Wie ein warmer Passatwind weht es aus dem zeitlichen Süden unserer Geschichte. Jedes Jahr. Es gehört zu diesem Staate wie der Esel zu Maria und Pessach zum Auszug aus Ägypten: Das Attentat auf Adolf Hitler vom 20. Juli 1944.
Wer auch immer in fünfundfünfzig Jahren Bundesrepublik von offizieller Seite dazu eine Rede schwang, sparte nicht mit Licht. Und so ist das Datum heute brennend hell und unangreifbar wie ein Bild des großen Wissarjonowitsch zu dessen Lebzeiten. Auch der diesjährige Staatsakt warf keine Schatten. Im Gegenteil. Was die stumpfnasigen Redenschreiber dem Kanzler zum 60. Jahrestag da aufs Papier zauberten, stockte den Rosenkranz gleich wieder um eine ganze Glaubenswahrheit auf: Ein »flammendes Zeichen auf dem Weg zu einer wahren europäischen Wertegemeinschaft« sei das Attentat gewesen. Da fehlt nur noch der Randvermerk: »...zur Bekräftigung zweimal mit dem Fuß aufstampfen«.
Des Kanzlers Zunge stockte nicht ob dieser Monstrosität, auch nicht bei der Gleichsetzung mit dem Warschauer Aufstand. Natürlich widersprach auch keiner. Weder die brave Presse noch einer der säuberlich ausgesuchten Bundeshonoratioren im Publikum. Geschichte glitt wieder einmal vorüber wie die »Queen Mary 2« am sommerblauen Nordsee-Horizont. Fern und schmuck. Wie gut ist es da, dass das Geplapper niemanden wirklich interessiert.
Ja, es ist wahr, hätte die Bombe Hitler erledigt, wäre vielen Menschen der gewaltsame Tod erspart geblieben: Auf dem »Schlacht(e)-Feld«, vor allem aber in den zum Endsieg doppelt dampfenden Mordlagern. Die stetige Aufblasung zu »einem der wichtigsten Tage der neueren deutschen Geschichte« (Schröder) hat indes schon so manchen grübeln lassen. Die Anregung zum 50. Jahrestag 1994 beispielsweise, auch Kommunisten postum für den Widerstand gegen den deutschen Faschismus zu danken, war dem damals amtierenden Außenminister Kinkel die unverblümte Formulierung des herrschenden Denkens wert: Diese Bundesrepublik könne keine Menschen in ihr Gedenken aufnehmen, deren Ziel es war, eine kommunistische Diktatur zu errichten. Der Zweck, so die Logik dieses Satzes, heiligt wohl die Mittel, nicht aber den Zweck im Zweck. Eine derartig feinsinnige Differenzierung kann nur aus dem Munde eines deutschen Juristen stammen.
Was wollten die so genannten Verschwörer hingegen? Den Nationalsozialismus ausrotten? Seine Vertreter aus dem öffentlichen Dienst bannen? Eine vollendete und kompromisslose Demokratie schaffen? Selig die, die hier mit »ja« antworten können. Für alle anderen bleibt die Erkenntnis, dass der Bann der herrschenden Meinung auf die Heroen des 20. Juli zurückfällt. Diese Folgerung liegt so nahe, dass man das Beharren auf Ausschluss ganzer Personengruppen vom staatlich sanktionierten Gedenken dumm nennen müsste... – wenn, ja wenn es nicht eine »Wahrheit« gäbe, die über dem steht, was sich wie die Soße der Heiligpreisung selbst noch über den »problematischsten« Juli-Verschwörer ergießt: Nur das Beharren darauf, dass nicht jeder der gegen Hitler war das »Richtige« tat, legt die Annahme nahe, dass nicht jeder der »mit« Hitler war dem »Falschen« diente. Auf diese – letztere – Wahrheit ist die Selbstrechtfertigung der Täter und Mitläufer gegründet. Aus ihr wuchs der geschichtliche Horizont Bundesrepublikaniens. Wer sie sehen will, sieht sie auch. Sie erklärt dem sich Wundernden, warum diese Gesellschaft vor ein paar Jahren von den simplen Verstrickungs-Thesen Goldhagens (Daniel Jonah Goldhagen, Hitlers willige Vollstrecker, Berlin 1996) zu wahren Selbsterkenntnis-Orgasmen stimuliert werden konnte. Diese Gesellschaft, die sich nicht zu schade ist, die Wiedereinsetzung von NS-Staatsanwälten in den fünfziger Jahren noch heute mit personellen Engpässen zu rechtfertigen. Kritisch zwar, aber doch verständnisvoll. Die »aber so was von schonungslose« Abrechnung mit dem Unrecht hat sie sich für die Brüder und Schwestern im Osten und deren 40 Jahre DDR aufgespart.
