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06.08.05

Tom Schumer

Babys, Schönbohm und die Leichen des Tom S. – Zu Schönbohms Thesen anlässlich der neunfachen Babytötung in Brandenburg.

Cesare Lombroso lebte im 19. Jahrhundert, aß am liebsten aufgedunsene Nudeln mit klebriger Soße und fuhr nur deshalb keinen silbernen Instituts-Daimler, weil es zu seiner Zeit noch chic war in einem Pferdewagen zu kutschieren. Er gilt als Begründer der »Kriminalanthropologie«, weil er der felsenfesten Überzeugung war, man könne den kriminellen Charakter eines Menschen aus seinem Körperbau ableiten. Er vermaß Nasen, Ohren und Kinnpartien, skizzierte und katalogisierte Verbrechervisagen und er hätte uns ganz sicher post eventum auch erklären können, warum eine Frau neun ihrer Babys ermorden und in diversen Behältern entsorgen konnte. »Das musste so kommen«, hätte er gesagt, »Mit diesem Kinn gehört die Frau eindeutig zur Kategorie der manischen Kindesmörder« – und dann hätte er zwischen acht dicken Büchern eine handgezeichnete Tafel mit Kinnskizzen hervorgezaubert.

Aber solche Wissenschaft hat es heutzutage schwer. Zu viele Mördernasen, die nie in ihrem Leben gemordet haben, zu viele Mörder ohne Henkelohren. Das weiß auch Herr Schönbohm, der selbst aussieht wie ein Muster aus Lombrosos dicken Büchern. Was ihn freilich nicht davon abhielt, das deutsche Lombrosianum des 21. Jahrhunderts zu bemühen: Die SED-Diktatur, die LPG, der Mangel an Privateigentum (an »Produktionsmitteln« um genau zu sein), kurz die »Verproletarisierung«. Sie sind Schuld daran. Sie sind Schuld an allem. Und im Westen gibt es Mord und Totschlag auch nur, weil der Mörder oder Totschläger in einem Ort weit im Osten aufgewachsen ist, vornehmlich in einer zwangskollektivierten LPG-Familie. Und wenn wirklich ein geborener Freiheits- und Wertedeutscher einen Mord begeht, dann doch niemals neun mal hintereinander.

Witzigerweise liegt in der psychosoziologischen Begründung Schönbohms ein völlig unkonservativer Kern. Denn die These, dass die Umwelt den Menschen determiniert, gilt immer noch als Schlaflied für altachtundsechziger Langbärte. Aber so viel Schatten Schönbohm im Dunklen auch wirft: Was wahr ist, muss gesagt werden. Ostdeutsche Proleten müssen töten, weil die Erinnerung an das Fähnchenschwenken, an Kindergarten und Kindergrippe, an Fahnenappell und FDJ ihnen gar keine andere Wahl lässt. Sie müssen, müssen, müssen. Immer und immer wieder. Neun mal. Am besten die eigenen Babys. Hier der Beweis: Der Autor dieser Kolumne, nennen wir ihn Tom S., ist selbst einer dieser Gewaltverbrecher mit zweifelhafter ostdeutscher Herkunft. Er hat bereits sieben Rentner auf diversen Kaffeefahrten blutig abgeschlachtet und in seinem Keller unter den Kohlen verscharrt. Nur so. Weil ein Ungeheuer mit grünzackigem Schwanz und der Aufschrift »SED« ihm jede Nacht in seinen Träumen zuruft: »Töte! Töte! Töte!« Und das ist kein Stephen King für das Meißner Bierwursttheater, es ist die einzige und grausame Wahrheit. Obwohl Tom S. natürlich weiß, dass man mit sieben Rentnern nicht neun Babys toppen kann. 25 Rentner zu neun Babys vielleicht. Oder sagen wir 30. Das wäre etwas anderes. Aber mehr passen auch wirklich nicht in seinen Keller.

