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01.11.04

Bastian Sick

Das Imperfekt der Höflichkeit

Wenn es darum geht, Dinge zu beschreiben, die gerade passieren und für diesen Moment gelten, dann benutzt man normalerweise das Präsens. Normalerweise – aber nicht immer. Es gibt Situationen, in denen die Gegenwartsform gemieden wird, als sei sie unschicklich. Ein schlichtes »Was wollen Sie?« wird plötzlich zu »Was wollten Sie?«

Mein Freund Henry und ich sitzen im Restaurant und geben gerade unsere Bestellung auf. »Also, Sie wollten den Seeteufel, richtig?«, fragt der Kellner an Henry gewandt. »Das ist korrekt«, erwidert Henry und fügt hinzu: »und ich will ihn immer noch.« Der Kellner blickt leicht irritiert. Henry erklärt: »Angesichts der Tatsache, dass meine Bestellung gerade mal eine halbe Minute her ist, dürfen Sie gerne davon ausgehen, dass ich den Seeteufel auch jetzt noch will.« Der Kellner scheint zwar nicht ganz zu begreifen, nickt aber höflich und entfernt sich.

»Was sollte das denn nun wieder?«, frage ich meinen Freund, der es auch nach Jahren noch schafft, mich mit immer neuen seltsamen Anwandlungen zu verblüffen. Henry beugt sich vor und raunt: »Ist dir noch nie aufgefallen, dass im Service ständig die Vergangenheitsform benutzt wird, ohne dass es dafür einen zwingenden Grund gibt?« – »Das mag zwar sein, aber ich wüsste nicht, was daran verkehrt sein sollte«, erwidere ich. Henry deutet zur Tür und sagt: »Das ging schon los, als wir hereinkamen. Du warst noch an der Garderobe, ich sage zum Empfangschef: ›Guten Abend, ich habe einen Tisch für zwei Personen reserviert!‹, und er fragt mich: Wie war Ihr Name?« – »Ich ahne Furchtbares! Du hast doch nicht etwa...?« – »Natürlich habe ich!«, sagt Henry mit einem breiten Grinsen, »die Frage war doch unmissverständlich. Also erkläre ich ihm: Früher war mein Name Kurz, aber vor drei Jahren habe ich geheiratet und den Namen meiner Frau angenommen, deshalb ist mein Name heute nicht mehr Kurz, sondern länger, nämlich Caspari.« – »Ein Wunder, dass er uns nicht gleich wieder vor die Tür gesetzt hat!«, seufze ich. Henry zuckt die Schultern: »Ist doch wahr! Eisparfait auf der Karte und Imparfait in der Frage – das sind Wesensmerkmale der Gastronomie. Sag mir nicht, du hättest dir noch nie darüber Gedanken gemacht? Ich jedenfalls finde es höchst bemerkenswert!«

