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»Der Abend des Holger Apfel« vorgetragen von Tom Wendt
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Er sitzt hinter dem spärlich beleuchteten Schreibtisch seines Abgeordnetenbüros und sieht den Dampfern auf der Elbe nach. Holger Apfel ist 35 Jahre alt und Fraktionsvorsitzender der NPD im Sächsischen Landtag. Er weiß: Heute ist wieder ein Tag zum Im-Kalender-
Dabei ist der Landtagssachse, der eigentlich aus Hildesheim stammt, durchaus ein Phänomen. In weniger als neun Monaten Landtagspräsenz gelangen ihm mehr medienwirksame Coups als manchem Hinterbänkler im Laufe des gesamten politischen Lebens. Wesentlich davon sind aber nur drei. Der erste: Im November 2004 bekommt Apfels Volksgenosse Uwe Leichsenring ("Natürlich sind wir verfassungsfeindlich. Wir wollen eine andere Gesellschaftsordnung." – Uwe Leichsenring, Geschäftsführer des NPDKreisverbandes Sächsische Schweiz, jetzt Mitglied des Bundesvorstandes der NPD, in der FAZ vom 21.09.2004; Quelle: Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz) bei der Wahl des Sächsischen Ministerpräsidenten 14 Stimmen ab. Obwohl seine Partei "nur" zwölf Plätze im Landtag besitzt. Keiner kann sich erklären, wie dies geschehen konnte, abgesehen von einer Frau, die bei medienträchtigen Anlässen auf merkwürdige Weise immer gleich zur Hand ist: Antje Hermenau von den Grünen. Sie konnte es zwar – genau genommen – auch nicht erklären, glänzte dafür aber mit einer Oskar-Werner-Show tiefster Erschütterung und raunte vom schweren Schaden für das Ansehen Sachsens. In der Welt und auch sonst.
Abgesehen vom Unterhaltungswert des Ganzen ließ sich freilich nicht übersehen, dass Apfel nicht wirklich der Vater dieses ersten Coups war. Anfängerglück. Angekreuzt hat er das Datum trotzdem und begriffen, was er zuvor allenfalls theoretisch erahnen konnte: Er ist nicht im Landtag, um seine Partei bei der großzügigen Verteilung von Steuergeldern zu beteiligen, auch nicht, um Politik zu machen. Er ist da, um von denen, die ihn gewählt haben, gehört zu werden. Bis ins letzte Kaff der schönen Sächsischen Schweiz. Fünf Jahre lang. Damit sie ihn immer wieder wählen. Apfel weiß auch: Es wäre völlig vertane Müh, für sein Wahlvolk das beschwerliche Geschäft parlamentarischer Konsensfindung zu erlernen. Also langweilt er seine Wähler damit nicht. Und das sind vornehmlich die Kinder der bildungsschwachen Unterschicht, die das Grundgesetz kaum dem Namen nach kennen. Nicht, dass Apfel ein Intellektueller wäre. Im Gegenteil. Er ist das typische Beispiel für den dünnen Schlick formaler Bildung, ein einäugiger König eben. Eines Tages werden sie ihn vielleicht "unser Doktor" nennen und er wird ein Bein nachziehen.
Der zweite Coup war schon viel gezielter und zeigte deutlich, wie toll es ist, zwölf Stühle im Sächsischen Landtag besetzen zu dürfen. Denn wenn in Sachsen etwas geschieht, dann ist der Landtag eine gute Adresse. Nur hier gibt's postwendend die bestellte Empörung für Hermenauposaune und Orchester. Das weiß jeder, der unter Aufgabe letzter Selbstachtung auf der Prager Straße schon einmal Kartoffelschäler verkauft hat. Der Coup: Apfel und Getreue verweigern im Januar 2005 die Teilnahme an einer (wie es im Amtsdeutsch heißt) Schweigeminute zum Gedenken an die Opfer der nationalsozialistischen Herrschaft. Was für ein Fauxpas! Das hätte man ja nun wirklich nicht von der NPD erwartet! Und von Apfel, der vor seiner parlamentarischen Zeit von "JN-Aktivisten" als "politische Soldaten" sprach, deren Vorbilder Waffen-SS und Wehrmacht zu sein haben. Ein Raunen der Bestürzung. Dabei ist die Alternative viel erschreckender. Was, wenn die NPD-"Kameraden" ihren Kopf noch tiefer vor den Opfern senken würden als heute schon Frau Hermenau? Damit aber jeder sieht, dass es um die Sache geht und nicht um Polemik, hatte die Apfelfraktion ihrerseits für einen Opfer-Gedenk-Antrag gesorgt. Für die Opfer des Bombenangriffs vom 13. Februar 1945, um genau zu sein. Denn nicht jedes Opfer darf sich rühmen, von Apfels Fraktion verschmäht zu werden. Anständige Deutsche, führertreu bis in den Tod und hinterlistig von angloamerikanischen Aggressoren getötet – daran hatte er wohl gedacht und zum ersten Mal die Wunderwaffe der Begriffsumkehrung vorgeführt, als er von der Bombardierung als "Bomben-Holocaust" sprach. Etwas ähnliches entströmte ihm auch in den vergangenen Wochen, da sprach er von einer "Pogromstimmung" gegen seine Partei. Nächstens wird er klagen, dass die Bundesregierung die Abfacklung der NPD-eigenen Synagogen plane und man ihn und seine Getreuen deportieren will. Aber das ist das Gute: Wer nicht an den Holocaust glaubt, freut sich auf die Kaffeefahrt.
