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02.03.10

Bastian Sorge

Air Berlin, der letzte Versuch – eine Flughafen-Odyssee

Ich hätte wissen müssen, dass diese meine Reise unter keinem guten Stern steht. Ich hätte schlauer sein müssen. Denn: Schon das Buchen des letzten Fluges mit der Air Berlin war ein kleines Abenteuer. Trotzdem habe ich mich dazu hinreißen lassen, noch mal mit der schicken roten Airline zu fliegen. Diesmal nach Stuttgart. Abflug: 9:35 Uhr.

Weil ich einen schön frühen Flug gebucht habe, damit ich den Tag in Stuttgart gewinnbringend nutzen kann, muss ich natürlich auch früh aufstehen. 5:30 Uhr. Doch die Laune ist blendend, denn Sorge geht auf Reisen. Der Taxifahrer ist kompetent, weil schweig- und genügsam. Das Wetter ist schön, es strahlen sowohl Sonne als auch Reisender in den Morgen hinein, erstere gut gelaunt wie immer, letzterer total fertig und zerknautscht. Aber was soll's. Grins.

7:42 Uhr, ich treffe total pünktlich am Flughafen ein. Eine Air-Berlin-Checkin-Frau nimmt mir mein Gepäck ab und teilt mir einen schönen Fensterplatz zu. Rein kommunikationsmäßig ist das etwas schwierig, weil sie zwar Deutsch spricht, jedoch einen derartig ausgeprägten französischen Akzent hat, dass ich – im interkulturellen Dialog bewandert – mehr errate denn verstehe, was sie wohl meint. Spätestens hier hätte ich Verdacht schöpfen können. Habe ich aber nicht.

Sicherheitskontrolle. Wie gewohnt finden die Hamburger meine illegale Kontaktlinsenflüssigkeit nicht. Wenn ich jetzt das Flugzeug in die Luft hätte sprengen wollen, dann hätte ich können, denn ...!

Nach einem überteuerten Frühstück (den Preis ignoriere ich gekonnt) begebe ich mich zum Gate. Boarding time: 8:50 Uhr. Perfekte Pünktlichkeit. Da kommt die Französin angelaufen – nennen wir sie Brigitte, aber bitte französisch ausgesprochen, also eher Brischiht(1). Brischiht klemmt sich also hinter das Mikrofon und haucht etwas hinein, was ich nicht verstehe. Dass sich die Boarding time auf dem Monitor auf einmal auf 11:35 Uhr ändert, verstehe ich aber sehr wohl. Und dass Brischiht mir jetzt einen Essensgutschein geben will, damit es mir bei der nun folgenden Wartezeit auch ja gut ergehe.

Ich ärgere mich ausführlich und gehe danach noch mal frühstücken. Zeit genug habe ich ja. Ich kippe Kaffee. Außerdem suche ich den Boardingbereich nach Internetterminals ab. Ich verbringe eine halbe Stunde im Internet, für 10 Cent die Minute. Ich laufe von Gate C 08 bis Gate A 38 und wieder zurück (Verdauungsspaziergang). Ich setze mich hin. Ich stehe wieder auf. Ich kaufe den Spiegel. Ich lese. Ich gehe auf Klo. Ich gehe zu Gate A 22. Ich beobachte Lufthansa-Passagiere in freudiger Erwartung ihres Fluges nach München. Ich gehe bei Gate A 22 auf Klo. Ich gehe wieder zurück.

Das Abfluggate hat sich geändert, erfahre ich. C 23, s'il vous plaît, sagt Brischiht. Aber bitte erst um 14:00 Uhr. Denn: Das Flugzeug, mit dem die freundlichen Franzosen von der Air Berlin mich eigentlich nach Stuttgart fliegen wollten, ist von Nagetieren befallen worden. Leider hat man gerade keine Ersatzmaschine zur Hand, weswegen man jetzt eine andere Fluggesellschaft mit dem Flug beauftragen wird. Und das dauert. Und um unser Verständnis wird gebeten.

Ich habe zwar Verständnis, aber keine Lust mehr. Ich bin jetzt satt und habe zu viel Zeit – zwei Dinge, die ich in meinem Alltag nicht kenne. Ich bin überfordert. Was also tun?

Zunächst esse ich etwas. Dann besuche ich noch einmal A 22. Auf dem Weg dorthin gehe ich irgendwo auf Klo, wo ich noch nicht war. Bei A 22 hat sich nichts geändert, außer dass die Lufthansa-Maschine nach München schon vor drei Stunden losgeflogen ist. Die sind früher in München als ich hier überhaupt wegkomme. Ich hätte zu Fuß nach Stuttgart gehen sollen.

Ich schaue auf die Uhr: Nur noch zwei Stunden.

Ich gehe nach unten zu den Gepäckbändern und durchbreche polternd die Tür zum Ankunftsbereich. 26 Augen schauen mich erstaunt an; ein verwahrloster Mittdreißiger hält mir hoffnungsvoll ein kleines Schild »Dräger« hin. Ich lehne dankend ab, denn ich gehöre diesem Verein nicht an. Ich will eigentlich bloß weg, aber man lässt mich nicht.

Ich fahre aus Jux und Dollerei Rolltreppe. Ich lasse mich von American-Express-Card-Anwerbern zudröhnen. Ich spreche die Lautsprecheransagen mit. Ich mache den Sicherheitscheck noch mal. Wieder durchbreche ich mit meiner Waffe aus Kontaktlinsenflüssigkeit die Mauer der hamburgischen Security (2) . Immer noch zu viel Zeit.

Schließlich ende ich da, wo keiner hin will, aber irgendwie doch alle landen: Wartend am Gate. C 23. Dabei bleibt's. Meine stete Begleiterin: Brischiht. Sie sagt uns alle Viertelstunde, dass »Ihr Flugsseug noch nischt in Stuttgarrt losgeflogen ist« und dass es noch etwas dauert.

Um 15 Uhr heben wir dann endlich ab. Und kommen, o Wunder, heil in Stuttgart an. Mit einer Fluggesellschaft, die ich nicht kannte: Blue Wings. Die fliegen sonst bevorzugt Ziele in Russland, der Türkei, Libanon und Syrien an. Wisst ihr Bescheid.

Schön, dass ich so früh aufgestanden bin und den Tag in Stuttgart so gut nutzen konnte. Es war mir eine Freude.

Nächstes Mal gehe ich zu Fuß.

Im offiziellen Air Berlin-Song behauptet die piepsige Sängerin schüttelreimend:

Flugzeuge im Bauch, im Blut Kerosin, kein Sturm hält sie auf, uns're Air Berlin.

Das mag schon sein, aber wir wissen nun, wer die Air Berlin aufhalten kann. Sie sind klein und braun, und sie sind das
Unwort des Tages: Nagetiere.

[1] mit weichem sch, ganz wichtig!

[2] Habe die Geschichte dem Spiegel angeboten, aber der wollte nicht.

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Bastian Sorge

Bastian Sorge hat am gleichen Tag Geburtstag wie Martin Walser, Steve McQueen, Fatty Arbuckle, die Kremers-Zwillinge und Magdi Aboul-Kheir. Geboren ist er im [..]

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