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28.06.06

Elke Schröder

Gatterheben in Strahl

Einmal im Monat hocke ich im Keller eines mir gänzlich unbekannten Mannes, trinke Wein und lausche seinen Ausführungen:

»Du betrittst ein hohes gotisches Studierzimmer. Draußen Nacht. Gewitter zieht auf. Rechterhand ein Regal mit Zaubertränken, Schriftrollen und Silberpokalen. Links die stinkende Leiche einer fehlgeschlagenen Kreuzung zwischen Mensch und Frostwurm. Ein fleischiger Fühler ragt aus ihrer Stirn. Fackeln beleuchten eine Truhe in der Zimmermitte. Du hast Dietriche im Gepäck. Was tust du?«
»Ich öffne ein Fenster und lasse erstmal Luft in die Bude.«
»Die Truhe schaut aber äußerst wertvoll aus.«
»Ich mag nun mal Gewitter!«
»Aha.«

Der mir gänzlich unbekannte Mann verdreht die Augen, nimmt einen großen Schluck Met und fragt die anderen: »Was tut ihr?«
»Wir öffnen die Truhe, Meister!«, tönt es wie selbstverständlich aus sieben Mündern. Es ist Freitag. Rollenspieltag. Ich bin Paladin unter Fürst Strahl in der Stadt Strahl und habe mich von einer Freundin überreden lassen, regelmäßig an diesem Irrsinn teilzunehmen. Im Keller eines Bekannten, dessen Klospülung kaputt ist, den man aber ehrfürchtig »Meister« nennt, weil er die Gruppe eloquent durch das Abenteuer führt. Vor mir auf dem Tisch liegen Chips, Colaflaschen und bunte Würfel, die so viele Seiten haben, dass es sie eigentlich gar nicht geben dürfte. Und mein Charakterbogen, auf dem ich jederzeit nachlesen kann, dass mein Paladin einerseits schlau genug ist, böse Schwingungen auf 18 Meter Entfernung wahrzunehmen, andererseits dämlich genug, den 10. Teil seiner Beute der Kirche abzutreten. Den Rest kapiere ich nicht. Was hat es mit der Eigenschaft »Gatter anheben – 13 %« auf sich? Ich trage 5 Elektrummünzen bei mir und bin 14 Punkte schön. Zu Beginn schenkte mir der Meister großzügig ein Eselchen. Es heißt Caesar, hat eine Moral von 6 und wurde während der letzten Rast von einem bösartigen Huhn versteinert. Zusammen mit unserem Magier. Seitdem klemmen beide in meiner linken Armbeuge, weil ich stark genug bin, sie bis zum nächsten Tempel zu schleppen, wo ein Heiler sich ihrer annehmen wird. Meine rechte Hand hält ein Langschwert. Womit habe ich im Studierzimmer dann eigentlich das Fenster öffnen können? Das sollte der Meister wissen, denke ich und will schon intervenieren, als sich mein Sitznachbar an mich wendet:

»Der ist ja süß!«, raunt er und blickt begehrlich auf meinen kleinen blauroten Radiergummi.
»Du darfst ihn dir ruhig mal ausleihen«, ermuntere ich Progowitz; im Rollenspiel als Zwerg – im Leben als Richter unterwegs. Mehr weiß ich nicht über ihn, aber seine Fähigkeit, Gatter anzuheben, liegt bei satten 19 %, wie ich mit einem schnellen Blick auf seinen Charakterbogen konstatiere. Mir persönlich ist Progowitz zu laut. Außerdem reißt er ständig das Spielgeschehen an sich. Zuletzt in der behaglichen Taverne, wo er säuisch lachte und der Magd befahl, sechs Krüge Bier auf ihrem wogenden Busen heranzuschaffen.
»Das schaffst du nicht!«, meinte der Meister. »Es sei denn du würfelst mit dem W20 über 17.«
»Was ist ein W20?«, flüsterte ich meiner Freundin ins Ohr.
»Ein Würfel mit 20 Seiten.«
»Aha! Und warum muss er über 17 kommen?«
»Wenn er seinen Thakowert von der Rüstungsklasse der Magd abzieht, Boni addiert und Malus subtrahiert – was bleibt dann?«
»17?« Ich schlug auf den Tisch und lachte säuisch.
»Das kommt schon noch«, warf der Magier gönnerhaft ein. »Du spielst zum ersten Mal. Wir machen das bereits seit Jahren.«
»Hey Magier – was mischst du dich überhaupt ein?«, bellte Progowitz. »Du bist versteinert. Also halt gefälligst die Klappe!«
Der Zwerg würfelte eine 4. Dann flog er aus der Taverne.