Opferkult hat immer mit Vereinnahmung zu tun. Apfel taktierte mit seinem "Bomben-Holocaust" nicht im luftleeren Raum. Jeder der ihm nicht Recht geben wollte, musste notgedrungen erklären, warum man nicht seelenruhig im Plüschsessel bei Pfeife und Cognac sitzen kann, wenn man vorher das Haus des Nachbarn angezündet hat. Würde man es freilich so formulieren, hätte man ganz Dresden gegen sich. Dresden sieht den 13. Februar aus der betulichen Opferperspektive. Und das ist der eigentliche Coup, sozusagen der Coup im Coup: Apfel gibt den Toten des Bombardements die Unschuld eines außerhalb von Zeit und Raum und Nazi-Deutschland existierenden Barockstadtvölkchens und führt damit Kategorien ein, die für den 13. Februar aus begreiflichen Gründen bislang gemieden wurden. Selten hat jemand vorher das "deutsche Opfervolk" so unverfroren exemplifizieren und gegen die in den Nazilagern millionenfach Ermordeten ausspielen können. Geradezu genial. Wenn Apfel oder einer der seinen diesen Coup selbst erdacht hätte, abends vor dem leeren Schreibtisch des Abgeordnetenbüros. – Aber so war es nicht. Sie haben nur dumm gelallt. Den Rest hat die aufgescheuchte Öffentlichkeit besorgt.
Und die ist auch sonst irritiert. Sucht man nach investigativen Enthüllungen über die wahren Visionen von Apfel und seinen Getreuen, sucht man vergebens. Die Sendung "Exakt" (MDR) musste dieser Tage schon als "Skandal" verkaufen, dass Apfel das Verbandsschmierblatt "Deutsche Stimme" nicht bei anständigen Deutschen hat drucken lassen, sondern "beim Polen". Vor Wochen klamüsierte man sich durch diverse Leasingverträge, weil die NPD-Basis sauer gewesen sei auf die (allerdings landtagsübliche) Kutschenpracht der Fraktion. In Apfels Kreisen verbucht man derartiges unter "Anfeindung durch bürgerliche Medien". Wenn er Wittgenstein kennen würde, hätte er schon öfter mal zitieren können: "Wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen". Aber er kennt Wittgenstein natürlich nicht.
Nun also endlich der dritte Coup: Die wirtschaftspolitische Profilierung. Schon Übervater Adolf brauchte noch den Aufschwung für seine deutschen Arbeiter. Was liegt da näher, als das zu fordern, was Apfels Stammwähler jeden Tag drei Mal vom Schicksal erbitten: "Gebt uns die DM zurück!". Denn der Euro ist daran schuld, dass ihr Geld nicht mehr für Schnaps und Zigaretten reicht, sondern nur noch für eines von beiden. Und Apfel fordert nicht den lieben Gott oder den Weihnachtsmann dazu auf, sondern die Sächsische Staatsregierung. Die soll gefälligst mit Hilfe des Bundesrates den Euro abschaffen. Eine neue Idee ist das Returnspiel zwar nicht, es wurde in den letzten Wochen an jedem Stammtisch des vereinigten Europas diskutiert. Aber die Naziwähler in ganz Sachsen haben sich beglückt auf die Schenkel geklopft. Neben Apfels markiger Zitateschinderei am Rednerpult des Landtags ("Herr Innenminister: ... Mit Verlaub: Sie sind für mich ein Arschloch.") innerhalb kürzester Zeit eine aufregende Neuinszinierung. Der erste wirklich selbst inszenierte Coup. Ohne Netz und doppelten Boden. Aber schlecht durchdacht. Denn mit der DM war vielleicht alles besser, aber warum nicht gleich die DDR-Mark zurückfordern? Von der hatte selbst der Ärmste meist noch mehr, als auszugeben aus versorgungstechnischen Engpässen möglich war. Sollte die NPD freilich planen, den Wettinern in Sachsen noch einmal die Regentschaft anzutragen, könnte sich auch die Einführung einer eigenen sächsischen Währung empfehlen. Dann leben wir wieder im Jahre 1800. Schiller lebt noch und Goethe, sogar Kant in seinem beschaulichen Königsberg. Die Weltkriege hat es nie gegeben, nur Napoleon wird bald Ärger machen. Wenn sich Nacht senkt über Dresden, erscheinen Apfel seine geheimsten Visionen. Sie sind wahrscheinlich kitschig, geschichtslos und strafbewährt. Wir kennen sie nicht.
Eine Straßenbahn schleicht über die Gleise. Hier oben kann Apfel sie nicht hören. Die Fenster sind aus dickem Glas, völlig schalldicht. Er betrachtet eine Sekunde lang seine Hände, dann beschließt er, nach Hause zu fahren. "Ein erfolgreicher Tag", murmelt er. Gewiss. Und die nächsten werden kommen.