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»Odysseus kam an. Von Käpt'n Schröders letzter Fahrt.« vorgetragen von Tom Wendt
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Manche Dinge sind von Natur aus prätentiös. Zum Beispiel die Ratschläge der Arbeitgeber zur Auflösung des Sozialstaates oder die quartalsmäßige Vorführung von Oskar Lafontaine in diversen Talkshows. Derartiges geschieht immer dann besonders gern, wenn die Kameras wegen haarsträubender Konjunkturdata mal nicht mit Fischaugenobjektiven hinter dem Kanzler stehen um ihm künstlich breite Schultern zu zaubern. Dann steht Steuermann Schröder auf Deck seines Schoners und jedem wird offenbar: Er kennt die Sterne nicht und kann den Kompass nicht lesen. Der Horizont aber ist uferlos. Als Passagier der dritten Klasse sind Sie da arm dran. Sie müssen dem Steuermann vertrauen. Erst recht wenn er gleichzeitig Kapitän ist. Aber was tun, wenn Sie wie Odysseus auf den Meeren treiben, ohne Aussicht, das ersehnte Ziel zu erreichen?
Richtig, wir leben im Jahre 2005. Nach den grafischen Prophezeiungen meines ersten Lexikons (»Anton bis Zylinder«) müsste es seit fünf Jahren en vogue sein, mit Weltraumschiffen zur Arbeit zu kutschen und auf dem Mond Kleingärten zu bebauen. Wie man sich doch irren kann. Dabei war man vor 20 Jahren davon restlos überzeugt. Genauso, wie alle Welt heute überzeugt ist, dass die CDU schon in wenigen Monaten das Land führen wird. Denn weil die Passagiere der dritten Klasse die Schnauze so gründlich voll haben von den wilden Lenkorgien des Kapitäns, hat derselbe nun kundgetan, er wolle anheim stellen, das Schiff zu wechseln. »Selbstmord aus Angst vor dem Tod« nannte es jemand, und jeder Schreiberling ist neidisch auf so ein passendes Wort.
Gute Idee: Wenn wir schon nicht ankommen, dann soll wenigstens das Volk seinen Segen dazu geben. Gegen solch eine Logik sind Kleingärten auf dem Mond völlig unspektakulär. Dabei haben wir doch nur das Schiff gewählt, nicht die Mannschaft. Dieser Kanzler ist keine conditio sine qua non. Und auch seine Getreuen nicht, allen voran auf der Penetranzskala Leichtmatrose Kim-Il-Clement, der nicht müde wird, deutschen Bauern den Anbau von Reis zu erklären.
Das aber ist der Grund, warum wir das Schiff nicht einfach wechseln können: Es gibt kein anderes. Jedenfalls dann nicht, wenn die Regeln nicht gegen jede Normentheorie innerhalb des Spiels gewechselt werden. Genau das aber wollen sie nun tun: Extra große Löcher in die Bordwand bohren und dann per S.O.S. ein anderes Schiff ordern. Gibt es in der SPD denn keinen, der etwas von Navigation versteht? Oder müssen wir Rücksicht nehmen auf die persönlichen Gefühle von Gerhard Schröder, der natürlich gern wie Bismarck als »Lotse von Bord« schreiten würde. Klar, er hält es für ehrenhafter, auf einem neuen Schiff nicht Kapitän zu sein, als von dem alten über die Reling geworfen zu werden. Das ist verständlich. Aber was geht uns das an? Die Behauptung in Maischbergers Quasselrunde letzter Woche, Schröders Motiv sei primär die Rettung der Demokratie, kann jedenfalls nur einem extraterrestrischen Pfeiffentrollo entfleuchen. Derartiges werden wir in den nächsten Wochen häufiger hören. Denn jetzt gilt es, die Geschlossenheit der Partei zu demonstrieren und die kennt nur einen Satz: Wer SPD wählt, wählt Schröder. Dabei hätte die SPD gute Chancen. Ohne Schröder. Und ohne die Verfassung zu biegen. Wenn Käpt'n Gerhard denn den Schneid hätte zurück zu treten.
Aber selbst wenn dies nicht geschieht: Kann man denn der SPD einschränkungslos ihr Bundeswaterloo wünschen, wenn die einzige Alternative, mithin allseits favorisiert, Merkel und CDU heißt? Diese Vorstellung ist Grund genug, die Schiffstüten herauszuholen: Merkel, Politikerin von Kohls Gnaden, die meist überschätzte Frau Deutschlands mit einem Ideenpark so groß wie ein Mäusekino: Sie also soll es richten? Hallo Sie da, wie viel kostet denn so eine Parzelle auf dem Mond?
Zugegeben, sie hat den ebenso überschätzten wie penetranten Merz ausgebootet. – Das war kein Verlust.
Sie hat Grins-Eimer Köhler zum Bundespräsidenten machen lassen. – Vergessen und verziehen.
Sie ist jedermann lieber als Stoiber oder Koch. – Die ollen Streber.
Sie ist Ostdeutsche. – Ja und??
