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03.02.01

Philipp Seidel

Meldungen aus München (1)

Zu den angenehmsten Eigenschaften der Großstadt zählt die Anwesenheit von S- und U-Bahnen. Hält ein Tag keine außergewöhnlichen Ereignisse bereit, bietet der öffentliche Personennahverkehr praktisch unbegrenzte Möglichkeiten der Unterhaltung. In den Abteilen der Züge findet sich ein schöner Querschnitt durch die Bevölkerung, dessen Beobachtung allein schon den Erwerb eines Fahrscheines lohnt. Den besten Überblick über die Menschenvielfalt in der Großstadt hat man am Morgen und am Nachmittag, wenn sich nicht nur Hausfrauen und Studenten in den Abteilen tummeln, sondern in den spärlichen Zwischenräume auch noch zahlreiche Arbeitnehmer stecken. Wäre ich von böser Gesinnung, füllte ich die Luft aus diesen Abteilen in Flaschen und ließe sie im Hochsommer in Edelboutiquen mit defekter Klimaanlage wieder entweichen. Am meisten Spaß bereitet die Benutzung der öffentlichen Verkehrsmittel jedoch, wenn nur eine kleine Auswahl der Münchner Bevölkerung mitreist. Dann hat man mehr Zeit, den Einzelnen zu betrachten. Lohnenswert kann es sein, dem einen oder anderen Gespräch zu lauschen, dabei jedoch vorzugeben, in ein Buch oder die meist unsäglich langweiligen U-Bahn-Werbestreifen an der Wand vertieft zu sein.

Jüngst wurde mein Tag in einem Waggon der Linie U2 um einen Spruch bereichert, den ich mir umgehend auf den Oberarm tätowieren lassen werde. Eine Mutter reiste mit ihrer sehr jungen Babytochter, und das Kind plärrte ob der mütterlichen Auflage, ein Stirnband anzulegen. Was das Kind genau von sich gab, konnte ich nicht verstehen. Es klagte jedoch sehr, was durchaus nachvollziehbar schien. In der U-Bahn muss man kein Stirnband tragen, das hat Zeit, bis man nach draußen tritt. Da holte die Mutter tief Luft und sprach den pädagogisch praktisch unsterblichen Satz: "Jeder muss mal ein Stirnband aufsetzen." Besser könnte das ein Mitarbeiter aus dem Jugendzentrum in Tübingen auch nicht vermitteln. Jeder Mensch hat doch im Leben schon einmal irgendwie so ein "Stirnband" "aufsetzen" müssen. Das "Stirnband" kann uns in Form einer Steuererklärung oder einer grimmigen Miene begegnen. Wichtig ist nur, dass wir wissen, was wir damit zu tun haben. Und das wissen wir. Ewiger Dank der Mutter, die ich leider an einer der nächsten Haltestellen aus den Augen verloren und seither nie wieder getroffen habe. Aber das Leben geht weiter; wenn man nur immer schön ein Stirnband hat oder Menschen kennt, die eines besitzen. Mit denen kann man sich dann an mystischen Orten treffen und Gedichte über diese Accessoires in den Wind hauchen.



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Philipp Seidel wurde 1974 auf eigenen Wunsch in Eutin in Schleswig-Holstein geboren. Es folgten Zivildienst, Volontariat, Studium (Amerikanistik, Germanistik, Psychologie). Redakteur bei einer [..]

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