Sonderwirtschaftszone ist ein dreieckiges Wort mit 21 Buchstaben. Inhaltlich hat es viel mit einer Biotonne gemein: Chaotische Gärung unter dem Schutze eines passgenauen Deckels. Nur zu öffnen, um fauliges Zeug hineinzuwerfen.

"Hallo! Ich suche Arbeit!"
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"Du kannst es auch im Osten schaffen", behauptet mein Vater, der Ostrentner, "brauchst nur die richtige Geschäftsidee!" Und dann zählt er auf: Grüner Punkt, Blaue Lagune, Yellowstrom... Wenn er bei laufendem TV die Fortsetzung einer schier endlosen Liste von Erfolgsbeispielen betreibt, scheint es für Augenblicke geradezu abwegig, dass sich der Deckel über SoWiZonalien schon geschlossen haben könnte.
Aber auch diese Augenblicke vergehen. "Was machst du mit einer Geschäftsidee im dunklen Osten", frage ich dann, "ohne Startkapital und Kaufkraft?" – "Papperlapapp", plautzt es sogleich drei Zähne schärfer zurück, "ein Tisch, ein Sonnenschirm, ein Grill und ein paar Würste..." Mao hat gesprochen und wechselt vom 3. ins 19. Programm. Wer wie ich nicht an die Metamorphose des deutschen Mezzogiorno glauben mag, muss sehen dass er Land gewinnt. Da heisst es: Beam me up! Bewirb dich westlich!
Be-Werbung. Die Zeiten sind nirgendwo rosig. Egal wohin man bereit ist auszuwandern. Wie macht man Werbung wenn auf 150 gleichartige Produkte nur ein Käufer kommt? Handgeschöpftes Papier? Einen Hefter, nicht zu pappig und keineswegs rot? Das Bild nicht zu klein und nicht zu bunt? Das Gesicht darauf breit lachend und bartlos? Das Maul voll Selbstlob? Wie auch immer. Du erhältst es postwendend zurück. Mit dem herzlichsten Bedauern und den Fettfingern des Personalchefs am Hefterrand. Nein leider. Das hat auch gar nichts mit ihrer Qualifikation zu tun.
Sondern? Mit dem Lebenslauf? Wenn man keine Geschäftsidee hat, sollte wenigstens der Lebenslauf schnurstracks sein wie die Adenauerallee. Schule, Studium, Bestnoten wohin man schaut und Auslandsaufenthalte und 35 Jahre Berufserfahrung und 18 Sprachen und Junge Union.
Sonderwünsche geben potentielle Arbeitgeber neuerdings auch gern mit einem Signal-Wort bekannt, das den Charme einer Dampfwalze entfaltet: "Abgerundet". "Abgerundet wird Ihr Profil..." zum Beispiel, wenn sie in der Region wohnhaft und nicht kleiner als 1,85 sind, Kaffee ohne Zucker trinken und mit Vorliebe dunkelbraune Rindslederhalbschuhe der Marke Visconelli tragen. Ach und ganz wichtig: Bitte nicht älter als 28 sein. Alles andere ist Kassengift. "Frechheit", wetterte der einstige Arbeitslosenchef Jagoda noch vor Lüftung seines Sessels, "gut ausgebildete Fachleute bekommen keinen Job in deutschen Unternehmen...", und seine Stimme schraubte sich hinauf bis an den äußersten Rand der Troposphäre, "...nur weil sie die 35 überschritten haben!? Pfui!" Dabei warf der Oberbeamte die Faust dermaßen heftig auf den Tisch, dass einige Gesetzbücher aus den umstehenden Regalen kippten. In jedem davon ist nachlesbar, dass der Beginn einer Beamtenkarriere, also im öffentlichen Dienst, nur gut ausgebildeten Fachleuten bis knapp über 30 offen steht. "Ja, Gott, ja...", hätte der Arbeitslosenbeamte auf eine entsprechende Frage (auf die man freilich erst mal kommen muss) geantwortet "...das ist ja auch etwas ganz anderes. Das hat mit der Rente zu tun..." So ist es. Alles und jedes hat heute mit der Rente zu tun.
Wenn man Ostrentner ist hat man die Wahl. Man kann zu denen gehören, die Helmut Schmidt unentwegt über die Zonen-Grenze hinweg ankotzen, oder – angeblich seltene Rasse – man lobpreist wie mein Vater die Segnungen der Wiedervereinigung und die BfA. Und zwar in jedem Morgengebet. Dann ist natürlich automatisch jeder Arbeitslose ein Parasit, weil der nix in die Kasse tut, aus der seine Weltreisen und die anderen Altersfreuden finanziert werden. Rentner haben immer klug schwätzen bei Früchtetee und fettarmer Rohkost. "Hamburg!", schwärmt mein Vater von seiner letzten Weltreise und berichtet dann gern zum hundertsten Male von den weißen Villen an der Alster, in denen Honorarkonsule Cognac schlürfend mit ihren Damen sitzen und wo überhaupt die ganze Welt ein einziges Ohnesorgtheater ist: "Hast du schon gehört, Justus Emanuel?", Frau Consulin wirft entsetzt den Wirtschaftsteil auf die chaise longue, "Die Alliance-Actie ist ins Bodenlose gestürzt!" "Ja.", antwortet der Befragte, die Pfeife fest im Griff seiner blendend weißen Consulzähne "drum hab ich vor fünf Wochen schon verkauft". Vorhang. Beifall.
