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30.10.06

Philipp Seidel

Neulich, beim Steh-Asiaten

Steh-Imbisse waren mir stets ein Greuel: Hektik, Enge, Hitze, und das auch noch im Stehen. Dann aber ereignete sich in dem bayerischen Hauptstädtchen L. folgende Geschichte.

Es war an einem frischen, sonnigen Herbsttag zur Mittagszeit. Man kehrte ein bei einem jener Steh-Asiaten, bei dem die Asiaten die einzigen sind, die nicht stehen, sondern stets durch die Masse der stehenden Gäste hindurchwuseln. Die Tische standen direkt an der offenen Tür, die die Betreiber des Ladens mit einem Keil befestigt hatten. Man freute sich: In dem kleinen, stets leicht dampfigen Lokal war es dadurch angenehm frisch.

Dann hat eine ältere, für eine ernsthafte Verwirrung aber noch nicht alt genug seiende Dame ihren Auftritt. Sie marschiert in unangenehm kurzem Rock und dünner Bluse ins Lokal und zu einem Tisch, bemerkt dann die offene Tür, durch die sie gerade hereingekommen ist.

FRAU (zum Nachbartisch): Stört es Sie, wenn ich die Tür zumache? (geht schon zur Tür und nestelt den Keil heraus)

NACHBARTISCH: Ja. So kommt nämlich frische Luft herein.

FRAU (läßt die Tür zufallen, geht zufrieden an ihren Tisch zurück)

Sprachloses Erstaunen auf den Gesichtern der übrigen Anwesenden.

FRAU Es geht saukalt rein. Frische Luft können Sie beim Spazierengehen haben. (Vermuteter – man sah nur den Hinterkopf – stiller Triumph auf dem Gesicht der Tür-zu-Frau)

Minuten stillen Grummelns vergehen am Nachbartische.

DIE DAME DES HAUSES (bringt Essen, sieht die geschlossene Tür. Zur Tür-auf-Fraktion) Haben Sie die Tür zugemacht?

NACHBARTISCH (grinsend) Nein.

DIE DAME DES HAUSES (macht die Tür mit resolutem Schwung wieder auf, klemmt den Keil wieder ein und geht)

Stiller, doch großer Triumph auf den Gesichtern der Tür-auf-Menschen. Die ältere, für eine ernsthafte Verwirrung aber noch nicht alt genug seiende Dame scheucht etwas Essen in sich hinein, legt die Serviette über den noch halbvollen Teller und marschiert von dannen. Spazierengehen an der frischen Luft.

Ich mag Steh-Imbisse, irgendwie habe ich sie immer gemocht.



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Philipp Seidel wurde 1974 auf eigenen Wunsch in Eutin in Schleswig-Holstein geboren. Es folgten Zivildienst, Volontariat, Studium (Amerikanistik, Germanistik, Psychologie). Redakteur bei einer [..]

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