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31.08.07

Elke Schröder

Mit Heike Makatsch im Zucchinifeld

Gestern hing ich mal wieder an einer Textstelle fest. Stundenlang fixierte ich den blinkenden Cursor und überlegte, was passieren kann, wenn ein Mann wie Gregor aus dem Schatten tritt. Es gab tausend Möglichkeiten, von denen die einfachste ziemlich fad klang: Gregor trat aus dem Schatten und stand im Licht. Ginge es in dem Roman um ein schwarzes Loch, das die Sonne verschlang und die Erde in ewige Finsternis stürzte, dann wäre der Satz spektakulär, würfe Fragen auf, ließe mutmaßen. Hier aber lag der Fall anders: Gregor war ein erfolgloser Autor, der langsam verrückt wurde und sich darauf freute, seine Frau bis zum Hals in ein Gemüsebeet einzugraben. Wenn so ein Typ aus dem Schatten tritt, muss er dem Leser eine ungefähre Vorstellung davon liefern, wie durchgeknallt er ist. Gregor trat aus dem Schatten und sank vor dem Zucchini-Beet auf die Knie. Er trug Jeans, Gummistiefel und eine große gelbe Smiley-Maske, die er nicht mehr abgesetzt hatte, seitdem ihm der Imperator Minusmann auf dem Dachboden erschienen war. Mit bloßen Händen begann er zu graben und formte sich aus der schlammigen Erde ein Ohr Nackenkissen. Nein, das war albern. So kam ich nicht weiter. Ich öffnete Outlook und formulierte eine Mail an meinen Coautor. Da ich seit Wochen mit der Fortsetzung überfällig war, musste eine phantasievollere Ausrede her als der dreitägige Stromausfall: Du wirst es nicht glauben! Habe gestern eine Dolo Dobendan genommen und wurde wenig später mit einem allergischen Schock in die Notaufnahme gebracht. Kann wieder normal atmen, aber meine Augen sind noch zugeschwollen und meine Lippen sehen aus wie … kennst du das Michelin-Männchen? So kann ich unmöglich arbeiten. Es dauert also noch etwas.

Müde fuhr ich den PC herunter und brachte gerade noch soviel Elan auf, mich auf der Couch zusammenzurollen und die NDR-Talkshow einzuschalten. Schon war ich dabei, langsam einzuschlafen, als Heike Makatsch behauptete, sie habe das Drehbuch »Schwesterherz« zusammen mit einer Freundin in der Rekordzeit von 14 Tagen verfasst. Peng! Ich schoss vom Sofa hoch. Die Kindfrau mit dem rotblonden Haarschopf hatte mich an meiner Achillesferse getroffen. Seit einem Jahr schreibe ich mit Michael Meyn an unserem Roman, der alle sechs Wochen um ein paar Seiten anwächst. Wenn es gut läuft und nicht gerade jemand aus dem Schatten tritt. In der Zwischenzeit blockieren wir uns gegenseitig und entladen unser kreatives Potential in Mails, die erklären, warum die Fortsetzung auf sich warten lässt. Einmal waren es verlegte Kontaktlinsen, dann eine neue Videokarte, die es Michaels Frau ermöglichte, endlich wieder Everquest zu spielen und als Level-70-Magierin die Welt zu retten. Da könne er natürlich nicht stören und den PC in Beschlag nehmen. Ich hatte Verständnis, weil er mir die Sache mit der verschwundenen Tastatur abnahm. Dennoch haben wir es mittlerweile auf über 180 Seiten gebracht.

