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21.06.05

Bastian Sick

Der antastbare Name

Unsere Namen sind uns heilig; jeder legt Wert darauf, dass sein Name richtig geschrieben und in seinem Sinne ausgesprochen wird. Ein fälschlicherweise mit »ai« geschriebener Meier oder ein mit »tz« buchstabierter Schulze kann die Betroffenen in Rage bringen. Manch einer fühlt sich geradezu beleidigt, wenn er seinen Namen falsch geschrieben sieht. Das ist nur allzu verständlich – der Name gehört schließlich zu uns wie die Nase im Gesicht. Mit seinem Namen identifiziert sich der Mensch, auch wenn er ihn nicht besonders leiden kann und sich selbst einen ganz anderen Namen ausgesucht hätte.

Und weil uns Namen heilig sind, haben viele von uns eine Scheu, die Schreibweise eines Namens zu verändern, wenn die Grammatik es erfordert. Berühmtestes Beispiel ist der Genitiv. Der zweite Fall macht Christa zu »Christas« und Auermann zu »Auermanns«. Ein ganz natürlicher Vorgang – eigentlich. Zahlreichen Geschäftsinhabern und Gaststättenbetreibern bereitet er jedoch beträchtliches Unbehagen. »Ich schreibe mich doch aber nicht mit s am Ende!«, denkt Christa. Und Auermann denkt: »Ich heiße doch nicht Auermanns!« Zum Glück gibt es ja den Apostroph, das ist Christa’s Rettung. Und Herrn Auermann’s auch. Wäre ja auch schlimm, wenn man dem Namen einfach so ein »s« anhängen müsste. Wo kämen wir da hin? Wie sähe das denn aus?

Inzwischen darf der Genitiv-Apostroph zur Kenntlichmachung des Namens sein Unwesen sogar mit offizieller Billigung von Duden und Rechtschreibkommission treiben. Die Vorstellung, dass Namen nicht angetastet, sprich: orthografisch verändert werden dürften, ist tief im deutschen Bewusstsein verankert. Schade eigentlich, denn diese Vorstellung ist falsch. Auch für den Umgang mit Namen gibt es Rechtschreibregeln. Die sind im Zuge der Reform zwar gelockert worden, sodass die Grimmschen Märchen jetzt auch als Grimm’sche Märchen zu haben sind und ein goethekundiger Mensch sich auch als Goethe-kundig bezeichnen darf, aber die Annahme, ein Name sei unveränderlich, ist genauso falsch wie die Annahme, zwischen Vor- und Nachname dürfe niemals ein Bindestrich stehen.

Viele Kommunen stecken bekanntlich in Geldschwierigkeiten. Daher wird an allen Ecken und Enden gespart. Genauer gesagt an allen Straßen und Plätzen; und zwar nicht nur am Belag und an der Begrünung, sondern auch an Bindestrichen. Dieser Eindruck entsteht, wenn man mal wieder irgendwo auf einem Willy-Brandt-Platz steht und auf dem Straßenschild nur »Willy Brandt-Platz« liest. Auch dem Heinrich Hertz-Ring und der Richard Wagner-Straße ist das verbindende Zeichen abhanden gekommen.
Viele Menschen glauben offenbar, der Freiraum zwischen dem Vornamen und dem Nachnamen sei eine Tabuzone, innerhalb derer man keine (ortho-)grafische Veränderung vornehmen dürfe. Das ist ein Irrtum. Die Regeln sind in diesem Fall eindeutig: Namen von Straßen, Gebäuden und Institutionen, die aus drei und mehr Teilen zusammengesetzt sind, werden durchgekoppelt. Also Willy-Brandt-Platz, nicht Willy Brandt-Platz (und natürlich erst recht nicht Willy Brandt Platz). Es handelt sich ja nicht um einen Brandt-Platz, vor dem sich irgendein Willy herumtreibt, sondern um einen Platz, der nach Willy Brandt benannt wurde. Der Vorname gehört genauso zum Platz wie der Nachname.
Diese im Grunde doch ganz simple Erkenntnis will aber längst nicht jedem einleuchten. Selbst Universitäten tun sich damit schwer. Die hochangesehene Humboldt-Universität in Berlin hat bei der Benennung ihrer Gebäude auf den sinnstiftenden Bindestrich verzichtet. So findet man in Berlin-Adlershof das »Johann von Neumann-Haus« und das »Erwin Schrödinger-Zentrum«.
Mitunter sehen derlei halbherzige Zusammensetzungen eher wie Doppelnamen aus.
Würden Sie Ihre Hand dafür ins Feuer legen, dass es sich bei »Bettina von Rath-Halle« und »Dominik Grünwald-Saal« wirklich um Veranstaltungsräume und nicht einfach um Personen mit einem Doppelnamen handelt? Wird der Name durchgekoppelt, ist jede Verwechslungsgefahr ausgeschlossen: eine »Bettina-von-Rath-Halle« kann keine Person, sondern nur eine Halle sein.