Und was hat Schönbohm noch empört? Die Nachbarn hätten es gewusst. Oder sie hätten es wissen müssen. Oder ahnen. Oder sie hätten sich bei Astro-TV die Finger wund wählen können, pro Anruf 49 Cent, um zu fragen: »Hallo, wohnt auf meiner Straße zufällig eine notorische Kindesmörderin?« Schönbohm forderte eine »Kultur des Hinsehens und der Einmischung«, also seht hin. Seht hin, wenn gegenüber drei Männer gefährlich an der Straßenecke stehen und tuscheln. Wenn Frauen verdächtig große Mülltüten zur Tonne tragen und zerrt den großen Briefumschlag aus des Nachbars Kasten um seinen Inhalt zu prüfen. Auch die Nachbarn von Tom S. wissen von den Leichen im Keller, und die Nachbarn der Nachbarn wissen es und die Mieter der Nachbarhäuser. Nur der Oberbürgermeister hat in dem Moment, als er die sechste Leiche am Rathausfenster vorbei trug, schlagartig den Kopf in seine Tasche versenkt und das bunte Pornoheftchen am Taschenboden und ein paar Stifte in ledernen Ösen angestarrt. Ja, wenn nur jeder so zivilcouragiert wäre wie Meister Schönbohm, der in seiner Bonzensiedlung jeden Abend persönlich dicken Frauen auf den Bauch fasst um ganz sicher zu sein, dass sie da nicht etwa eine Schwangerschaft verheimlichen.

Bis hierher mag es klingen wie Kritik. Aber man sollte sich nicht täuschen. Die Wahrheit geht manchmal verschlungene Pfade. Und sie führt all zu oft durch ein weiches Hirn. Zwar hat Schönbohm seine Beweise in der unnachahmlichen Art der zdf.reporter kunstvoll biegen müssen, bis sie endlich um die These passten. Trotzdem hat er damit ins Schwarze getroffen. Tom S. sieht ein, dass seine Lebenslüge geplatzt ist wie ein Luftballon. Wie oft hat er sich eingeredet, er hätte die armen Alten nur getötet, weil es haargenau jene waren, für die er allmonatlich Beiträge an die Rentenkasse zahlen muss. Jetzt sieht er es ein: Seine Vergangenheit zwischen Bummiheften und Frösi-Abonnement hat ihn zur Bestie gemacht. Wenn überhaupt etwas an Schönbohms Thesen auszusetzen ist, dann der Versuch einer Relativierung. Denn um nicht gänzlich als das dazustehen, was er immer schon war, hat Schönbohm ausgerechnet die Sachsen von der mordlüsternen Verseuchung durch das nachwabernde Gedankengut des eigentumslosen Nihilismus ausgenommen. In Sachsen hätte »ein Teil des Bürgertums die SED-Diktatur überlebt« und Schlimmeres verhindert. Wen wundert es da, wenn die von Dummdosen moderierten Boulevardsendungen zum Thema »9 Kinderleichen. Deutschland hält den Atem an« kein einziges Fernsehteam nach Dresden oder Leipzig entsandt haben.

