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01.03.09

Philipp Seidel

Ein Entchen-Erlebnis

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»Ein Entchen-Erlebnis« gesprochen von Philipp Seidel.
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Neulich hatte Herr S. ein paar Minuten im Freien herumzubringen und stapfte gedankenverloren durch den jungen Schnee auf dem Uferweg einer Stadt an der Isar. In der Hand trug er aber eine Plastiktüte mit Variationen von Wurst. Von diesem Inhalt freilich wußten die drei Dutzend Entchen nichts, die plötzlich aus dem Hinterhalt über Herrn S. herfielen und ihn alsbald im Halbkreis belagerten. Eine Wachmöwe hatte Posten auf einer Laterne bezogen, zwei weitere Möwen kreisten am Himmel – man kennt solche Szenen aus Spielfilmen, wenn der Verbrecher von der Polizei in die Enge getrieben wird.

»Ich bin aber kein Verbrecher«, hob Herr S. an, den Zeigefinger erhebend und unbehaglich einen Halbschritt zurück machend. »Ihr habt kein Recht, mich festzuhalten.« Vereinzeltes Quaken: Sie besprachen sich; Herr S. konnte nichts verstehen. Es wurde still. Herr S. und die Entchen starrten einander an. Die Entchen reglos, Herr S. aufgewühlt, schwitzend, nach rechts und links nach einer Fluchtmöglichkeit blinzelnd. Der Fußweg war nach beiden Seiten von Entchen verstellt. Aus dem Gebüsch kamen quakend ein paar Nachzügler gewatschelt. Bald fand sich Herr S. von wohl 50 Entchen umstanden.

Sie hatten Zeit. Ihr wißt, wie man seine Opfer mürbe macht, dachte Herr S. grimmig. Er wußte, was sie wollten. Aber sie irrten sich. »In der Tüte ist kein Brot.« Ungläubiges Quaken. »Es ist Wurst.« Die Leitente hob die Stelle, an der beim Menschen die Augenbraue sitzt, und ließ ein »Quak quak quak« hören, das Herrn S. sehr nach »Na na na« zu klingen schien. »Ehrlich«, sagte Herr S. und hielt den Entchen den Kassenbon hin. Die Leitente besah das Dokument eine Weile, dann quakte sie zum Rückzug. Der Weg ward freigegeben, Herr S. marschierte nach Hause und führte die Wurstwaren dem Verzehr zu. Die Entchen aber sah er nie wieder. Sie ihn auch nicht.


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