Den Arbeitslosen – so der erwähnte Helmut Schmidt in Entfaltung seiner sozialdemokratischen Altersweisheit – könne es gar nicht schaden, zum Autobahnbau... pardon... zur Apfelernte gekarrt und bei lebendigem Leibe einmal hart für ihre Sozialhilfe arbeiten zu müssen. So ist es! Denn niemand hat ein natürliches Recht darauf einer regulären Arbeit nachzugehen, wenn keine reguläre Arbeit vorhanden ist. Und niemand hat einen Anspruch auf regulären Lohn, sieht man mal von dem ab, was das Sozialsystem ausspuckt, um das Bild deutscher Straßen und Plätze nicht in die depressive Trostlosigkeit von vor 1933 zurückfallen zu lassen. Um Äpfel geht es hier natürlich genauso wenig wie um Gesundheitsvorsorge bei der stetigen Erhöhung der Tabaksteuer. Umerziehung heisst das Zauberwort. Weg von Bedürfnissen und Ansprüchen. Das ist – man darf SPD-Schmidt nicht Unrecht tun – alles andere als eine konservativ-kapitalistische Forderung. Denn überhöhte Bedürfnisse und überzogene Ansprüche sind der Treibstoff der entfesselten Marktwirtschaft. Gesundung durch Bescheidung heisst vielmehr das Rezept. Peking lässt grüßen.
Bitte wiederholen sie folgenden Satz im Tonfall eines cholerischen Fischverkäufers: "Was heißt hier ich bin nur drittklassig?? Ist das etwa nix?" Auf die Situation des Arbeitslosen gewendet lautet der Satz in seiner aktuellen und spartanischen Version: "Zu einem Vorstellungsgespräch geladen zu werden, ist bereits ein großer Erfolg." Das stimmt. Man muss sich querlegen. Das hat dann auch gar nichts mehr mit Ost oder West zu tun. Ein falsches Adjektiv hier oder ein Karriereknickchen da und pups, der Personalchef fegt dich vom Desktop. Oder schon seine Sekretärin. Oder die Hilfskraft der Sekretärin. Oder einer der ominösen Scanner die angeblich nach bestimmten Worten in der Bewerbung suchen. Officejet an HAL: "Bewerber gebraucht die neue Rechtschreibung." HAL an Papierkorb: "Weg damit. Wir verwalten konservative Anlagefonds."
Die Servicepointteamfachdame der dresdner Arbeitslosenagentur meinte neulich bei Durchsicht meiner Unterlagen, es wäre ja geradezu tödlich eine Beurteilung mit einer am Ende so lang auslaufenden Unterschrift vorzulegen. Einer ihrer lackierten Fingernägel tippte geräuschvoll auf die Unterschrift von Professor Zupfmeier, bei dem ich mich vor Jahren als studentische Hilfskraft verdingt hatte. "Warum nicht?", frage ich natürlich empört und die Servicedame erklärt im fränkischen Dialekt, dass jeder, aber wirklich jeder Personalchef daraus zweifelsfrei ersehen könne, dass ich aktives Gewerkschaftsmitglied sei. "Soll ich eine eidesstattliche Versicherung anheften, dass ich noch nie...", frage ich schon sehr viel devoter, ".... und auch in Zukunft... niemals... ?" Die Dame schmunzelt mitleidig, "Nicht, wenn sie sich bei Ver.di bewerben." Und dann lacht sie so laut, dass sämtlichen Parasiten im Hause die Ohren klingeln. "Hatten sie denn überhaupt jemals ein Vorstellungsgespräch, mit dieser Unterschrift?" Natürlich hatte ich. Was die wohl denkt!
Logbuch der Enterprise, Januar 2004, Planet Mannheim:
"Sie sind bereit für 1800 Euro zu arbeiten?"
"Ja, auch für 1200!!"
"40 Stunden?"
"Meinetwegen 60!"
Drei extraterrestrische Wesen stecken ihre spitzen Köpfe zusammen und tuscheln. "Wenn sie wirklich so motiviert sind", fragt es endlich spitzbübisch-digital aus der Runde, "warum finden sie dann bei sich zu Hause keinen Job? Da im Osten?" Jetzt nur nicht schwitzen und stöhnen, denke ich und werfe die schonungslose Wahrheit in den Raum. Das Außerirdischentrio zuckt synchron zusammen. "Was denn? ... So hoch soll die Arbeitslosigkeit da sein? Ist ja unglaublich...! Können sie uns auf der Karte mal zeigen, wo dieses Dresden liegt?" Beam me return!

"Mache alles"
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Und nun? Aggressivere Mittel wählen? "Da habt ihr aber die Rechnung ohne den Sonderwirt gemacht!", könnte man aus dem weit geöffneten Fenster in die Welt rufen. Wer den stillen Protest bevorzugt kann auch mit einem Schild um den Hals durch die Frankfurt-Mainer oder Münchner Straßen ziehen. Aufschrift "Komme aus der SWZ. Nehme jede Arbeit an!". Das macht mehr Eindruck als gewerkschaftsgelenkte Massenaufmärsche in Berlin und regt zur unbürokratischen Soforthilfe an. "Nein, nein, nein und nein!", höre ich da meinen Vater schon lamentieren, der von solchen Geschäftsideen natürlich überhaupt nichts hält. Dann könnte ich auch gleich in die SPD eintreten, oder wie diese reaktionären Vereine heißen. – Wer, bittesehr, spendiert mir einen schmerzlosen Tod in dieser ausweglosen Situation? Hartz 5? Mein Vater schüttelt den Kopf: "Das ist das Problem mit euch Jungen, nichts könnt ihr allein in die Hand nehmen."