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22.12.07

Elke Schröder

Weihnachten mit Dotty Krämer

»Dieses Jahr gibt es keine Geschenke«, verkündete mein Vater am 1. Adventabend und warf uns einen finsteren »Mein Wort ist Gesetz«-Blick zu. Das war vor vielen Jahren und ich kann mich noch entsinnen, wie wir, als hätte man uns den Strom abgestellt, aus der Bewegung heraus erstarrten. Mein Bruder vor dem Fernseher, meine Mutter auf ihrem Lieblingssessel, ich selbst über meinen Wunschzettel gebeugt, das Wort »Kontaktlinsen« fixierend. Nur ein leises Zischen erfüllte die Stille und ich wusste, ohne aufblicken zu müssen, dass meine Mutter ihre Zigarette in einem einzigen langen Zug inhaliert hatte. Das war noch beunruhigender als Vaters Verlautbarung. Denn eben jenes Zischen hatte ich zuletzt gehört, als man die Rolle des Thorne Forrester aus der Seifenoper Reich & Schön mit Jeff Trachta besetzte und meine Mutter in den Folgewochen zu etwas entartete, das sich zwar langsam bewegen, aber weder kochen noch waschen konnte. Sie litt an Jeff Trachta wie an einem Tumor. Dabei war er, ganz objektiv betrachtet, wesentlich talentierter als sein Vorgänger. Wenn er seine hochschwangere Serienliebe Taylor Hayse zum Ultraschall begleitete, hatte ich nicht ständig das Gefühl, absolut bescheuert zu sein, mir den ungeborenen Fuß eines Serien-Embryos anzuschauen, während draußen vor der Haustür das Leben an mir vorbei rauschte. Dank Jeff Trachta schloss ich den Ultraschallfuß ins Herz und verbot meiner einzigen Freundin, zur Serienzeit auch nur an mich zu denken. Geschweige denn bei uns anzuklingeln. Zwar hatte meine Mutter ihren TV-Boykott irgendwann aufgegeben, aber heimlich, davon waren wir alle überzeugt, schickte sie Schmähschriften über den großen Teich an Produzent und Drehbuchautor Bradley P. Bell.
»Dieses Jahr wollen wir uns ausschließlich auf die frohe Botschaft besinnen«, fuhr mein Vater unbekümmert fort. Er lehnte am Türrahmen, mit verschränkten Armen, und wäre die kleine Schneeverwehung auf seinem Hut nicht gewesen, hätte er fast lässig ausgesehen.
»Ach – wollen wir?«, zischte meine Mutter, diesmal ohne Zigarette, und schnippte sich die heruntergefallene Asche aus dem Schoß.

Die frohe Botschaft hieß Dorothea – »Dotty« – Krämer und wohnte seit ein paar Wochen im Haus nebenan. Sie war arm, ledig und hatte einen Sohn, der nach den Mahlzeiten mit dem Kopf gegen die Wand schlug, so als hätte er für sich eine neue und bessere Art der Verdauung entdeckt.
»Wie viele Nägel kann ein einzelner Mensch in die Wand schlagen?«, schimpfte meine Mutter, die noch nicht ahnte, was es mit dem andauernden Pock-Pock-Pock auf sich hatte.
»Vielleicht mag sie Kunst«, brummte mein Vater hinter seiner Zeitung.
Dotty Krämer mochte keine Kunst. Dafür aber unsere Einrichtung. Als meine Mutter sie zu uns einlud, um ihr mal so richtig auf den Zahn zu fühlen, umkreiste sie mit leuchtenden Augen die Stehlampe im Wohnzimmer, streichelte das Grammophon und blickte begehrlich auf die neuen Esszimmerstühle. Aus einem Reflex heraus verschloss ich meine Zimmertür und versteckte meine Haarspangen, bevor Dotty unser Bad besichtigen konnte. Meine Mutter hatte sich für den Besuch in Schale geschmissen, was nichts anderes bedeutete, als dass sie anstelle ihres schlabberigen Wohlfühlpullovers eine rote Bluse unter ihrer Kittelschürze trug. Eine Flasche billigen Eierlikörs sollte Dotty gesprächig machen, führte aber letzten Endes dazu, dass meine Mutter sich schielend über Jeff Trachta ausließ und den Rest des Tages in einem abgedunkelten Zimmer verbrachte. »Sie ist schön, aber unheimlich«, resümierte mein Bruder, der die Besucherin nur kurz hatte begrüßen wollen, aber von ihrem intensiven Blick regelrecht an den Küchenfußboden genagelt worden war.
»So ein hübscher Junge«, schwärmte Dotty.
»Der ist nicht zu verkaufen!« – Mutter, bevor ihr likörschwerer Kopf auf den Tisch sank.

