurückgehen. Im Haus war genug Platz für den Krempel, den ich so nicht bestellt hatte:

  • Ein altes Schiffsruder aus Nussbaum
  • Zwei einäugige Plastikenten
  • Vier Einwegspritzen
  • 35 Käseräder
  • Ein Skalpell
  • Drei Augenbrauen
  • Zwei Harpunen
  • Das Verdeck einer Kutsche
  • Eine mit Blattgold verzierte Regentonne
  • Zwölf zusammengebundene Ziegenschwänze

»Wozu brauchst du einen Kalbskopf mit Henkeln?« fragte mich meine Nachbarin, als ich sie um einen Kochtopf bat.

Sie verstehen mich absichtlich falsch, dachte ich. Zur Probe bestellte ich die Ohren einer Fledermaus. Ich bekam die Ohren einer Fledermaus, eingebettet in einer muschelbesetzten Kiste mit Sand. Es war die erste korrekte Lieferung. Das machte mich glücklich.

Bald ergaben sich flüssige Dialoge.
»Wann geht es deine Tochter?«
»Oh, die heiratet nächstes Jahr.«
»Ah, nicht glaublich das!«
»Sie ist verlobt. Ein guter Junge. Wohnt in 8 Höhlen und reitet auf einer Querflöte.«
»Uff, so weit?«
»Hm.«
Meine Einkäufe erledigte ich fortan selbst.
»Einmal Milch aus Sonnen. Die Zeit ist heiß.«
»Sie meinen Sonnenmilch? Welcher Schutzfaktor?«
»Viertel vor 5, bitte.«
»Sonst noch was?«
»Das ist Sprechen von einem Kuh?«
»Rinderzunge, ja.«
»Ich gebe auch sie.«
»Gut.«
»Kann ich Graubrot ficken auf Regal?«
»Hm.«

Als ich nach Deutschland zurückreiste, winkten mir die Dorfbewohner zum Abschied zu. »Kronkorken!«, riefen sie. »Anus!« schmetterte ich zurück. Und gleich darauf: »Bis letztes Jahr dann!«

Zufrieden sank ich in mein Taxi und dachte an Rabelais, der da sagte: »Ohne Griechisch könne sich niemand einen Gelehrten nennen, wenn er nicht vor Scham erröten will.« Was wird wohl sein erstes griechisches Wort gewesen sein?

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Elke Schröder

Geboren 1967 in Köln. Nach langjähriger Gehirnwäsche auf einem erzbischöflichen Gymnasium für Mädchen folgte kein Studium der Literatur- und Sprachwissenschaften, Linguistik oder Theologie [..]

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