Misstrauisch beäugte ich die Makatsch. Schauspieltalent – ja, internationale Karriere – zweifellos, Autorin – nein! Wie es denn dazu gekommen sei, bohrte Jörg Pilawa nach.
»Na ja, ich war eine Zeit lang im schottischen Hochland, genoss die Ruhe und telefonierte jeden Tag mit meiner Freundin. Das ging oft stundenlang so. Wir plauderten über das Leben, die Männer, unsere Karrieren – der übliche Frauenkram halt. Irgendwann kam uns die Idee, etwas gemeinsam zu machen. Der Rest war ein Kinderspiel.«
Ich stellte den Ton lauter und mir vor, Michael anzurufen. Natürlich vom schottischen Hochland aus. Wegen der Ruhe. Wir wären klar im Vorteil, weil wir auch über Männerkram reden könnten und uns nicht erst entschließen müssten, etwas gemeinsam zu machen. Anschließend würden wir unser Buch in einer einzigen Woche runterreißen. Aber wer käme für die Gespräche nach Las Vegas auf? Heike Makatsch strahlte in die Kamera.
»Wir schmissen unsere Talente in einen Topf, rührten um und schrieben es – Schnipp! – einfach so herunter.« Bewundernde Blicke aus der Talkrunde. Nur Elke Heidenreich hob ihre Augenbraue bis zum Haaransatz – wer ihre Frisur kennt, weiß, wie hoch das ist – und versuchte das, was sie dachte, mit einem Schluck Wasser herunterzuspülen. Ich wusste, was in der Frau vorging. Kein Mensch schreibt in 14 Tagen ein brauchbares Drehbuch. Ob mit oder ohne Schatten, weder unter seelischen Qualen noch unter permanenten Hochgefühlen. Über Letztere konnten Michael und ich uns nicht beklagen. Seit unserer Coautorenschaft hatten wir schon zwei Literaturpreise gewonnen und den Gründer eines renommierten Verlages dazu gebracht, anzufragen, ob er unsere Interessen vertreten dürfe. Er dürfe, gewiss, aber immer schön langsam bitte. Vom Sofa aus konnte ich meinen Gefühlen freien Lauf lassen:
»Schnipp – ja?«, spuckte ich Richtung Makatsch, die aufgefordert wurde, den Inhalt von »Schwesterherz« knapp und klar zu umreißen:
»Marie, also die Schwester von der Anne, die beiden sind ja seit ihrer Kindheit verwandt, der Marie jedenfalls wird auf ihrer Reise mit der Anne bewusst, was sie eigentlich sein könnte, wenn sie all die Jahre nicht die gewesen wäre, die sie jetzt ist, also auch in beruflicher Hinsicht, wo sie ja diese Handyklingeltöne entwickelt, womit ich nicht sagen will, dass heutzutage natürlich manch anderer froh wäre, überhaupt so einen ... äh … Job zu haben.«
Beifälliges Gemurmel aus dem Publikum. Elke Heidenreich schob die Unterlippe vor und blies sich Luft ins Gesicht. Ein paar Jahre hatten wir denselben Zahnarzt frequentiert und ich genügend Zeit gehabt, im Wartezimmer über meine Zeitung hinweg ihre Gestik zu studieren. Sie litt. Ich überlegte mir, was mit dem schottischen Hochland nicht stimmte und schaltete den Fernseher aus.

Nachts fuhr ich im Bett hoch und wankte an den PC. Gregor trat aus dem Schatten und sank vor dem Gemüsebeet in die Knie. Er trug Gummistiefel, Ohrstecker und einen Faltenrock, den er nicht mehr abgelegt hatte, seit ihm die Heidenreich auf dem Dachboden erschienen war. ›Bereit für einen Schwatz mit der Freundin?‹, wandte sich Gregor an den rotblonden Haarschopf zwischen den Zucchini. Die Vergrabene stöhnte. ›Na, dann mal los!‹, nickte er und stülpte sich eine Frauenperücke über.

  

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Elke Schröder

Geboren 1967 in Köln. Nach langjähriger Gehirnwäsche auf einem erzbischöflichen Gymnasium für Mädchen folgte kein Studium der Literatur- und Sprachwissenschaften, Linguistik oder Theologie [..]

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