Am 2. Adventabend beobachteten mein Bruder und ich vom geöffneten Küchenfenster aus, wie mein Vater unsere Stehlampe zu Dotty hinübertrug. Kurz vor der Haustür strich er sich durchs Haar und nestelte am Bund seiner viel zu knappen Hose. Neuerdings war alles, was er anzog, mindestens zwei Nummern zu klein. Ich machte Theater, weil er regelmäßig vor der Schule aufkreuzte in einem Mantel, der so eng war, dass er kaum sprechen konnte. Dennoch verwickelte er – kaum dass Dotty am Schultor vorfuhr – meine Klassenkameraden in brutale wiewohl ungewollte Schneeballschlachten und sah dabei aus wie eine taumelnde Teppichrolle. Ein jüngeres Mädchen brach in Tränen aus und verbarg sich hinter einer Tanne. Wann der fiese, alte Mann denn wieder verschwände, schluchzte es und ich zuckte mit den Schultern, als ginge mich das alles nichts an. Dann kletterte ich über die Schulhofmauer und eilte heim. Erste Anrufe besorgter Eltern beendeten den Spuk. Der fiese, alte Mann hatte Schulverbot!

»Die schaffst du augenblicklich wieder her!«, schrie meine Mutter, als sie endlich bemerkte, dass die Stehlampe fehlte. Sie brauchte stets ein paar Tage, grundlegende Veränderungen wahrzunehmen.
»Was regst du dich auf? Sie war aus der Mode und hatte einen Wackelkontakt.«
»Das trifft auch auf dich zu. Verschenke ich dich deshalb gleich an Leopold?«
Mein Vater schnellte aus dem Sofa. »Lass diesen Widerling aus dem Spiel!«
Leopold war ein Getränkelieferant, der wochenlang seine Pausen in unserer Küche verbracht hatte. Er war jung, keck und hatte eine Vorliebe für Glühwein. Aber noch viel mehr als Glühwein liebte er die Gespräche mit meiner Mutter, in denen es um seine sexuellen Neigungen ging. Natürlich hatte ich den Großteil ihrer Unterhaltungen belauscht und wusste, dass Leopold sein Leben dafür hergäbe, wieder zurück in den Mutterleib zu kriechen. Mit dem Kopf voran. Seine Mutter ließ ihn wohl nicht, also versuchte er sein Glück bei meiner, die albern lachte und ihm halbherzig anempfahl, sich doch endlich einmal umzuorientieren. Manchmal war die Luft in der Küche so aufgeheizt, dass die Fenster beschlugen und der Glühwein sich wie von selbst erhitzte. An einem jener Tage kehrte mein Vater früher von der Arbeit heim und erwischte meine Mutter dabei, wie sie Leopold nachschenkte. Was weiter nicht dramatisch gewesen wäre, hätte er nicht in einem Latexanzug gesteckt.
» L e o p o l d «, sang meine Mutter.
»Treib’ mich nicht zur Weißglut!« – Vater, weiß um die Nase.
Das war unser Stichwort, zu verschwinden. Weißglut bedeutete Krieg, der regelmäßig in eine Art Frieden überging, von dem wir nichts hören wollten.

