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19.09.01

Philipp Seidel

Die Medien, der Terror und der Medienterror

Jetzt hätte ich gerne ein Rednerpult und eine große Zuhörerschar. Dann stellte ich mich hinter das eine und vor das andere und sagte: "Ich danke Stefan Raab." Für diesen Satz hätte ich mich vor wenigen Wochen noch befremdet im Spiegel betrachtet, heute kommt er mir leicht über die Lippen. Denn Stefan Raab hat seine Show "TV Total" wieder aufgenommen. Obwohl vor einigen Tagen das World Trade Center nach einem Terrorangriff in sich zusammengefallen ist und viele tausend Menschen unter sich begraben hat.

Mit dem Anschlag hat sich das Fernsehprogramm gewandelt. Immerhin. Statt überall Müll zu senden, zeigten die Fernsehanstalten überall zwei Türme, die zu Müll wurden. Tagelang schien es unbotmäßig, zu lachen oder auch nur zu zeigen, daß man Zähne im Mund hat. Wer auch nur schmunzelte, und sei es noch so gerechtfertigt, machte sich verdächtig.

Ein guter Anlaß zum Schmunzeln war zum Beispiel dieser: Pro7 kündigte am Tag nach dem Terror an, Stefan Raab werde seine Sendung umgehend wieder aufnehmen und gar Stellung nehmen zu den Ereignissen. Wie, mein lieber Stefan Raab, dachte man da, soll denn das wohl aussehen? Witze zum Thema wären unangebracht, das weißt auch Du; ernsthaften Erörterungen könnte Dein Publikum nicht folgen. Was also tun? Tags darauf kündigte ProSieben an, Stefan Raab werde seine Sendung doch nicht umgehend wieder aufnehmen und noch ein wenig warten.

Mein Lieblings-Langweil-Sender Neun Live zeigte erst noch die Spiele, die man nur bei Neun Live findet, später klinkte man sich beim großen Bruder ein und zeigte das gleiche Programm wie N24, Sat.1 und die diversen anderen Besitztümer Leo Kirchs.

Immerhin wurden die Moderatoren von Neun Live auf diese Weise elegant von der Pflicht entbunden, die Anschläge zu kommentieren. Wie hätte dies auch ausgesehen? Hätten sie ernste Mienen aufgesetzt und gesagt: "Das World Trade Center in New York ist eingestürzt. Wo liegt New York? A) Ostfriesland B) China C) Amerika – Rufen Sie uns jetzt an!"

Was aber passierte einen Tag später? Bei Neun Live? Eine Frau erscheint bildfüllend, blickt traurig in die Kamera und sagt Dinge wie "Liebe Zuschauer, entzünden Sie doch in Ihrem Herzen das Feuer der Liebe", "Sehen Sie doch im Gegenüber immer einen Spiegel Ihrer selbst" und "nun wollen wir aber wieder spielen". Und dergleichen. Es hätten nur noch der Schnuller im Mund und die Friedenstaube ("Was ist eine Taube? A) ein Tier B) ein Haushaltsmittel C) ein Zahlungsmittel") auf der Schulter gefehlt, um die Sendung ungeschnitten an VIVA verkaufen zu können.

Es sollte dies ein Appell gegen Gewalt sein. Wäre dies bei VIVA geschehen, so hätte man noch denken können: Na, die Kleinen wissen es vielleicht nicht besser. Was tut man aber bei Neun Live? Lachen, lachen. So konnte ich doch noch recht herzlich schmunzeln. Trotz allem.



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Philipp Seidel wurde 1974 auf eigenen Wunsch in Eutin in Schleswig-Holstein geboren. Es folgten Zivildienst, Volontariat, Studium (Amerikanistik, Germanistik, Psychologie). Redakteur bei einer [..]

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