»Paladin!«, reißt mich der Meister aus meinen Gedanken. »Nachdem du das Fenster geöffnet hast, zerfällt der stinkende Kadaver am anderen Ende des Raumes zu Staub und hinterlässt eine schimmernde rote Feder. Sie sieht wertvoll aus. Was gedenkst du zu unternehmen?«
»Ich lasse die Versteinerten fallen und schließe äßma das Fenster.«
Allgemeine Entrüstung: »Was?«
»Ich schließe das Fenster. Was ist daran verwerflich?«
Der Meister räuspert sich. »Du kannst die Versteinerten nicht einfach fallenlassen. Sie gehen zu Bruch.«
»Na dann lasse ich das Fenster auf und untersuche lieber diese Feder.«
Allgemeine Entspannung: Hört hört ...
Progowitz: »Na bitte! Geht doch.«
»Die Feder erreichst du aber erst in der dritten Runde. Sie liegt sehr weit weg«, stichelt der Meister.
»Bah! Dann mache ich eben eine beherzte Flugrolle.«
»Dazu musst du mit dem W8 mindestens auf 7 kommen. Und es gibt natürlich Punkteabzug wegen deiner Traglast.«
»Kann ich diese blöden Versteinerten denn nicht mal für eine Minute absetzen?«
»Nö.«
Ich würfele eine 8, erreiche die Feder und schnappe sie mir. Dabei verliere ich Caesar und den Magier. Scherben bedecken den Boden.
»War ja klar«, kläfft Progowitz.
»Frag du mich noch mal nach meinem Radiergummi!«
»Ich möchte die Truhe endlich mal auf Fallen untersuchen«, klagt meine Freundin, Diebin unter Fürst Strahl in der Stadt Strahl. Schönheitsfaktor: 18 – Gatter anheben: Fehlanzeige! Tscha ... schön aber dusslig, denke ich gehässig und blicke verstohlen auf die Uhr. Wo sind nur die letzten sieben Stunden geblieben? Eine ältere Dame huscht an der Kellertür vorbei, spannt eine Wäscheleine quer durch den Flur und hängt zwei weiße Mieder auf.
»Wann kommst du endlich hoch essen, Junge?« kräht sie zu uns hinein. Eine Persilwolke weht ins Zimmer.
»Nicht jetzt!«, winkt der Meister ab. Und dann: »Du hast keine Falle entdecken können. Was machst du als nächstes?«
»Ich öffne das Schloss mit einem Dietrich.«
Der Meister kramt in seinen Unterlagen. »Du bist gerade dabei, das Schloss zu knacken, als der Truhe plötzlich handlange Zähne entwachsen. Sie beginnt zu glühen und greift die Gruppe an. Was tut ihr?«
»Es gibt heut Königsberger Klopse!«
»Ich sollte ihr einen W6 an die Stirn pfeffern«, brummt Progowitz.
»Und viele Kapern!«
»Gibt's eigentlich Gatter im Raum?«, will ich wissen.
Der Meister packt genervt seine Blätter zusammen. »Lassen wir es für heute gut sein. Ihr habt euch gut geschlagen und 1500 Erfahrungspunkte gesammelt. Die Werte berechnen wir das nächste Mal.«

Morgen ist es wieder soweit. Ich werde im Keller eines mir gänzlich unbekannten Mannes hocken, Wein trinken und seinen Ausführungen lauschen. Vielleicht retten wir ein Centaurenbaby, womöglich werden wir von Goblins angegriffen, sicher aber werde ich versuchen, mal ein Gatter anzuheben.

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Elke Schröder

Geboren 1967 in Köln. Nach langjähriger Gehirnwäsche auf einem erzbischöflichen Gymnasium für Mädchen folgte kein Studium der Literatur- und Sprachwissenschaften, Linguistik oder Theologie [..]

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