Am 3. Adventabend beobachteten mein Bruder und ich vom geschlossenen Küchenfenster aus, wie mein Vater als Weihnachtsmann verkleidet einen prall gefüllten Sack aus der Haustür hievte. Nach der Versöhnung hatte meine Mutter zugestimmt, die mittellose Dotty und deren Sohn mit ein paar weihnachtlichen Leckereien zu verwöhnen. Sie selbst kontrollierte den Sack, bevor er losging und nahm die Flasche Jack Daniel’s heraus, von der niemand wusste, wie sie hineingekommen war. »Sie soll überleben, nicht saufen«, brummte meine Mutter und setzte sich, den schweren grünen Granitaschenbecher auf dem Schoß, ins Wohnzimmer. Es lief ein Weihnachts-Special von Reich & Schön. Taylor Hayse hatte entbunden und richtete strahlend – Söhnchen T.J. (Thorne Junior) im Arm – eine flammende Dankesrede an das Krankenhauspersonal. Die gesamte Familie Forrester war um das Bett versammelt und alle trugen bimmelnde Nikolausmützen. Nur Jeff Trachta sank vor dem Kamin in der familieneigenen Schneehütte Big Bear schluchzend auf die Knie, weil er gerade erfahren hatte, dass sein Bruder, das Schwein, T.Js leiblicher Vater war.
»Erbärmliches Flittchen!«, spuckte meine Mutter, just in dem Moment, als Dotty nebenan in einem Hauch von Nichts die Tür öffnete. Es war ein rotes schulterfreies Negligee, das für Frauen konzipiert war, deren Schultern bis zu den Hüften herabreichten.
»Sackzement!«, rief mein Bruder und kratzte hektisch an einer Eisblume herum. »Ich kann ihren Bauchnabel sehen.«
Wir pressten unsere Nasen an das kalte Fenster und sahen, wie Dotty an Vaters Nikolausmütze zog. Er warf einen verstohlenen Blick über die Schulter zurück, bevor er mit ihr im Innern verschwand. Drei Stunden und vier Gläser Jack Daniel’s später nahm meine Mutter mich an die Hand und bugsierte uns wortlos zur Tür hinaus. Der Weg war vereist. Schneeflocken wirbelten vom Himmel. Es war so kalt, dass selbst die Bäume knackten. Ich fror entsetzlich, aber schlitterte tapfer auf dünnen Socken neben meiner Mutter her. Für Schuhe und Mantel war keine Zeit mehr gewesen. Aber für Regieanweisungen:
»Du klingelst und forderst Judas Iscariot zu sehen. Lass dich nicht abwimmeln!«
»Wen?«
»Deinen Erzeuger.«
»Wieso machst du das nicht selbst?«, begehrte ich auf.
»Weil ich es sage.« Ich wusste nicht, was mich mehr frösteln ließ: Meine gefrorenen Socken oder ihr klirrender Tonfall.
»Klingel schon! Ich bin in der Hecke, gleich neben dir, Liebes«, flüsterte sie und irgendwie machte mir ihre schwere Whiskey-Fahne Mut.
Nach dem dritten Läuten öffnete Dottys Sohn. Ich sah ihn zum ersten Mal aus der Nähe. Unweigerlich suchte ich seine Stirn nach Dellen ab, konnte aber keine finden.
»Was willst du?«, fragte er und blickte verächtlich auf meine Socken.
»Judas Iscariot.«
»Der wohnt hier nicht.« Dottys Sohn trat mir kräftig auf den rechten Fuß, bevor er die Tür zuknallte. Ich brach in Tränen aus.
»Na, was für ein zauberhaftes Bürschchen! Dem werd' ich …«, rief meine Mutter, tätschelte mir übers vereiste Haar und schickte mich heim. Vom Fenster aus sah ich zu, wie sie meinen Vater nach langem Hin und Her heim schaffte. Er wirkte angeschlagen und schwankte. Sein spärlicher grauer Haarkranz war wie durch ein Wunder schwarz geworden.
»Da habt ihr euch also ein paar Gläschen genehmigt und spontan beschlossen, aus einer grauen Glatze eine schwarze Glatze zu machen?«, eröffnete meine Mutter wenig später im Wohnzimmer das Verhör. Ich hatte die Zimmertür einen Spalt weit geöffnet und lauschte.
»Nein, nein, keine Glatze«, nuschelte mein Vater. »Dotty sagt …«
»Dotty sagt …«, äffte meine Mutter nach. »Es ist mir scheiß-e-gal, was Dotty Duck zu sagen hat.« Nebenan hörte ich meinen Bruder kichern.
»Quak!«, sagte mein Vater, was keine gute Idee war. Er war nicht in der Position, witzig zu sein. Bald fiel das Wort Weißglut und ich wusste, es würde noch mal gut gehen.