Die ARD ist auch als »Das Erste« bekannt. Dennoch mutet es seltsam an, wenn eine Ansagerin verkündet: »Und morgen sehen Sie in Das Erste...«
Dass man den Namen auch beugen kann, ohne ihm die Individualität und den Reiz zu nehmen, beweist das Zweite. Denn das ZDF wirbt seit einiger Zeit mit dem doppelsinnigen Spruch: »Mit dem Zweiten sieht man besser«, womit einerseits das zweite Auge, andererseits das zweite Programm gemeint ist. Dieser Slogan wäre überhaupt nicht mehr doppelsinnig, sondern nur noch hirnrissig, wenn er hieße: »Mit Das Zweite sieht man besser.« Wie erfreulich doch, dass man sich beim Zweiten da nicht stur gestellt hat. Von so viel Flexibilität dürfen sich andere gern eine Scheibe abschneiden.

Plakat des VDS

Plakat des VDS

Mit freundlicher Genehmigung von Bastian Sick

Das größte Brimborium wird mit Markennamen veranstaltet. Im Frühjahr 2005 wirkte ich bei einer Plakatkampagne des Vereins Deutsche Sprache (VDS) mit, der mir kurz zuvor die Ehrenmitgliedschaft angetragen hatte. Der VDS hatte mich um ein Foto und um einen Spruch zum Thema deutsche Sprache gebeten. Ich schlug diesen vor: »Unsere Sprache ist wie eine prall gefüllte Tonne bunter Lego-Steine, die sich immer wieder anders zusammensetzen lassen. Das macht sie so reich und uns alle zu Erfindern.« Der Spruch gefiel dem VDS, und voller Eifer machte man sich an die Gestaltung des Plakats. Um sicherzugehen, dass die Firma Lego gegen die Verwendung ihres Namens keine Einwände hatte, fragte der VDS höflich in der Firmenzentrale nach. Der zuständige Sachbearbeiter, vermutlich ein Jurist, erteilte die Erlaubnis – unter folgenden Bedingungen: Erstens müsse der Name Lego mit einem ®-Zeichen markiert sein, zweitens müsse er in Versalien geschrieben werden und drittens müsse er isoliert stehen, zwischen dem Wort Lego und dem Wort Steine dürfe kein Bindestrich stehen.

