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»Der Amsel-Dialog« vorgetragen von Philipp Seidel
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12.05.02

Philipp Seidel

Der Amsel-Dialog

Oft treten in der U-Bahn Menschen an mich heran mit der Bitte: "Erzählen Sie doch mal was aus ihrem Privatleben." Bisher habe ich geschwiegen unter Hinweis auf das eventuell zu schwache Herz der Bittsteller. Heute aber will ich erzählen, was passiert, wenn ich nachts im Bett liege. Und zwar folgendes: Ich höre vom Dach meines Häusleins Geräusche, die darauf schließen lassen, daß sich R2-D2, mein Nachbar mit seinem zu laut klingelnden Telefon und eine nicht näher bestimmbare Anzahl Singvögel mit vom übermäßigen Whiskykonsum rauchiger Stimme da oben aufhalten.

Na, dachte ich, als ich der Geräusche zum ersten Mal gewahr wurde, die hätten sich auch ein anderes Dach aussuchen können für ihren Lärm. Gleichzeitig war ich natürlich geschmeichelt, daß sie sich mein Dach ausgesucht hatten. Also warf ich mir einen Morgenmantel über, klemmte ich mir eine Flasche Wein und Gläser für R2-D2, meinen Nachbarn, eine nicht näher bestimmbare Anzahl Singvögel und mich selbst unter den Arm und trat auf den Balkon. Saßen die Erwarteten auf dem Dach? Eine Amsel saß dort und beäugte mich mißtrauisch. Ich maß sie mit gleichem Blick.

"Was machst du mit so vielen Gläsern?" fragte sie.

"Warum machst du R2-D2- und Telefon-Geräusche?" fragte ich.

"Du zuerst."

"Ich dachte, hier wäre jemand anders."

"Und: Enttäuscht?"

"Nö, ist schon in Ordnung. Magst du einen Wein?"

"Immer her damit."

"Warum also die Geräusche?"

"Ich kann sonst nichts. Und die Forscher haben doch auch geschrieben, daß wir Vögel seit einiger Zeit das Klingeln von Mobiltelefonen nachmachen. Da habe ich noch zwei Nummern draufgesetzt. Dein Bademantel sieht albern aus."

"Schlingel", schimpfte ich schmunzelnd.

Wir prosteten uns zu. Das Gespräch kam auf den neuen Star-Wars-Film, lästige Mobiltelefonklingeltöne und whiskytrinkende Singvögel, und wir kamen überein, daß vor allem die Telefontöne abgeschafft werden sollten.

Schließlich zog mein amselnder Freund seine Schuhe an und spreizte die Flügel zum Aufbruch.

"Eins noch", sagte ich schnell. "Kannst du auch was von Mozart?"

Mein Gegenüber schenkte mir ein großzügiges Amsellächeln, stimmte "Eine kleine Nachtmusik" an und flog davon, der aufgehenden Sonne entgegen. Ich legte mich noch einmal ins Bett und lauschte Klängen, die sich in der Ferne verloren.

Ganz lieb, die Amseln. Es ergeht hiermit die Aufforderung, einmal wieder eine Amsel oder einen Vogel nach Wahl zu streicheln und ihm etwas Nettes zu sagen.

Illustration von Martin Rathscheck

Illustration von Martin Rathscheck



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