Ein paar Tage später erhielt meine Mutter eine Weihnachtskarte von Leopold:

Danke für die köstlichen Glühweinstunden. Frohes Fest & Trallalla

Leopold (der Kopf in Ihrer Hose)

Sie steckte die Weihnachtskarte in ihre Kittelschürze und lief den ganzen Tag mit verschmitzter Miene herum. Gegen Abend verkündete sie, kurz raus zu wollen, um etwas zu besorgen. Unsere Köpfe fuhren herum. Sie verließ das Haus sonst nur, wenn es brannte. Mein Vater rutschte unruhig auf dem Sessel herum, als sie ins Schlafzimmer ging und den Kleiderschrank öffnete.
»Hast du meine Pelzjacke gesehen, Arthur?«, rief sie nach einigen Minuten.
Mein Vater zuckte hinter seiner Zeitung zusammen.
»Meine Pelzjacke, Arthur!«
Eine Schranktüre klappte müde zu. Dann wurde es still. Ich verzog mich in den Flur.

Meine Mutter klang kraftlos, als sie meinen Vater zur Rede stellte. Ihr war der Saft ausgegangen.
»Dotty?«
Er nickte. »Hm.«
»Und was bringst du ihr als nächstes? Unseren Sohn?«
»Sie ist schön, aber unheimlich«, jammerte mein Bruder und verbarg sich hinter meinem Rücken. Diesmal wartete ich vergeblich auf die Weißglut.

In meinem Zimmer dachte ich über Dotty nach und stellte Vergleiche an. Ich war weit davon entfernt, schön zu sein. Eher noch unheimlich. Und anders, wie René, meine heimliche große Liebe aus der Parallelklasse nicht müde wurde zu behaupten. Mit anders musste er meine Brille meinen, die ich seit Jahren versuchte loszuwerden. »Kommt nicht in die Tüte, Liebes«, schmetterte meine Mutter jedes Ansinnen in diese Richtung ab. »Denk an Dr. Scholp!«
Dr. Scholp war ein kleiner, gehässiger Augenarzt, der mir nahezu euphorisch eine massive und irreparable Hornhautverkrümmung attestierte. Er hatte trockene weiße Finger, die wie Spinnenbeine über meine Wangen krochen, als er mir die Brille anpasste. René zuliebe nahm ich sie einmal ab und fragte ihn geradeheraus nach seiner Meinung.
»Und? Immer noch anders
»Na ja, anders anders«, meinte er.
»Wie jetzt?« Ich hätte ihn rütteln mögen.
»Mach dir mal keinen Kopp!«

Am 4. Adventabend beobachteten mein Bruder und ich vom geöffneten Küchenfenster aus, wie unser Vater mit einem großen Überseekoffer das Haus verließ. Er machte kleine Schritte, weil er seinen engen Mantel trug. Einmal drehte er sich herum. Sein Gesicht war traurig und wie versteinert. Er hob zögerlich die Hand und winkte. Meine Mutter verscheuchte uns vom Fenster. Seit der Sache mit der Pelzjacke hatte sie kein Wort mehr mit meinem Vater gewechselt, aber in den Folgetagen seine gesamte Habe zusammengepackt und ihm damit schweigend nahe gelegt, die Biege zu machen. Wir wussten nicht, ob er zu Dotty Krämer oder in ein Hotel ziehen würde. Doch alle atmeten wir auf, als er an ihrem Haus vorbeiging. Heiligabend kam Leopold zu Besuch. Er brachte uns Sekt und eine große Gebärmutter aus Lebkuchen mit. Nach der Bescherung schauten wir uns Ist das Leben nicht schön an. Dann verschwanden Leopold und meine Mutter in der Küche, wo schon ein großer Krug Glühwein bereitstand. Oben auf meinem Bett fand ich ein Päckchen, in silberne Folie verpackt. Ich wickelte es aus und jubelte. Auf der beigefügten Karte standen nur zwei Worte: Judas Iscariot.

»Und?«, fragte ich René am nächsten Tag.
»Wasn?«
»Fällt dir nichts auf?«
»Doch. Wo ist deine schöne Brille hin?«



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Geboren 1967 in Köln. Nach langjähriger Gehirnwäsche auf einem erzbischöflichen Gymnasium für Mädchen folgte kein Studium der Literatur- und Sprachwissenschaften, Linguistik oder Theologie [..]

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