O ja, jeder sollte wünschen, dass Hitler an diesem denkwürdigen Tage gestorben wäre. Am besten noch sehr viel früher. Aber wenn es einen »moralischen« Tag überhaupt gibt, dann ist es nicht der 20. Juli. Es ist der Tag der Hinrichtung der Scholls oder jener anderen, oft genug Namenlosen, die ohne eine adlige Geheimbündlerei ihr Leben im Kleinen verwirkten. Nun ja, der Job der Heiligen ist schon vergeben. Die Kompromisslosigkeit des unverstrickten Menschen entspricht eben nicht dem Stellenprofil. Solche Minderheiten waren diesem Lande schon immer suspekt.
»Um« Stauffenberg – wie offenbar die amtliche Bezeichnung lautet – gab es natürlich überzeugende, freiheitlich orientierte Persönlichkeiten. Stauffenberg selbst kommt dem heutigen Idealbild des »Widerstandskämpfers« sicher sehr nahe. Nur, bei aller Liebe, der Mythos eines freiheitlichen oder gar demokratischen Geistes Deutschlands in bitterer Zeit ist genau das: Ein Mythos. Und kitschig obendrein. Es gibt kein »großartiges Vermächtnis« (Schröder) und es gibt keine »Helden«, so einfach ist das. Warum anlässlich des »großen Tages« noch 500 Soldaten vereidigt werden mussten, brauchen wir gar nicht mehr zu fragen. Die Antwort wird ganz im Stile dümmlicher DDR-Propaganda ausfallen. Wohl den Lebenden! Sie haben immer Recht!
Was bleibt nun, wenn man wegstreicht, was das hohe Minnelied vom »Richtigen im Falschen« singt? Ein Geschichtsdatum und die Erkenntnis, dass »Richtig« und »Falsch« keine an Faktizitäten orientierte, sondern dekretierte Wahrheiten sind. Widerstand darf geübt werden, aber nicht durch jeden und bitte erst in der erkennbar militärischen Aussichtslosigkeit des Jahres 1944. Sonst müsste man vielleicht erklären, warum der einzelne sich heutzutage in Berufung auf dieselbe »christlich-humanistische Tradition« (Schröder) nicht mehr legitimiert fühlen darf, Widerstand zu leisten. Ein überlegenswerter Gedanke übrigens, angesichts der unglaublichen Chuzpe, mit der diese Regierung einen Hans-Wurst-Staatssekretär erklären lässt, das Volk habe selbstverständlich die Fresse zu halten, wenn es um die Europäische Verfassung gehe. Aber da wären wir schon bei einem ganz anderen Mythos: Dem Märchen, dass man die Voraussetzungen für eine Volks-Beteiligung im Grundgesetz nicht schaffen könne.
Sehen wir es realistisch: Die unendliche Geschichte von Ritterlichkeit wird fortleben, von Jahrestag zu Jahrestag. Man stopfe sich halt die Ohren zu. Eines indes ist sicher: Der warme Wind geht, wie er gekommen ist. Die »Queen Mary 2« verschwindet am Horizont.