Die erste Bedingung hätte der VDS noch akzeptiert. Die zweite verursachte den Verantwortlichen schon Bauchschmerzen: Lego in Großbuchstaben? Der Name war ja Teil eines Zitates, und innerhalb eines Zitates gelten die Regeln der deutschen Rechtschreibung. Denen zufolge werden nur Abkürzungen und Abkürzungswörter in Versalien geschrieben, und auch nur solche, die man nicht wie ein Wort sprechen kann, sondern durchbuchstabiert. Die Firma KPMG zum Beispiel wird auch innerhalb eines Fließtextes in Großbuchstaben geschrieben, da man jeden Buchstaben gesondert spricht. Die Organisationen Nato, Uno, Esa und Unicef hingegen werden wie normale Wörter geschrieben, also lediglich mit großem Anfangsbuchstaben, da sie auch wie normale Wörter gesprochen werden. Wir sagen ja nicht En-A-Te-O oder U-En-O. Schriebe man Lego in Versalien, müsste man es El-E-Ge-O aussprechen, also Buchstaben für Buchstaben, so wie bei USA und DDR, bei SPD und CDU, bei AGB und DBDDHKP...
Die dritte Bedingung, die die Firma L-E-G-O stellte, ließ sich am allerwenigsten mit den Grundsätzen des VDS vereinbaren: Der Verzicht auf den Bindestrich zum nachfolgenden Wort »Steine« hätte einen klaren Verstoß gegen die Regeln der deutschen Orthografie bedeutet. Bei dem Wort »Lego-Steine« handelt es sich um eine Zusammensetzung, und Zusammensetzungen werden im Deutschen entweder zusammengeschrieben oder gekoppelt. Dass ihre Bestandteile unverbunden nebeneinander stehen, so wie im Englischen oft der Fall, sieht die deutsche Rechtschreibung nicht vor.

Selbstverständlich darf sich die Firma Lego in ihren eigenen Pressemitteilungen, auf ihren Packungen und in ihren Katalogen schreiben, wie es ihr beliebt. Aber sie darf von anderen nicht verlangen, die Regeln der deutschen Rechtschreibung zu missachten. Schon gar nicht vom Verein Deutsche Sprache. Und da die Firma Lego nicht bereit war, von ihren Forderungen abzurücken, entschlossen wir uns, das Zitat abzuändern und Lego kurzerhand rauszustreichen. »Wie ein Haus aus Steckbausteinen lässt sich unsere Sprache immer wieder neu zusammensetzen. Das macht sie so reich und uns alle zu Architekten.« Das haben die bei El-E-Ge-O nun davon.

Im Frühjahr 2005 zeigte der »Spiegel« alle Titelseiten, die im Laufe der 55-jährigen Geschichte des Magazins entstanden waren, in einer Ausstellung, die den Titel trug: »Die Kunst des SPIEGEL«. Noch schmerzhafter als die Unsitte, das Genitiv-s zu apostrophieren, ist die Praxis, es gänzlich zu unterschlagen. Denn das brennt nicht nur in den Augen, sondern kribbelt auch noch unangenehm in den Ohren. Der Duden stellt fest, dass das Weglassen der Genitivendung bei Eigennamen inzwischen zwar weit verbreitete Praxis sei, aber nach wie vor unkorrekt. Richtig sei »der Chefredakteur des ›Spiegels‹«, auch wenn der »Spiegel« selbst dies anders handhabe. Wann immer ich an einem Plakat vorbeikam, das auf die »Kunst des SPIEGEL« hinwies, überkam es mich, und ich begann instinktiv wie eine Schlange zu zischen: »Sss! Des Spiegelsss!« Da ich bei der Ausstellungseröffnung vermutlich in einen Zisch-Krampf verfallen wäre, bin ich gar nicht erst hingegangen. »Die Kunst des SPIEGEL« fand ohne Genitiv-s statt – und ohne mich.

Eigennamen sind nicht unantastbar. Als Teil eines Satzes oder einer Wortgruppe werden sie zu Hauptwörtern und haben ein Recht darauf, als solche behandelt zu werden. So weit die heutige ZWIEBELFISCH® Kolumne.

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Bastian Sick

Jahrgang 1965, geboren in Lübeck, lebt in Hamburg. Studium der Geschichtswissenschaft und Romanistik; Magister Artium; Tätigkeit als Lektor und Übersetzer; von 1995-1998 Dokumentationsjournalist [..]

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