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04.07.10

Bastian Sorge

Wenn Sandra sinnlos sabbelt

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»Wenn Sandra sinnlos sabbelt« gesprochen von Bastian Sorge.
(Bitte beachten Sie unseren Rechtevorbehalt).

In der Literatur der Romantik spiegelt sich die Stimmung des Protagonisten in der Art wider, wie die Natur im Text beschrieben wird. »Von der Nordsee her aufziehende dichte Wolkenfelder mit gelegentlichem Starkregen bei bis auf 14 Grad fallenden Temperaturen« trifft meine Stimmung recht gut. Heute ist, sozusagen, ein romantischer Tag.

Und gleich Linguistik. Voll geil.

Ich fahre gerade mit meinem Fahrrad und gefühlten 50 Stundenkilometern einen Berg hinunter, da klingelt mein Handy.

[069661021...]

Frankfurter Nummer. Mir schwant Übles.

»Guten Tag, Herr Sorge, mein Name ist Sandra Sabblt von der AxelSpringer­HubertBurda­MediaAG­Verwaltung aus Frankfurt.«

Sandra sabbelt unbewegt vor sich hin, während ich stumm weiterradle. Einem entgegenkommenden Dozenten winke ich entgeistert zu. Er ignoriert mich.

»Herr Sorge, ich rufe Sie an, weil Sie vor einiger Zeit mal bei uns bei einem kostenlosen Gewinnspiel mitgemacht haben und dazu habe ich gerade mal ein paar Fragen ...«

Ich bremse, damit ich nicht von einem Anzugträger im bombastischen schwarzen Mercedes umgenietet werde und sage dann: »Vor einiger Zeit hat mich mal eine Kollegin von Ihnen angerufen. Die habe ich das gefragt, was ich Sie jetzt frage: Woher haben Sie denn eigentlich meine Handynummer?«

»Ja, Herr Sorge, da ist ja dieses Gewinnspiel ...«

»Unsinn. Warum bin ich denn bei Ihnen registriert, also was kaufe ich denn bei Ihnen?«

»Das weiß ich nicht, ich bin ja in der Verwaltung und nicht in der Buchhaltung.«

Entweder hat Burda eine total perverse Unternehmensstruktur oder dies ist eine sorgfältig  zurechtgelegte Ausrede. Ich gehe von letzterem aus und frage genervt, während ich mit dem Handy am Ohr schwankend links abbiege (1): »Und was soll ich bei Ihnen jetzt kaufen?«

Sandra Sabblt schweigt einen Moment, gibt den potenziellen Kunden aber doch noch nicht auf: »Zeitschriften!« Das Wort schwingt noch ein wenig zwischen der prä-regnerischen Kieler und der geschäftig-verschmutzten Frankfurter Luft hin und her.

Da entzündet sich bei Frau Sabblt plötzlich die hell leuchtende Fackel der Erkenntnis: »Aber Sie haben irgendwie kein Interesse, oder?«

»Naja«, schreie ich, um den gigantischen roten Bus der Nummer 81 zu übertönen, der mich gerade mit nur wenigen Millimetern Abstand überholt, »ich fahre gerade mit dem Fahrrad einhändig durch Kiel ...«

»Oh!« – Sandra Sabblt hat einen Ausstiegsgrund gefunden – »ich lege sofort auf ...«

»Ja, brillante Idee.«

»Schönen Tag noch.«

»Ebenso.«

Unwort des Tages: Herr Sorge.

[1] Ein Blondchen im roten Opel schaut mir dabei hinterher, als käme ich von einem anderen Stern – wohl noch nie einen telefonierenden Fahrradfahrer gesehen ...


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