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27.01.10

Elke Schröder

Briefe vom kleinen Inder (4)

Lieber Vater,

das Herz will mir aus der Brust springen, während ich diesen Brief schreibe und meine Hände zittern wie die Bögen deiner Brauen, wenn du in der Nacht des großen Zorns die Tanpura spielst. Doch ich will von vorne beginnen und mich für den Geruch entschuldigen, der von diesem Blatt aufsteigt. Mein erster Arbeitstag in der Küche einer Fischfabrik war zugleich mein letzter und ich verbrachte ihn zwischen toten Heringen und einer Frau, die schlimmer roch als die Paste, von der du uns vor dem Tauchen auf die Brust zu streichen pflegst, um die Haie fernzuhalten.

Als ich die große lärmende Fabrik betrat und die Menschen sah, die in ihr arbeiteten, machte ich auf dem Absatz kehrt und schlich zurück zum Eingang. Kurz bevor ich die schwere Eisentür erreichte, legten sich vier rissige Finger und ein verstümmelter Daumen wie ein Schraubstock um mein rechtes Handgelenk. »Hey, kleiner Mann!«, Erschrocken blickte ich auf und sah in das Durcheinander eines Gesichts, von dem ich nicht sagen konnte, ob es weiblich oder männlich war. Ein mandarinengroßer Klumpen Fleisch wucherte dort, wo das rechte Auge sitzen sollte. Das linke Auge fixierte die Nase, bei deren Form ich an Antana, die kosmische Schlange denken musste, auf der sich Vishnu zwischen den Weltphasen ausruht. Nur dass aus seinem Bauchnabel keine Lotusblüte wuchs, auf der Brahma saß, sondern ein besonders hässlicher Schorf. Was auch immer diesem Gesicht zugestoßen war, lieber Vater, dem Mund hatte es nichts anhaben können. Er war unversehrt, wenn auch nicht dort, wo man ihn gemeinhin vermutet. Doch wie sagst du stets in deiner unendlichen Weisheit: Ein Bein bleibt ein Bein, auch im Bauch einer Python.

»Gut, dass du kommst«, sprach der Mund zu mir »ich bin Witta, die Köchin.« Der Griff um mein Handgelenk verstärkte sich.
»Rishi falsch hier!«, sagte ich und versuchte mich zu entwinden.
Wittas Lippen verzogen sich zu einem Kräuseln. »Yep, und ich bin das neue Gesicht der ›Vogue‹« Sie presste meinen Kopf an ihre verschmierte Gummischürze und zerrte mich durch einen dunklen Flur. Trotz ihres massigen Körpers glitt sie so leichtfüßig dahin wie eine Spinne über ihr Netz.
»Rishi freier Mann!«, klagte ich, als sie mich durch eine Tür in die Küche stieß. Der Raum war klein und stickig. An der Decke flackerte eine schmutzige Glühbirne. Auf einem Tisch in der Mitte lagen aufgeschlitzte Heringe in einer Blutlache, ein fleckiges Kreuzworträtsel, eine Trillerpfeife und, o Vater, gleich daneben, festgebunden an einem Stock, dein zweitgeborener Sohn, mein kleiner Bruder Dilip. Ich konnte mein Glück kaum fassen. »Dilip!«, rief ich mit Tränen in den Augen und rannte auf den Tisch zu. Dilips Gesicht war bleich wie Milch, sein Mund zu einem stummen Schrei verzogen; er hatte die Augen fest geschlossen und die Hände zu Klauen gekrümmt. Ich rüttelte ihn an den Schultern, aber er bewegte sich nicht. Ach, wie schwer wurde mein Herz. Da fand ich meinen Bruder in der Fremde, aber er erkannte mich nicht.
»Der ist eh bald hinüber«, brummte Witta, die sich hingesetzt hatte.
»Warum du binden Dilip an Stock wie tote Ziege?«, rief ich mit zitternder Stimme und versuchte, die Stricke an seinen Handgelenken zu lockern.
»Das wirste gleich sehen, Jungchen«, sagte Witta und knöpfte ihr Gewand auf. Ein stechender Geruch schlug mir entgegen, der mich an die Zeit erinnerte, in der Oma Indulala wochenlang versuchte, die Eier einer Riesenschildkröte in ihren Achselhöhlen auszubrüten.
Witta befahl mir, den Stock hochzunehmen, an dem Dilip befestigt war und ihn nahe an ihren nunmehr nackten Rücken zu halten. Ich schüttelte den Kopf, aber ein durchdringender Blick aus dem, was einmal ihr rechtes Auge war, ließ mich gehorchen. »Pass gut auf jetzt, damit du gleich weißt, wie ich's am liebsten hab!«, sagte sie. Dann nahm sie die Trillerpfeife, holte tief Luft und blies kräftig hinein. Sofort gerieten Dilips Hände in Bewegung. Sie kratzten so schnell über den Rücken der Köchin, dass mir vom Zusehen die Augen tränten. Schorf rieselte auf den Boden. »Ahh ... höher!«, grunzte Witta und beugte sich ein wenig nach vorn. Ich ergriff die Gelegenheit und schlug ihr den Stock mit Dilip über den Schädel. Sie gab einen überraschten Laut von sich, bevor sie vom Stuhl kippte. Vorsichtig tippte ich ihren Rücken mit dem Fuß an. Sie rührte sich nicht. Dann kletterte ich mit meinem Bruder durch das Küchenfenster in die Freiheit.