Zu Unrecht. Denn in diesem Punkt irrt Schönbohm. Erstens nämlich dürfte dem gemeinen Sachsen neu sein, dass in der DDR ein moralisch integeres Bürgertum unsichtbare Kreise über die Städte und Städtchen des späteren Freistaates geworfen und so den Abstieg zur Massenmörderei verhindert hat. Und Zweitens: Wie erklärt er dann die Gebeine unter den Kohlen des Autors? He? Mitten in Dresden??
Natürlich mit der Wissenschaft. Und wissenschaftlich ist nicht, was im Versuch unter gleichen Bedingungen eintreten muss. Wissenschaftlich ist das, was aus dem Munde eines Professors kommt. In diesem Falle war es der Mund von Prof. Christian Pfeiffer, Direktor des sog. Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen e.V. Er meldete sich als Ehrenretter für den sogleich von ostdeutschen Dummbatzen kritisierten Schönbohm mit der Äußerung, der Brandenburger Staatsgehaltsempfänger habe »im Kern Recht«.
Wahrscheinlich hat ihn sein Kamerad Schönbohm angerufen und gesagt »nu mach mal«. Und so trat Herr Pfeiffer an die Öffentlichkeit und verwies auf seine eigenen Studien, demzufolge für Kinder zwischen null und sechs Jahren das Risiko, von der Mutter getötet zu werden, im Osten dreimal höher liege als im Westen. Was nun gerade nicht Schönbohms soziologische Kette »LPG = fehlende Moral = Mord« und »Westdeutschland und/oder Sächsisches Bürgertum = Kein Mord« beweist, denn darauf lässt eine derartige Statistik nur mit sehr viel phantasievoller Zugabe schließen. In Bezug auf Schönbohms Thesen beweist sie nur eins: Gar nichts. Herr Pfeiffer hat seinem Freund einen Bärendienst erwiesen. Denn jetzt fühlen sich die notorischen Neinsager geradezu herausgefordert.

Und was erzählen diese linkslastigen Altgewerkschafter, die sich die Zigarette immer zuerst am Filter anzünden? Sie erzählen, dass die höhere Wahrscheinlichkeit der Kindestötung mit fehlenden Chancen und Lebensperspektiven, Arbeitslosigkeit und Armut zu tun habe. Ein völlig ungerechtfertigter Einwand, mit dem Pfeiffer in seinem Aufsatz »Fremdenfeindliche Gewalt im Osten« schon in den 90er Jahren auf knapp sieben Zeilen abgerechnet hat: Armut und Arbeitslosigkeit könne allenfalls Diebstahl und Raub erklären. Von Mord und Todschlag habe der Täter hingegen gar nichts. Ein merkwürdig kurzer Flügelschlag für einen Vogel, der sonst nicht weit genug ausholen kann um Motivationen zu generieren. Schönbohm hätte eben besser Tom S. konsultiert. Für einen Euro die Stunde hätte der auf einer 900-seitigen Dokumentation unwiderlegbar den Zusammenhang zwischen dem Tod Erich Honeckers und den New Yorker Terroranschlägen bewiesen. Für einen Aufschlag von nur 50 Cent hätte er ihm eine Studie überlassen, die die Kausalität zwischen der Erfindung der Büroklammer und der Wahl von Mr. Nobody Köhler zum Bundespräsidenten nachweist. Und er hätte ihm eine Abhandlung zukommen lassen, die beweist, dass der Ostwind bei ungünstiger atlantischer Strömung kommunistisches Gedankengut in den Westen weht. Denn was nützt Schönbohm Christian Pfeiffer, wenn eines Tages eine Frau aus Dortmund gleich 10 ihrer Kinder tötet, obwohl sie Ostdeutschland nur vom Hörensagen kennt und ihre Ahnen aus Brasilien stammen? Darauf muss man doch vorbereitet sein, nicht wahr.

Nun gut, Tom S. ist nicht nachtragend. Sein Fazit lautet: Schönbohm hat Recht. Er war nur nicht radikal genug. Es gibt keine Ausnahme. Alle Ostdeutschen sind potentielle Verbrecher. Für den Mut, die Wahrheit dorthin zu tragen, wo sie seit Lombroso niemand mehr gesucht hat, gebührt dem brandenburgischen Tausendsasa ein Ehrendiplom nebst Goldener Anstecknadel mit Schwertern und Diamanten am samtnen Band. Wir wissen zwar, dass Männern seines Schlages der Pour le Mérite lieber wäre. Ersatzweise würde er sich vermutlich auch über eine Zeitreise an den Hof Friedrichs des Großen freuen, an dem er dann allabendlich vom Pferdestall hinüber das Licht bewundern würde, das die Gnade hat, im Schloss des großen Monarchen zu scheinen. Aber damit können wir nicht dienen. Leider.

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