Eine Viertelstunde später kommt eine junge weibliche Servierkraft mit den Speisen. »Wer bekam den Fisch?«, fragt sie. Henry wirft mir einen triumphierenden Blick zu, wendet sich zur Kellnerin und sagt mit einem charmanten Lächeln: »Noch hat ihn keiner bekommen, aber ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn ich ihn nun bekommen könnte.« – »Henry«, sage ich tadelnd, »du bringst die junge Dame ja völlig durcheinander!« – »So soll es sein!«, erwidert Henry selbstbewusst, »schließlich ist es meine Bestimmung, junge Damen durcheinander zu bringen!« Ich bemühe mich, sachlich zu bleiben: »Wenn dich jemand etwas fragt und dabei das Imperfekt verwendet, dann heißt das nicht, dass er sich für deine Vergangenheit interessiert. Meistens verwendet man es, wenn man sich einer Sache vergewissern will: Wie war das doch gleich?« Henry spritzt, den Seeteufel nur um wenige Meter verfehlend, Zitronensaft auf mein Hemd und entgegnet: »Als Anwalt bin ich es nun mal gewohnt, Sprache wörtlich zu nehmen. Neulich im Reisebüro wurde ich gefragt: ›Wohin wollten Sie?‹ Da habe ich dann ganz gewissenhaft aufgezählt: ›Letztes Jahr wollte ich in die Karibik – Barbados oder Jamaika, das war immer schon mein Traum, war aber leider zu teuer. Im Jahr davor wollte ich zum Tauchen auf die Malediven, dafür hätte ich aber erst zehn Kilo abnehmen müssen. Als Student wollte ich nach Ägypten, doch dann lernte ich meine Freundin kennen und blieb in Deutschland; und als ich ein kleiner Junge war, da wollte ich unbedingt auf den Mond. Jetzt will ich eigentlich nur nach Rügen.‹ Du kannst dir vorstellen, wie die Reisekauffrau geguckt hat. Das hätte sie kürzer haben können!« – »Wenn du das Imperfekt unbedingt auf die Anklagebank setzen willst, dann lass mich etwas zu seiner Verteidigung sagen. Das Imperfekt in der Frage drückt respektvolle Distanz aus, daher ist es im Service so beliebt. Man will dem Kunden schließlich nicht zu nahe treten. ›Wie war Ihr Name?‹ klingt – zumindest in manchen Ohren – weniger direkt und somit höflicher als ›Wie ist Ihr Name?‹ Es ist dasselbe wie mit dem Konjunktiv. ›Ich will ein Glas Prosecco‹ klingt zu direkt, daher verkleidet man den Wunsch mit dem Konjunktiv, versieht ihn womöglich noch mit einem Diminutivum und sagt: ›Ich hätte gerne ein Gläschen Prosecco!‹« Erwartungsgemäß nutzt Henry diese Vorlage zu einem spöttischen Einwurf: ›Au ja! Prosecco für alle!‹ Ich fasse zusammen: »Aus demselben Grund wird in der Frage das Imperfekt verwendet – aus Höflichkeit.« Henry verdreht schwärmerisch die Augen: »Das Imperfekt der Höflichkeit! Ein toller Titel! Klingt wie ›Der Scheineffekt der Wirklichkeit‹ oder ›Der Gipfel der Unsäglichkeit‹. Seine Vollendung findet es übrigens im berühmt-berüchtigten Imbiss-Deutsch: ›Waren Sie das Schaschlik oder die Currywurst?‹«

Wir lassen es uns schmecken, und nachdem auch die zweite Flasche Wein geleert ist, gebe ich dem Kellner mit Handzeichen zu verstehen, dass er uns die Rechnung bringen möge. Einen Augenblick später ist er zur Stelle und fragt: »Die Herren wollten zahlen?« Und ehe ich noch Luft holen kann, platzt es aus Henry heraus: »Vor fünf Minuten wollten wir zahlen, und redlich, wie wir sind, wollen wir immer noch zahlen, und zwar so lange, bis wir tatsächlich gezahlt haben!« Der Kellner verzieht keine Miene: »Zusammen oder getrennt?« – »Zusammen!«, sage ich. »Du lädst mich ein?«, fragt Henry begeistert, »wie komme ich zu der Ehre?« – »Das war ein Arbeitsessen«, erkläre ich, »daraus mache ich eine Kolumne.« – »Prima«, sagt Henry, »dann weiß ich auch schon was für unser nächstes Arbeitsessen! Da gehen wir zu meinem Koreaner. Der fragt nie: ›Was darf's sein?‹ oder ›Was wünschen Sie?‹, sondern ›Was soll essen?‹ Darüber lässt sich prächtig philosophieren!«

Diese Kolumne finden Sie – leicht variiert – auch in Bastian Sicks Bestseller »Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod – Folge 2«.



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Bastian Sick

Jahrgang 1965, geboren in Lübeck, lebt in Hamburg. Studium der Geschichtswissenschaft und Romanistik; Magister Artium; Tätigkeit als Lektor und Übersetzer; von 1995-1998 Dokumentationsjournalist [..]

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