Es brach mir das Herz, Dilip vor Sahib Meyn und seinen Freunden zu verbergen. Es hätte mich mit Freude erfüllt, ihn als meinen geliebten Bruder vorzustellen. Doch was sollten sie von einem Mann halten, der nicht blickte, nicht sprach, aber dessen Hände beim kleinsten Pfeifton alles zerkratzten, was gerade in Reichweite war? Ich entschied mich, ihn erst in Ruhe gesund werden zu lassen. Und wieder bin ich Oma Indulala zu großem Dank verpflichtet, weil sie mir und meinen Brüdern schon sehr früh beigebracht hatte, wie man in kleinen und kleinsten Gefäßen Platz findet. Ich brachte Dilip in einem schönen Krug unter, der mit Blumen gefüllt war, die weder rochen noch verwelkten. Ab und an holte ich ihn heraus, pfiff leise durch die Zähne und achtete auf seine Reaktion. Anschließend verstaute ich ihn enttäuscht wieder und versorgte meine Verletzungen.

In den letzten Tagen konnte ich nicht mehr nach Dilip sehen, weil meine Freunde sich ein neues Spiel ausgedacht haben, in dem es darum geht, mich einzufangen und verschwinden zu lassen, ohne dass die anderen es bemerken. Einmal steckte mich Sahib Meyn in einen dunklen Koffer, zweimal legte mich sein Weib in einen Beutel, in dem es nach Frühling roch. Du kannst dir sicher vorstellen, wie stolz ich war, bei ihrem Spiel mitzumachen. Ich gab mir große Mühe und befreite mich jedes Mal, damit sie Rishi erneut verstecken können. Zu meinem großen Bedauern schien sie das nicht glücklich zu machen.

Doch heute, o Vater, kann mich nichts betrüben. Ein Wunder ist geschehen! Als ich Dilip aus dem Krug zog und pfiff, blieben seine Hände still. Stattdessen schlug er die Augen auf und verlangte nach Großvater Bahubalis Palmwein. Seitdem redet er unentwegt.

Dein Sohn Rishi

P.S. Wenn du die Zeichnung, die diesem Brief beiliegt, ein wenig drehst, kannst du Sahib Meyn und sein Weib etwas besser erkennen. Als sie Dilip und mich zusammen sahen, haben sie sich vor Freude auf den Boden gelegt. Ich glaube, wir werden glücklichen Zeiten entgegensehen.

Lesen Sie die gesamte Reihe »Besuch aus Germanyland / Briefe vom kleinen Inder« von Michael Meyn und Elke Schröder:

  1. Michael Meyn: Die Ankunft
  2. Michael Meyn: Die Luft ist raus
  3. Michael Meyn: Klasse Wetter
  4. Michael Meyn: Grand Canyon
  5. Elke Schröder: Briefe vom kleinen Inder (1)
  6. Michael Meyn: Friss oder stirb!
  7. Michael Meyn: Explosionsgefahr beim Doppelkopf
  8. Elke Schröder: Briefe vom kleinen Inder (2)
  9. Michael Meyn: In der Stille der Nacht
  10. Elke Schröder: Briefe vom kleinen Inder (3)
  11. Michael Meyn: Da waren's nur noch zwei
  12. Elke Schröder: Briefe vom kleinen Inder (4)

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Foto: Elke Schröder

Elke Schröder

Geboren 1967 in Köln. Nach langjähriger Gehirnwäsche auf einem erzbischöflichen Gymnasium für Mädchen folgte kein Studium der Literatur- und Sprachwissenschaften, Linguistik oder Theologie [..]

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