Sie ist eine Frau. – Angeblich.
Aber genügt das alles denn schon? Und dann: Herr Westerwelle als Vizekanzler? Jemand, der in den vergangenen Monaten mehrmals (!) den selbst erdachten Witz zum Besten gab, dass man (er!) in die Regierung nicht etwa deshalb wolle »um was zu werden«, weil man (er!) ja – im Gegensatz »zu vielen in Berlin« – etwas »Anständiges« gelernt habe. Dass dies ausgerechnet ein Jurist sagt, zeigt, dass Westerwelle die ungewollte Pointe nicht erkannte. Wenn er erst in Berlin geworden ist, was er immer werden wollte, werden wir nur noch eines hören: Seine schalen Witze.
Sei's drum, in der ersten Klasse sind alle dafür: Die Löcher werden gebohrt. Wo kein Richter, da kein Henker. Da hat man es nicht so mit den Spielregeln. Anders war es noch bei der Ratifikation der so genannten Europäischen Verfassung durch den Bundestag; da hat man gern auf jede Volksbeteiligung verzichtet und sich dabei auf Regeln berufen, die gar nicht existieren. Angesichts der Machtlosigkeit gegenüber derartigem Machtverständnis ist es keine Schande mehr, ein jähes Scheitern herbei zu wünschen. Wenn der Erfolg »um jeden Preis« erzielt werden soll, degeneriert das Mittel selbst den besten Zweck. Deshalb ist einer SPD mit Schröder an der Spitze der Untergang zu wünschen. Ebenso wie einer Europäischen Verfassung, die ohne ein angemessenes Konsensfindungsverfahren und ohne hinreichende Kenntnis der Abgeordneten von deren Inhalt durchgepeitscht werden soll, vive la France.
Müntefering, 1. Offizier in Käpt'n Schröders Crew, berichtete nun vom Eintritt x neuer Parteimitglieder in seiner SPD. Es geht wieder voran, sollte das heißen. Offenbar fanden die Wagemutigen just deshalb in den Schoß des Vereins, weil mit dem perfiden Wahlverhalten in NRW die Schröderdämmerung begonnen hat. Soll das für Schröder sprechen? Da will man doch gleich nachhaken und fragen, ob man auf dem Mond auch Gemüse anbauen kann. Nein, von Austritten habe Müntefering gar nichts gehört, bis auf den Abschied Lafontaines. Was für ein Bonmot in der Offiziersmesse. Als wüssten wir nicht alle, wie ausgedünnt die SPD seit Schröder ist. Nicht, dass Lafontaines Austritt wirklich wichtig wäre. Aber Lafontaine ist beispielhaft für eine Vielzahl von Genossen, die der Partei in den letzten Jahren den Abschied gegeben haben. Da hat die SPD-Führung in der Öffentlichkeit nicht so viel Mantra versprüht wie bei ihrem gefallen Engel. Eine »tragische Figur« sei Lafontaine, und er habe »die Partei im Stich gelassen«. Das hört und hörte man so oft, dass man eine Sprachregelung vermuten muss. Dabei ist Lafontaine doch der einzig prominente Sozialdemokrat, der bereit ist, Konsequenzen zu ziehen. Deshalb gebührt ihm Dank. Und zwar nur dafür, und nicht weil er Hartz IV ablehnt und die Agenda 2010, was ihm ohnehin in der dritten Klasse keine ungeteilte Zustimmung mehr bescheren würde. Ihm gebührt Dank, weil er uns alle vor der Armut des fehlenden Beispiels bewahrt: Niemand ist zur Duldung gezwungen. Niemand wird in die Widerspruchslosigkeit verbannt. Wer der Karriere wegen unfähig ist, das Nötige zu tun, stiehlt Besseren den Platz. Die wahre »tragische Figur« dieser Tage heißt deshalb nicht Lafontaine. Sie steht noch immer am Ruder und pinkelt gegen den Wind. Bestenfalls.
Wenn Schröder Glück hat, erreichen wir trotz seiner Unfähigkeit bis zum Herbst noch Land. Und deshalb beten er und sein Stab auch täglich, der Gütige möge doch wenigstens ein Inselchen vor den Bug zaubern. Dass der Gütige sie erhört, ist trotz Ratzinger zur Zeit unwahrscheinlicher als die baldige Besiedelung des Mondes. Die SPD muss offenbar erst in das tiefe Loch fallen, vor das sie ihr Käpt'n Blaubär manövriert hat. Und da ist sie nicht (nur) angelangt wegen der Auflösung »sozialdemokratischer Werte«. Sie steht dort vor allem wegen der Unfähigkeit Schröders, die Erneuerung der Republik aus dem Stigma einer »Revolution von oben« zu befreien. Statt einen gesellschaftlichen Akt generieren er und sein Vize nur eines: Die Attitüderei eitler Selbstverwirklichung.
Egal. Denn wie es auch kommt, ein Trost bleibt: Auch Odysseus kam an. Es dauerte eben. Wer dem Steuermann nicht vertraut, hoffe auf bessere Winde.
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