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08.07.09

Philipp Seidel

Harry Potter und die fickenden Fünf – oder: Tagesbesuch in Hamburg

Schön ist es in Hamburg. Als Halbfremder weiß man oft nicht, was man dort unternehmen soll, also tut man, wie Touristen tun, begibt sich zu den Landungsbrücken, wie es die feine Gruppe Kettcar vorgesungen hat, und macht eine Hafenrundfahrt. So wie man es auf St. Pauli nicht vermeiden kann, Frauen angeboten zu bekommen, so kann man es bei den Landungsbrücken nicht vermeiden, eine Hafenrundfahrt angeboten zu bekommen. Man achte aber darauf, diese Hafenrundfahrt nicht an einem Sonntag zu tätigen und und ein möglichst kleines Boot zu benutzen.

Fährt man nämlich an einem Sonntag durch den Hamburger Hafen, hört man vom Kapitän in jedem Hafenbecken diesen Satz: »Normalerweise liegen hier all die großen Pötte aus aller Herren Länder. Aber heute ist Sonntag, da sind die Liegegebühren zu hoch. Die Schiffe sind alle schon wieder auf See.« Man fährt also neunzig Minuten durch leere Hafenbecken und muß versuchen, auch dieser Kulisse etwas abzugewinnen. Es wird nicht gelingen.

Fährt man hingegen an einem Werktag mit einem Boot, das größer ist als eine Barkasse, sieht man nichts als große Pötte. Der Kapitän des Ausflugsschiffs sagt dann bei jedem Schiff, an dem er vorbeifährt: »Das ist die »Clara Pöggenhûs«. Die »Clara« hat 38500 Bruttoregistertonnen. Ihr Heimathafen ist Manila; sie fährt also unter Billigflagge.«

Und das geht so zwei Stunden lang: eine Stunde elbabwärts, eine Stunde elbaufwärts oder andersrum. Alle Schiffe, die man passiert, haben Namen, die niemand aussprechen und die sich niemand merken kann und will; Bruttoregistertonnen, die niemanden interessieren; Heimathäfen, die man höchstens als Sextourist kennenlernen möchte, und alle, alle fahren unter Billigflagge. Das sind nicht etwa Fahnen, die besonders schnell ausfransen und schnell ausbleichen, sondern solche, die darauf hindeuten, daß man mit Deutsch auf diesem Schiff nicht besonders weit kommt, wenn man nach dem Klo fragt.

Die Fahrten in diesen Booten, die größer sind als Barkassen, sind unendlich langweilig. Für interessante Hafengegenden sind diese Boote nämlich zu groß. An Bord fühlt man sich ungefähr so, als komme man als Maus bei einer Stadtführung an einer Käsehandlung vorbei, und der Stadtführer sagt: »Hinter dieser Tür ist mehr Käse, als man sich vorstellen kann. Die Vielfalt ist unbeschreiblich, und jede Maus träumt von Geburt an von so einem Ort. Wir müssen jetzt aber weiter.«

So ist das mit den Hafenrundfahrten in Hamburg. Spaß haben kann man hingegen in der U-Bahn. Dort saß einmal eine Gruppe betont harter junger Deutschtürken. Die sagten vor allem dies: »Ey, Aller, ich hab' die Alte gefickt. Aber die Ayse hab' ich auch schon gefickt.« Woraufhin ein anderer aus der Gruppe sagte: »Aller, die hab' ich schon vor Dir gefickt.« Das Gespräch drehte sich noch einige Zeit um den jugendlichen Beischlaf, bis sich ein Junge äußerte, der bisher geschwiegen hatte, in seine Worte aber das gleiche Feuer legte, wie es seine Vorredner getan hatten: »Ey, kommt heute abend zu mir, ich hab' den neuen Harry Potter auf DVD.« Da rückten die anderen ein Stück von ihm ab.



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Philipp Seidel wurde 1974 auf eigenen Wunsch in Eutin in Schleswig-Holstein geboren. Es folgten Zivildienst, Volontariat, Studium (Amerikanistik, Germanistik, Psychologie). Redakteur bei einer [..]

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