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11.10.06

Philipp Seidel

Ich: König der Schokodiebe

Jahrelang habe ich Lotto gespielt, jetzt habe ich endlich gewonnen. Allerdings beim Süßwarenautomaten. Und das kam so:

Was für mich früher Mutters Küche war, sind heute die Süßwarenautomaten in den Bahnhöfen. Angefangen hat es vor einigen Jahren, als ich ein paar Wochen als Pendler zu überstehen hatte. Morgens zog ich mir mein Frühstück am Bahnhof meines Wohnortes, abends das Abendessen in der Pendelstadt. Hätten Ernährungswissenschaftler mich in dieser Zeit gesehen – sie hätten mich entweder geschlagen oder gefragt, ob sie ihre Dissertation (Thema: Der Null-Vitamin-Mann und sein Einfluß auf die Ernährung unserer Jugend) über mich schreiben dürfen.

Nun bringen es die Süßwarenautomaten mit sich, daß immer mal etwas nicht funktioniert. Fehler 1: Die ausgewählte Süßspeise wird von der Spirale nicht so weit transportiert, daß sie vornüber ins Ausgabefach fällt. Fehler 2: Das Essen ist mit einem Schimmelpilz überzogen. Im Fach sah der Kuchen noch super aus; dann öffnete ich die Packung und starrte hungrig auf einen Pelz, der von einem Schaf hätte stammen können.

Wie reagiert man im Pannenfall? Entweder man flucht und ruft die Servicenummer an. Dann schickt die Firma mit Sitz am Ende der Republik vermutlich irgendeinen Techniker los, der am nächsten Morgen ankommt. Das dauert aber zu lange, wenn der Zug schon wartet. Also schlägt man den Automaten – ein wenig nur, um den Beförderungsvorgang zu einem für beide Seiten befriedigenden Abschluß zu bringen. Das klappt aber nicht: Die Automaten sind verdammt noch mal unanfällig gegen Fußtritte, wahrscheinlich auch Erdbeben und Angriffe von Außerirdischen.

(Eigentlich trete ich ja nicht mehr gegen Automaten seit dem Fahrkartenautomatenvorfall. Lange Zeit standen die Fahrscheinautomaten der Bahn auf einem soliden Betonfuß, an dem man wunderbar seine Wut auslassen, dem ein Tritt aber nichts anhaben konnte. Ohne mich zu informieren hat die Bahn den Betonsockel durch einen hohlen Aluminiumfuß ausgetauscht. Als der Automat mich wieder ärgerte, trat ich ihm also routiniert gegen das Schienbein, wodurch ich ein metallisches Poltern auslöste, das den Bahnhof zusammenzucken ließ. Konditioniert nach nur einem Mal: Nie wieder trat ich gegen Fahrkartenautomaten.)

Man trägt also immer eine gewisse Grundwut in sich, wenn man an einen Süßwarenautomaten geht. So auch am 9. Oktober 2006 gegen 22.30 Uhr am Münchner Hauptbahnhof. Zwei Automaten hatten mich schon wieder weggeschickt mit dem Vermerk, sie hätten leider kein Wechselgeld. Ich hatte das Geld zwar passend, aber der Automat hatte zusätzlich seinen Einwurfschlitz versperrt.

Beim dritten Automaten klappte es. Ich erwarb ein Milka Luflee und hatte noch ein Guthaben von 50 Cent. Supi, dachte ich, da kaufe ich gleich noch ein Milka Tender. Ich drückte die Tasten, ein Milka Tender machte sich auf den Weg. Hoffentlich schafft es den Weg bis nach vorne, bangte ich. Plötzlich geriet Bewegung in die Spirale. Hinter meinem Milka Tender hielten sich noch zwei Milka Luflees auf (was auch immer die im Tenderfach zu suchen hatten), und wie die Lemminge stürzten sich alle drei vornüber in den Abgrund.

Ich blickte auf das prallvolle Fach und konnte einen Freudenschrei gerade noch zurückhalten. Dann klopfte das Gewissen an: Kann ich auch die beiden nicht bezahlten Schokoprügel mitnehmen? Ich dachte an all die Münzen, die ich schon eingworfen hatte, ohne daß mich der Automat mit Süßem versorgt hat. Mißtrauisch sah ich mich um, öffnete weit meinen Rucksack und stopfte die vier Packungen mit großer Geste hinein. Ich kam mir vor wie ein Kind, das die Süßwarenabteilung eines Supermarkts ausraubt.

Ich sprang in den Zug und schlief ein. Heute morgen ist mir meine Beute im Rucksack erst wieder eingefallen. So hatte ich ein schönes Frühstück.



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Philipp Seidel wurde 1974 auf eigenen Wunsch in Eutin in Schleswig-Holstein geboren. Es folgten Zivildienst, Volontariat, Studium (Amerikanistik, Germanistik, Psychologie). Redakteur bei einer [..]

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