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»Meldungen aus München (5)« vorgetragen von Philipp Seidel
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20.12.01

Philipp Seidel

Meldungen aus München (5)

Großstädte sind gut. Kleinstädte sind besser. Dies sei all jenen gesagt, die bisher das Gegenteil behauptet haben. Zu klein darf eine Stadt natürlich auch nicht sein. Grundsätzlich gilt: Eine Stadt ist dann zu klein, wenn ein Linienbus nicht zwischen Ortseingangs- und Ortsausgangsschild paßt.

Eine Stadt ist dann zu groß, wenn ihre Bewohner wahnsinnig werden. Das äußert sich unter anderem darin, daß sie klaglos den ganzen Tag Radiosendungen hören, in denen die Moderatoren unablässig künstlich lachen und schlechte Witze produzieren, die sie in Sendungen präsentieren, die sie, weil es sonst niemand macht, für "kultig" erklären. Dies ist peinigend.

Der Nostalgiker denkt zurück an die Zeit, da sich junge Pärchen noch ein individuelles Radioprogramm übers Joghurtbechertelefon geschickt haben. Der Herr sprach und sang in den einen Joghurtbecher, Schall und Wohlwollen wanderten durch den Bindfaden, und auf der anderen Seite stand die Dame, in edles Tuch gehüllt und mit einer Rose im Haar, und horchte, was ihr Liebster sich für sie hat einfallen lassen.

"Möge doch die Zeit stehenbleiben", dachten beide. Doch die Zeit blieb nicht stehen. Das Joghurtbechertelefon wurde abgelöst durch die herzlosen Massenmedien. Zunächst war es ein Herr, von dessen Becher ein Dutzend Schnüre zu einem Dutzend Damen abgingen. Dann kam der Rundfunk, die Becher kamen in den Gelben Sack, die Schnur geriet in Vergessenheit. Die Zeit der Großstadtsender war gekommen.

Großstadtsender sind herzlos. Und sie wissen es. Deshalb muß ab und zu ein Hörer ein paar Sätze live sagen. In einem Münchner Sender (Name bekannt, aber unerheblich) wollte ein Hörer einmal einer Hörerin zum Geburtstag gratulieren. Es spielte sich etwa folgender Dialog ab:

Er: "Servus, Anna, da ist der Ludwig."
Sie: "Hallo? Ludwig?"
Er: "Ich wollte Dir heute einmal zum Geburtstag gratulieren."
Sie: "Ludwig? Das ist ja eine Überraschung."
Er: "Gell?"
Sie: (sinnend) "Mei."
Er: "Gell?"
Sie: (nachdenklicher) "Mei."
Er: "Gell?"
Sie: (der Sprachlosigkeit nahe) "Mei."
Er: "Gell?"
Sie: "Mei."

(Musik setzt ein.)

Sollte sich jemand mit einer der beiden Rollen identifizieren können, sei ihm dringend geraten, in eine kleinere Stadt zu ziehen.



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